Die Morde der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) werden in der offiziellen Statistik der Bundesregierung über politisch motivierte Gewalttaten nicht aufgeführt. Auch andere Straftaten der Terrorgruppe, wie zum Beispiel Sprengstoffanschläge und Bankraube, fehlen. Das zeigen Recherchen des Onlineportals t-online.de.

Angefordert wurde die Aufstellung über politisch motivierte Gewalt in Deutschland von der AfD-Fraktion im Bundestag. Diese hatte mit einer Kleinen Anfrage Daten über politisch motivierte Straftaten seit dem Jahr 2000 in Deutschland angefordert. Die Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage offenbart, dass keiner der insgesamt zehn Morde, die vom Nationalsozialistischen Untergrund NSU verübt wurden, in der Statistik der Bundesregierung als politisch motivierte Straftaten gelistet werden. Auch die anderen Gewalttaten, die dem NSU zur Last gelegt werden, zum Beispiel Sprengstoffattentate mit Schwerverletzten oder Bankraube, fehlen in der Erhebung.

Das Bundesinnenministerium begründet das mit einer fehlerhaften Kategorisierung. Die Statistik speise sich aus den Zahlen des Kriminalpolizeilichen Meldedienstes für Politisch motivierte Kriminalität (KPMD-PMK). "Hierbei handelt es sich um eine Eingangsstatistik", teilte ein Sprecher gegenüber t-online mit. Das heißt, dass die Straftaten nur nach ihrem ursprünglichen Eingangsverdacht erfasst werden. Im Fall des NSU gingen Ermittler anfangs noch von organisierter Kriminalität aus. Erst 2011 wurde klar, dass die Taten des NSU politisch motiviert waren. In der Statistik liefen sie aber weiterhin unter der Kategorie Organisierte Kriminalität.

Und auch nachträglich werden die Daten wohl nicht korrigiert werden und als politisch motivierte Straftaten in die Statistik eingehen. Das Ministerium teilte mit, dass nachträgliche Korrekturen immer nur bis zum 31. Januar des Folgejahres vorgenommen würden.

Seit 2001 werden politisch motivierte Straftaten vom Kriminalpolizeilichen Meldedienst erfasst. Dem ging Kritik aus der Zivilgesellschaft voraus. So unterschieden sich die offiziellen Zahlen über rechtsextreme Gewalt in Deutschland oft sehr stark von den Daten, die Nichtregierungsorganisationen oder die Presse angaben. So gingen Letztere für die Jahre 1990 bis 2000 von 93 Todesopfern rechter Gewalt aus – in der offiziellen Statistik der Bundesregierung wurden jedoch zunächst nur 25 Todesopfer aufgeführt. Später wurde die Zahl auf 36 erhöht.