Kurz vor einer neuen Sitzung des Untersuchungsausschusses des Bundestags zum Fall Anis Amri werden neue Details über die Verwicklung des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) in diesen berichtet. Interne BfV-Dokumente, die das ARD-Magazin Kontraste, der Rundfunk Berlin-Brandenburg und die Berliner Morgenpost einsehen konnten, zeigen, dass der Inlandsgeheimdienst offenbar stärker in den Fall involviert war, als bislang – auch von Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen – behauptet wurde. Dieser hatte stets von einem "reinen Polizeifall" gesprochen und und betont, "keine eigene Informationsbeschaffung" betrieben zu haben.

Daran gibt es angesichts der internen Dokumente aber Zweifel, legen sie doch nahe, dass das Amt sehr wohl operative Maßnahmen veranlasst hatte. Laut den Medienberichten wertete der Verfassungsschutz bereits im Februar 2016 Fotos von einem Handy aus, das die Berliner Polizei bei Amri während einer Personenkontrolle beschlagnahmt hatte. Diese Bilder wurden auf Veranlassung des BfV einem internen Vermerk zufolge "geeignet erscheinenden Quellen", also V-Leuten, vorgelegt.

Unter dem Stichwort "Ergebnis der Lichtbildvorlage zum Umfeld des Amri" und mit dem Hinweis "Quellenschutz" wurde demnach am 7. März 2016 folgende Maßnahme angeregt: "Intensivierung der Beobachtungen zu Amri". So steht es in einem bisher unbekannten Vermerk des BfV zum weiteren Vorgehen der Behörde.

Bereits Ende August hatten die Berliner Morgenpost, das ARD-Magazin Kontraste und der Rundfunk Berlin-Brandenburg berichtet, Maaßen habe einen V-Mann im Umfeld Amris verheimlichen wollen. Der BfV-Präsident habe demnach versucht, die Berliner Innenverwaltung bei einem Treffen im März davon zu überzeugen, dass "ein weiteres Hochkochen der Thematik" unterbunden werden müsse. 

Der Verfassungsschutz wollte sich auf Nachfrage der Medien nicht zu den neuen Berichten äußern und teilte lediglich mit, dass man zu operativen Belangen nur den "zuständigen Gremien gegenüber" Auskunft erteilt. Aus dem Bundesinnenministerium hieß es: "Es gab keine Quelle im Umfeld des Amri." Darüber habe das BfV die zuständigen Gremien wahrheitsgemäß informiert.

Die Grünen fordern angesichts der neuen Recherchen aber Konsequenzen. "Maaßen hat gelogen", sagte die innenpolitische Sprecherin der Grünen, Irene Mihalic. Der Grund dafür sei nun herauszufinden. Martina Renner, die innenpolitische Sprecherin der Linken, forderte erneut Maaßens Rücktritt.

Am 19. Dezember 2016 war der Tunesier Amri mit einem Schwertransporter in den Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz gesteuert und hatte dabei zwölf Menschen getötet. Viele weitere Menschen wurden verletzt. Amri flüchtete, wurde aber vier Tage später nach einer europaweiten Fahndung in Italien gefunden. Befragt werden konnte er jedoch nicht mehr, er wurde von einem Polizisten erschossen.