Nachdem eine AfD-Besuchergruppe einen Eklat in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen ausgelöst hatte, hat der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, der Partei Berechnung vorgeworfen. "So bitter es ist, überraschend ist das Verhalten einiger Teilnehmer der AfD-Besuchergruppe nicht", sagte Schuster dem Tagesspiegel.

Teilnehmende einer Gruppe aus dem Wahlkreis von AfD-Fraktionschefin Alice Weidel sollen in der Gedenkstätte in Oranienburg gehetzt und massiv gestört haben. Unter den 17 Teilnehmenden des Gedenkstättenbesuchs seien fünf bis sechs Personen gewesen, die die Führung permanent unterbrochen hätten, teilte die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten mit. Aus der Gruppe heraus sei unter anderem die Existenz von KZ-Gaskammern in Zweifel gezogen worden. Die Führung sei daraufhin abgebrochen worden.

AfD-Spitzenpolitiker hätten bereits mehrfach in Äußerungen die NS-Zeit relativiert und Opfer der Schoah verhöhnt, sagte der Zentralratspräsident. "Damit wollen sie nach meiner Einschätzung genau solche Bürger als Anhänger gewinnen, wie jene in der Besuchergruppe. Für Wahlerfolge ist der AfD offenbar jedes Mittel recht, auch wenn dabei die Würde der NS-Opfer mit Füßen getreten wird."

Die Fahrt wurde dem Bericht zufolge vom Bundespresseamt finanziert. Weidel selbst, deren Wahlkreis am Bodensee liegt, habe nicht teilgenommen.

Die Vizepräsidentin des Bundestags, die Linke-Politikerin Petra Pau, schrieb auf Twitter: "Damit müssen wir uns wohl doch im #Präsidium & #Ältestenrat des Bundestages beschäftigen, ist leider kein Einzelfall." Ihr Parteifreund, der Vorsitzende der Linkspartei, Dietmar Bartsch twitterte "Unfassbar". Auch von den Grünen kam heftige Kritik: Alle Schranken seien gefallen, schrieb die Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Grünen, Katrin Göring-Eckardt.

"Wir beobachten mit Sorge, dass zumindest Teile der AfD ganz klar solche geschichtsrevisionistischen Tendenzen propagieren", sagte der Direktor der Gedenkstättenstiftung, Axel Drecoll, der Nachrichtenagentur dpa. "An einem herausgehobenen Ort nicht nur der NS-Vergangenheit, sondern auch einem Ort des massenhaften Sterbens und Leidens, sind für uns revisionistische oder gar rechtsradikale Diskurse überhaupt nicht tolerabel."

Das Internationale Auschwitz-Komitee zeigte sich empört. "Die AfD und ihre Kernklientel entpuppen sich immer deutlicher als Ableger vom braunen Stamm, deren Aktivitäten endlich vom Verfassungsschutz beobachtet werden sollten", verlangte Vizepräsident Christoph Heubner. "Dies belegen nicht nur die krakeelenden Auftritte von Frau Weidels Parteifreunden in der Gedenkstätte Sachsenhausen, die Überlebende des Holocaust beleidigen und erneut deutlich machen, dass antisemitisches und den Holocaust leugnendes Gedankengut in der AfD weit verbreitet ist."

Die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer sagte, ein Besuch der Gruppe in der Gedenkstätte sei von Weidel gewünscht worden. "Wir stehen zu dem Thema im Austausch mit den Gedenkstätten" fügte sie hinzu. Sie betonte, die Bundesregierung weise jede Verharmlosung oder Relativierung der Verbrechen der Nationalsozialisten "entschieden und unmissverständlich" zurück.