Katja Schittko ist Sozialdemokratin und Leiterin des Bundestagsbüros der Meißener SPD-Abgeordneten Susann Rüthrich. In unserer Serie "Meine Idee für die Sozialdemokratie" schreibt sie, was sie an ihrer Partei verändern will.

Jahrgang 1982. Geburtsstadt Dresden. Geburtsland DDR. Kinderkrippe, Kindergarten, Einschulung in der DDR. Aufgewachsen in der BRD. Schule, Abschlüsse, Jobs, alles in der BRD. Also bin ich mehr Wessi als Ossi? Oder bin ich ein "Wossi"?

Meine Familie setzt sich aus vielen typischen DDR-Biografien zusammen. Wir waren privilegiert, keine Frage: Vater ehemaliger Offizier, Mama Krankenschwester, Großväter beide ebenfalls Karriere in der NVA. Die erste Wohnung meiner Eltern war sofort Neubau, schnell mit eigenem Telefon. Heile Welt. Umso verletzter, fast schockiert waren meine Eltern, als die Mauer fiel. Der Lebensinhalt und alles woran sie glaubten, war dahin. Fast über Nacht. Allein die Lebensjahre meines Vaters von 1988 bis 1997 würden Romane füllen.

Ich erinnere mich kaum an diese Zeit. Es ist auch nicht meine Zeit. Es sind nicht meine Verletzungen, es war nicht mein Umbruch und doch ist mein Leben bis heute davon geprägt. Ich bin mit diesen Verletzungen, der Unsicherheit in der neuen Situation, den Umbrüchen, der nicht anerkannten Lebensleistung meiner Elterngeneration, den gebrochenen Erwerbsbiografien, der Arbeits- und Hilfslosigkeit aufgewachsen. Konnte sie immer spüren, während sich die Welt vor meine Füße warf und mich einlud, mich in ihr auszutoben. Diese Beschreibungen verstehen vermutlich nur Menschen der dritten Generation Ost – diejenigen, die in der DDR geboren und in der BRD aufgewachsen sind.

Drei Generationen finanziell versorgen

Die SPD Sachsen hat endlich verstanden, dass die Geschichten meiner Eltern- und Großelterngeneration erzählt werden müssen. Es sind nicht nur Ungerechtigkeiten in der Rente und des Lohnes bis heute geblieben. Es sind die Herzen der Menschen, die bis heute gebrochen, zumindest aber verunsichert sind. Petra Köpping leistet bei der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit einen großartigen Job und ich kann sie nur unterstützen. Aber: Die Probleme meiner Generation sind andere.

Ich muss drei Generationen finanziell versorgen. Erstens: meine Eltern, die durch vergleichbar geringe Löhne in der DDR und die gebrochene Erwerbsbiografie später wenig Rente haben werden. Rücklagen gibt es kaum. Woher auch? Eigentum war keine Option. Geldanlagen gab es im Sozialismus nicht. Alles war geregelt. Bis 1989. Nun muss ich mir überlegen, wie ich meine Eltern unterstütze.

Zweitens: mich selbst. Ich werde nichts von meinen Eltern erben. Ich verdiene im Osten nach fast 30 Jahren immer noch weniger und werde damit weniger Rente als der Durchschnitt meiner Generation im Westen haben. Also muss ich schauen, wie ich mit meinem ostdeutschen Background über die Runden komme.

Und dann soll ich noch Kinder bekommen. Ich habe mir sagen lassen, dass die essen wollen, Kleider und Spielzeug von den Eltern verlangen und, wenn sie in die Schule gehen, mir die Rechnungen für das Busticket, den Ranzen und das Schulessen überreichen.