Um kurz nach fünf am Dienstagnachmittag tritt ein schmaler Mann mit Halbglatze vor dem Fraktionssaal der Union vor die Kameras. Sollte er in diesem Moment so etwas wie Triumphgefühle empfinden, ist ihm davon nichts anzumerken. Sein Blick ist ernst. Die Hände hält er vor dem Bauch gefaltet. Sieger stellt man sich anders vor. Dabei ist Ralph Brinkhaus gerade etwas gelungen, womit er wohl selbst nicht gerechnet hat: Bei der eigentlich routinemäßigen Wiederwahl des Unions-Fraktionsvorsitzenden nach dem ersten Jahr einer Legislaturperiode hat er den Vertrauten von Angela Merkel, Volker Kauder, nach 13 Jahren aus dem Amt gejagt.

125 von 239 Stimmen der CDU- und CSU-Bundestagsabgeordneten hat er bei seiner Wahl zum Fraktionsvorsitzenden erhalten. Auf Kauder entfielen 112 Stimmen. Als Brinkhaus redet, lächelt er dann doch ein wenig. "Ich freue mich ganz riesig über dieses überwältigende Vertrauen", sagt er. Und dass man nun ganz schnell wieder an die Arbeit gehen wolle. Ab morgen werde wieder an der Sache gearbeitet.

Doch ganz so einfach wird die Unionsfraktion nicht wieder zur Ruhe kommen. Denn was der weithin unbekannte Finanzpolitiker Brinkhaus mit seiner Kandidatur ausgelöst hat, ist nicht weniger als ein politisches Erdbeben.

Zwar bemüht sich ein sichtlich geschockter CSU-Chef Horst Seehofer kurz darauf, das Ergebnis möglichst kleinzureden. "Man muss das nicht immer so dramatisieren", sagt er. Auch der CSU-Politiker Hans Michelbach versucht dem ganzen die Schärfe zu nehmen: Dass ein Fraktionsvorsitzender auch mal abgewählt werde, sei eben Demokratie.

Gegen jede Empfehlung

Die Wahrheit ist allerdings, dass bis unmittelbar vor der Fraktionssitzung niemand ernsthaft mit einem Sieg von Brinkhaus gerechnet hatte. Dem 50-Jährigen würden 30 Prozent der Stimmen zugetraut, hieß es in Fraktionskreisen. Wohlmeinende sprachen von 40 Prozent. Ein Sieg von Kauder galt als sicher. Schließlich hatte nicht nur Angela Merkel, sondern auch Seehofer ihn zur Wiederwahl empfohlen. Damit war klar: Eine Wahl von Brinkhaus käme einem Aufstand gegen die beiden Parteivorsitzenden gleich.

In der Fraktionssitzung vor der Wahl wiederholten die Parteivorsitzenden ihre Unterstützung für Kauder. Seehofer habe die Verlässlichkeit Kauders betont, Merkel auf die langjährige gute Zusammenarbeit verwiesen, hieß es. CSU-Landesgruppenchef Dobrindt, der Kauder ebenfalls unterstützte, hatte seinen CSU-Abgeordneten zudem am Abend zuvor noch mal eindringlich ins Gewissen geredet. Widerspruch habe es nicht gegeben, berichtete Dobrindt am Dienstagmorgen.

Die Wahl von Brinkhaus galt zudem aus mehreren Gründen als unwahrscheinlich. Ihm fehlte vor allem eine Hausmacht. Als er seine Kandidatur vor einigen Wochen ankündigte, tat er das ohne sich vorher der Rückendeckung etwa durch den Wirtschaftsflügel der Partei oder zumindest seiner nordrhein-westfälischen Landesgruppe zu versichern. Die ganze Angelegenheit wurde zwar als Ausdruck dafür gewertet, dass es in der Unionsfraktion offenbar eine zunehmende Sehnsucht nach einem personellen Neuanfang gebe. Denn üblich ist es dort sonst, dass die Parteivorsitzenden einen Kandidaten vorschlagen. Konkurrenz hat es um dieses Amt seit 1973 nicht mehr gegeben. 

Allzu aussichtsreich schien die Sache jedoch nicht zu sein. Brinkhaus galt zwar als profilierter Finanzpolitiker. Als Generalist, der ein Fraktionschef sein muss, war er bisher aber nicht in Erscheinung getreten. Zudem, so wurde von den Kauder-Unterstützern argumentiert, sehne sich die Fraktion nach dem wochenlangen Streit um die Flüchtlingspolitik im Juni und der jüngsten Koalitionskrise um den Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen nach Ruhe.