Alice Greschkow, geboren 1989, arbeitet in einer Politik- und Unternehmensberatung und bloggt für die SPD-Zeitung "vorwärts". In unserer Serie "Idee für die Sozialdemokratie" schreibt sie über ihre Zukunftsvision einer "Partei der Arbeit".

In der SPD-Analyse zu den Fehlern der vergangenen Bundestagswahlkampagne findet sich vor allem ein bedenkenswertes Ergebnis: Von 2013 bis 2017 waren durchgängig über 30 Prozent der deutschen Wähler der Meinung, dass die Union die meiste Lösungskompetenz beim Thema Arbeitsmarktpolitik habe. Lediglich 20 Prozent sahen mehr Kompetenz bei der SPD. Und das, obwohl die SPD schon damals Herrin des Arbeitsministeriums war.

Nach 150 Jahren sozialdemokratischer Geschichte ist vom Image der Arbeiterpartei SPD wenig übrig geblieben. Die SPD scheint durch die Hartz-IV-Reformen langfristig an Glaubwürdigkeit verloren zu haben, eine "Partei der kleinen Leute zu sein". Wir haben unsere Erfolge zu wenig verkauft: Der hart erkämpfte Mindestlohn hilft 1,4 Millionen Menschen in Deutschland. Aber dem Image der SPD hat er wenig gebracht.

Damit sich diese Wahrnehmung ändert, muss die deutsche Sozialdemokratie Folgendes tun:

1. Partei der Arbeit statt Arbeiterpartei

Die Zahl der klassischen Arbeiter und Arbeiterinnen sinkt, und immer weniger Leute verstehen sich selbst als solche. Wo es früher einen gewissen Stolz gab, sich als Arbeiter zu bezeichnen, ist das heute weniger so. Und tatsächlich sind viele Industriearbeiter heute deutlich besser ausgebildet sowie spezialisierter und verdienen zum Teil auch mehr als manche Geisteswissenschaftler.

Nichtsdestotrotz ist die Stimmung bei vielen Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen angespannt. Einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zufolge sind Abstiegsängste bis weit in die Mittelschicht verbreitet: 80 Prozent der Geringverdiener sorgen sich um ihren Lebensstandard, aber auch 40 Prozent der Topverdiener. Gleichzeitig besteht eine große Sehnsucht nach Sicherheit des Arbeitsplatzes, wie das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) herausfand. Von zehn Prioritäten, die das WZB bezüglich des Arbeitsplatzes untersuchte, liegt ein sicheres Arbeitsverhältnis an erster Stelle. Lediglich 14 Prozent der Befragten sind zum Beispiel flexible Arbeitsbedingungen besonders wichtig.

In Deutschland gibt es über 44,6 Millionen Beschäftigte. Sie alle haben unterschiedliche Gehälter, Aufgaben und Probleme. Aber trotzdem sollten sie das Gefühl haben, dass die SPD sie verstanden hat. Man muss eindeutig kein klassischer Arbeiter sein, um Jobängste zu haben. Arbeitsverträge mit kurzer Laufzeit und Teilzeitmodelle können zwar als Errungenschaft in puncto Flexibilisierung gelten – aber sie produzieren eben auch ein Klima der Unsicherheit.

Als Kanzlerkandidat hat Martin Schulz im vergangenen Jahr dann und wann aktuelle Arbeitsthemen wie die wiederholten Befristungen gerade unter jungen Menschen thematisiert. Doch statt "sachgrundlose Befristungen" mit diesem technischen Begriff anzuprangern, muss die SPD größer denken.

2. Digitalisierung – sowohl Optimisten als auch Pessimisten abholen

Die Digitalisierung ist für einen Teil der Gesellschaft ein Schritt in Richtung Modernisierung, für den anderen hingegen eine Bedrohung für den eigenen Lebensstandard. Für die SPD ist es besonders schwer, zu dem Thema eine konkrete Haltung zu entwickeln: Denn wie die Bertelsmann-Studie Populäre Wahlen ermittelte, gehören 56 Prozent der SPD-Wähler und -Wählerinnen zu den Fortschrittsoptimisten, 44 Prozent hingegen sind pessimistisch.

Wie können die Arbeitnehmerrechte von Clickworkern gesichert werden? Diese digitalen Selbstständigen bieten ihre Dienstleistungen häufig auf Plattformen zu niedrigen Preisen an, um konkurrenzfähig zu bleiben. Was für manch einen freien Texter oder Grafikdesigner eine Chance ist, birgt aber auch die Gefahr, bei Rentenansprüchen und der Arbeitslosenversicherung zu kurz zu kommen.

Auf der anderen Seite: Wie unterstützt man Bürgerinnen, deren Job wegen der Digitalisierung wegfällt? Was braucht es, damit mehr Menschen die Digitalisierung als Chance wahrnehmen? Wie kann Deutschland ein fester Standort für Zukunftstechnologien werden?

Es ist ein fundamentaler Schritt, dass die Bundesregierung einen ersten Aufschlag zur Digitalstrategie vorgelegt hat. Das Arbeitsministerium unter Hubertus Heil muss dabei mehr als den Status quo untersuchen, und Ideen entwickeln, wie Menschen aufgefangen werden, deren Jobs verschwinden. Übergangsprogramme, die Arbeitgeber entlasten und Arbeitnehmern Zeit erkaufen, um sich nach neuen Beschäftigungsmöglichkeiten umzuschauen, können dabei ein erster Schritt sein.

3. Lebenslanges Lernen darf keine leere Worthülse sein

Lineare Lebensläufe, in denen Beschäftige mehrere Jahrzehnte im selben Unternehmen bleiben, werden immer seltener. Brüche, Neuanfänge und Umorientierungen dürfen keine Hürde mehr für die Jobsuche sein. Das bedeutet auch, dass Weiterbildungs- und Qualifikationsangebote für Arbeitnehmer in allen Altersklassen und Karrierestufen ausgebaut werden.

Erkenntnisse darüber, welche Berufe in Zukunft wegfallen und welche schwer zu ersetzen sind, können als Orientierung für das Bildungssystem dienen. An Schulen sollten vermehrt komplexes Denken, Analysefähigkeiten und kreative Lösungssuche gelehrt werden. Außerdem muss die emotionale Schwelle für IT-Berufe gesenkt werden. Programmieren darf nicht als abschreckend gelten, wenn Deutschland sowohl Arbeitsplätze schaffen als auch seine Wettbewerbsfähigkeit beibehalten möchte.