Vor dem Tag der Einheit hat Bundeskanzlerin Angela Merkel für mehr Verständnis für Unmut in Ostdeutschland geworben. Insgesamt sei die Deutsche Einheit eine Erfolgsgeschichte, sagte Merkel der Augsburger Allgemeinen. "Aber es ist schon auch so: Vieles, was Anfang der Neunzigerjahre passiert ist, kommt jetzt bei den Menschen noch mal auf den Tisch", sagte die Kanzlerin. "Viele Menschen haben ihre Arbeit verloren, mussten neu anfangen. Das Gesundheitssystem, das Rentensystem. Alles wurde anders."

Merkel sagte in dem Interview außerdem, die Herausforderung Migration habe "zu einer neuen Spaltung geführt". Ausschreitungen von Rechtsextremen in Chemnitz  hatten zuletzt eine Debatte über Ausländerfeindlichkeit in Ostdeutschland ausgelöst.

Die Einheit habe zu harten Umbrüchen geführt, viele Ostdeutsche hätten nie wieder in ihrem Beruf arbeiten können. "Zum Tag der Währungsunion haben 13 Prozent der Menschen im Osten in der Landwirtschaft gearbeitet. Am Tag danach waren es noch 1,5 Prozent", sagte Merkel. "Wenn du Tierarzt bist, kannst du ja nicht zu Siemens gehen und sagen: Morgen werde ich Ingenieur", verwies Merkel auf die Lage in ihrem Wahlkreis Vorpommern-Rügen. "Wenn dann plötzlich die 28-jährigen Volkswirte aus dem Westen kommen, die sagen, was man alles nicht kann. So etwas arbeitet in den Leuten."

Dies sei "niemals eine Rechtfertigung für Hass und Gewalt", sagte die Kanzlerin weiter. "Diese völlige Enthemmung in der Sprache ist etwas, das wir nicht tolerieren dürfen in Deutschland. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Ich habe diesen Hass auch im Wahlkampf zu spüren bekommen." 

Es gelte, die verschiedenen Positionen zu den Themen Migration und Flüchtlinge zu versöhnen. Probleme, die die Menschen umtrieben, müssten ernst genommen werden. "Aber auch da müssen wir einen klaren Schlussstrich ziehen, dort, wo Hass ist, wo generelle Verdächtigungen sind, wo Minderheiten ausgegrenzt werden", so die Kanzlerin.

Zugleich sagte die Kanzlerin, es brauche Debatten, um zu Lösungen zu kommen. "Wenn jede Debatte, jedes Ringen um eine Lösung nur noch unter 'Zoff' abgebucht wird, dann hilft uns das auch nicht weiter."