Bevor Herbert Reul (CDU) in diesem Jahr Innenminister von Nordrhein-Westfalen wurde, war er Abgeordneter im Europäischen Parlament. In dieser Funktion setzte er sich über Jahre dafür ein, die Zeitumstellung abzuschaffen. Medien bezeichneten ihn als "Mr. Sommerzeit". Ausgerechnet an seinem Geburtstag kündigte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker an, dass er tatsächlich die umstrittene Praxis beenden will.

ZEIT ONLINE: Herr Reul, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Haben Sie sich schon bei Herrn Juncker für das Geschenk bedankt?

Herbert Reul: (lacht) Nein, aber das wäre eine Idee. Ich fürchte nur, Herr Juncker weiß gar nicht, dass ich Geburtstag habe. Jedenfalls ist es wirklich ein passender Zufall.

ZEIT ONLINE: Haben Sie noch daran geglaubt, dass Ihr Anliegen Realität wird?

Reul: Auf jeden Fall. Es ist kein weltbewegendes Thema, das ganz oben auf der Tagesordnung steht. Aber es ist eins von denen, bei denen sich Bürger ärgern, dass Politik nicht das Rückgrat hat, falsche Entscheidungen wieder zurückzunehmen.

ZEIT ONLINE: Warum ist Ihnen die Abschaffung der Zeitumstellung so wichtig?

Reul: Vor einigen Jahren hat mir eine Bürgerin geschrieben, wie sehr sie die Zeitumstellung belastet. Ich war mir nicht sicher, was da dran ist und habe die EU-Kommission gefragt. Die hat lediglich abweisend-bürokratisch geantwortet. Das hat mich aufgeregt. Also habe ich mich damit weiter befasst, immer mehr die gesundheitlichen Probleme gesehen. Es belastet Mensch und Tier, es gibt mehr Verkehrsunfälle. Jeder hat einen natürlichen Rhythmus und der wird zweimal im Jahr gestört. Das ist nicht für alle ein Problem, aber für viele.

ZEIT ONLINE: Wenn die Auswirkungen so dramatisch sind: Haben Sie jemals darüber nachgedacht, die Umstellung einfach zu boykottieren? Eine Graswurzelbewegung zu starten?

Reul: Nein, Recht ist Recht. Man muss dann Mehrheiten organisieren, um es zu ändern – in Parteien, in Parlamenten. Man muss dranbleiben, ständig nerven, dann klappt es irgendwann.

ZEIT ONLINE: Was genau haben Sie gemacht?

Reul: Wir haben uns als Gruppe von Abgeordneten zusammengetan, haben Debatten im EU-Parlament erzwungen, Verhandlungen in den Ausschüssen. Ich bin dann aus dem Parlament ausgeschieden, aber meine Kollegen haben eine Beschlussfassung ins Parlament eingebracht. Das hat die Kommission dazu gebracht, die Umfrage zu starten.

Es sollte doch das Einfachste auf der Welt sein, Entscheidungen zurückzunehmen, die sich als falsch herausstellen.
Herbert Reul

ZEIT ONLINE: Sind Sie sicher, dass die EU die Entscheidung der Kommission jetzt auch umsetzen wird?

Reul: Ich halte das für wahrscheinlich. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, aber offensichtlich wesentlich schneller, als ich noch vor einigen Wochen gedacht habe. Das Schwierigste wird, sich mit allen EU-Ländern auf eine einheitliche Lösung zu einigen. Es würde keinen Sinn machen, wenn es 28 unterschiedliche Regelungen gäbe. 

ZEIT ONLINE: Sollte die EU auf der Basis einer Umfrage entscheiden, die nicht repräsentativ ist und die vor allem Deutsche ausgefüllt haben?

Reul: Solche Umfragen hat die EU schon immer gemacht, um ein Stimmungsbild zu bekommen, nicht um sich blind daran zu halten. Dadurch wird keiner Institution die Entscheidung abgenommen. Aber die Beteiligung war so hoch wie nie, deshalb muss sich die Politik jetzt kümmern.

ZEIT ONLINE: Ein Stimmungsbild, ja, aber vor allem unter Deutschen.

Reul: Da müsste man noch mal Umfragen in anderen Ländern machen. Aber bei anderen Umfragen der EU ist interessanterweise nie jemand darauf gekommen, dass manche Länder stärker engagiert sind als andere. Es würde mich nicht wundern, wenn Deutsche sich immer bei politischen Prozessen intensiver beteiligen.

ZEIT ONLINE: Obwohl die Zeitumstellung schon lange unbeliebt ist, machte die EU bisher keine Anstalten, sie abzuschaffen. Hat Sie das auch grundsätzlich an der EU zweifeln lassen?

Reul: Nicht an der EU, aber an der Politik. Es sollte doch das Einfachste auf der Welt sein, Entscheidungen zurückzunehmen, die sich als falsch herausstellen. Ich bin sicher, da gibt es noch einige andere. Die werden verdrängt, vor allem aus Bequemlichkeit.