Seit 2011 ist der verpflichtende Dienst an der Waffe ausgesetzt – ganz verschwunden aus den Köpfen und Herzen vieler Konservativer ist die Wehrpflicht nie. Ihre Argumente passen plötzlich wieder in die Zeit.

Der Impuls diesmal kam von der CDU-Basis. Über Monate war die Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer durch die Republik gefahren, um Themen für das neue Grundsatzprogramm zu sammeln. An nahezu jeder Station wurde sie auf die Wehrpflicht angesprochen.

Unterhält man sich mit Befürwortern der Dienstpflicht, hört man immer wieder dieselben zwei Argumente. Das erste ist der bescheidene Zustand der Truppe. Meist schwingt eine diffuse Sehnsucht nach ein bisschen mehr Gestern mit. Dass ein paar Tausend Männer und Frauen, die gerade aus der Schule kommen, die Bundeswehr binnen kurzer Zeit aufmöbeln werden, darf bezweifelt werden. Dass Flugzeuge und Panzer in Werkstätten vor sich hin rosten, daran ändert auch die Wehrpflicht nichts. Und eine Kaserne voller Heranwachsender ist genauso wenig eine Ressource im hoch spezialisierten Antiterrorkampf wie eine glaubwürdige Abschreckung gegen großmannssüchtige Staaten wie etwa Russland.

Wichtiger ist das zweite Argument für die Wehrpflicht – und das ist kein militärisches, sondern ein soziales. "Wo sonst können sich der Manager-Sohn und das Arbeiterkind in unserer Gesellschaft noch mal so nahe kommen wie auf einer Stube beim Bund", fasste es neulich ein CDU-Politiker in Leipzig zusammen. Im Flecktarn verschwimmen die Klassenunterschiede, die Bundeswehr als großer Gleichmacher.

Dasselbe gilt auch für den Zivildienst oder das "Gesellschaftsjahr", das nun die Mittelstandsunion und die Junge Union fordern. Alle Schulabgänger und -abgängerinnen sollen sich demnach entscheiden, ob sie zur Bundeswehr gehen wollen oder in eine soziale Einrichtung. Und der Ansatz ist richtig. Man verlässt als junger Mensch für ein paar Monate sein soziales Umfeld. Trifft Leute, mit denen man sonst nie in Kontakt gekommen wäre. Entdeckt andere Lebensrealitäten, lernt Zuhören und Verstehen. All das prägt und fördert gesellschaftliche Toleranz und Offenheit.

Vielleicht sogar für Geflüchtete?

Der Wunsch nach einem Gesellschaftsjahr lässt sich also lesen als Unbehagen, als Reaktion auf eine "Gesellschaft der Singularitäten", wie es der Soziologe Andreas Reckwitz nennt. Eine Gesellschaft der Filterblasen, in der es kaum noch so etwas gibt wie eine intersubjektive Wahrnehmung. Das gemeinschaftliche Erleben eines Gesellschaftsjahres könnte dem Zerfasern vielleicht etwas entgegensetzen. Kommunitarismus ist das Fachwort dafür.

Man könnte die Forderung der Jungen Union sogar ausweiten und darüber nachdenken, den Sozialdienst für Geflüchtete zu öffnen (Militärdienst für sie wäre nun wirklich pietätlos und, wo es um hoheitliche Aufgaben geht, auch kaum haltbar). So hätten sie sofort etwas Verbindendes mit ihren deutschen Altersgenossen – ein Türöffner für Integration. Sie würden Respekt und Anerkennung erfahren und die Rechte und Pflichten als Staatsbürger. Viele der Neuankömmlinge brennen zudem darauf, etwas zu leisten für die Gesellschaft, die sie aufgenommen hat.

Dass man trotz dieser guten Argumente nicht längst umgestellt hat auf ein Gesellschaftsjahr, hat ebenfalls gute Gründe. Ein solcher Dienst, zöge man ihn analog zum Wehrdienst auf, ginge einher mit einer staatlich verordneten Arbeitspflicht – darüber wurde selbst jeder Zivildienstleistende belehrt. Und jeder Grundwehrdienstleistende wusste: Wer nicht zum Dienst erscheint, den holen die Feldjäger. Ein so gravierender Eingriff in das Leben und die Freiheit eines jungen Menschen muss gut gerechtfertigt werden. Früher war die Landesverteidigung ein solcher Grund.

Und heute? Eine Debatte darüber täte dem Land gut. Denn es wäre eine Debatte darüber, was diese Gesellschaft zusammenhält.