Der regierungskritische Journalist Can Dündar hat dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan Angst vor der freien Presse vorgeworfen. Das sagte er auf seiner eigenen Pressekonferenz kurz nach der von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Erdoğan in Berlin. Dündar, der für die Pressekonferenz akkreditiert war, hatte seine Teilnahme kurzfristig abgesagt.   

"Der wichtigste Grund, warum ich mich entschieden habe, nicht an der Pressekonferenz teilzunehmen, war, dass mir klar geworden ist: Erdoğan würde meine Anwesenheit als Ausrede benutzen, um die Pressekonferenz nicht anzutreten und sich so vor den kritischen Fragen meiner deutschen Kolleginnen und Kollegen zu retten versuchen", sagte Dündar, der frühere Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet, der heute die Internetplattform Özgürüz ("Wir sind frei") betreibt. 

Er habe Erdoğan fragen wollen, ob in der Türkei Journalistinnen und Journalisten im Gefängnis säßen, sagte er. Denn der türkische Präsident leugne das immer. Aber er habe die Frage an einen Kollegen weitergegeben. "Es geht darum, dass die Fragen gestellt werden können. Es ist nicht so wichtig, wer diese Fragen stellt."

Dündar hielt seine Akkreditierung für die Veranstaltung in die Höhe und erklärte, er habe eigentlich an der Pressekonferenz teilnehmen wollen. Aber Erdoğan habe die Türkei mit nach Deutschland gebracht.  Seine Haltung gegenüber der Presse lasse keine kritischen Fragen zu. Dass er offen für Reformen sei, das habe er heute nicht gezeigt. 

Liste mit inhaftierten Journalisten

Zunächst habe er Gerüchte gehört, dass Erdoğan nicht an der Pressekonferenz teilnehmen wolle, wenn er selbst auch erscheine. "Heute haben auch die deutschen Behörden das bestätigt", sagte Dündar. Daraufhin habe er sich entschieden, auf seine Teilnahme zu verzichten. Die Namen der Behörden wollte er nicht nennen.  

Dündar hielt eine lange Liste der in der Türkei inhaftierten Journalisten in die Höhe. "Ich muss für das Recht all dieser Kolleginnen und Kollegen eintreten. Diese Menschen sind keine Terroristen. Ihnen wird der Prozess gemacht, nur weil sie ihre Arbeit gemacht haben." Aber: "Wir werden weiter Fragen stellen. Egal, wo Erdoğan hingeht, wird er mit Fragen konfrontiert sein, die man ihm in der Türkei nicht stellt."

Die Justiz in der Türkei sei nicht frei, egal, was Erdoğan behaupte, sagte Dündar. Im Vergleich zu vielen seiner Kolleginnen habe er selbst noch Glück gehabt. Sechs seiner Kollegen bei Cumhuriyet seien ermordet worden. "In der Türkei graben die Journalisten mit ihren Stiften ihre eigenen Gräber", sagte Dündar. "In manchen Ländern muss man einen sehr hohen Preis bezahlen, wenn man die Wahrheit sagt. Und in der Türkei bezahlen meine Kollegen und ich gerade diesen Preis. Ich möchte mich ganz besonders bei Ihnen allen bedanken, dass Sie uns in diesem Kampf nicht allein lassen."

Dündar sah sich zu seiner eigenen Pressekonferenz "gezwungen", da er gegen die Anschuldigungen von Erdoğan Stellung nehmen wollte. Dündar wies auch Erdoğans Vorwurf zurück, er habe Verrat begangen und sei ein Spion. Der türkische Präsident hatte bei der Pressekonferenz in Deutschland Dündars Auslieferung verlangt. "Das ist unser natürliches Recht", sagte er. Dündar sei ein "Agent". Er habe Staatsgeheimnisse öffentlich gemacht und sei dafür zu fünf Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt worden. Für den türkischen Staat sei er ein "Verbrecher".

In der ZEIT schreibt Dündar eine wöchentliche Kolumne über die Krise in der Türkei. ZEIT ONLINE veröffentlicht die Folgen in deutscher und türkischer Sprache.