Im Schlussspurt um die bayerische Landtagswahl Mitte Oktober versucht die CSU es mit einer neuen Strategie: radikale Attacke auf die AfD. "Staatszersetzend" nannte CSU-Chef Horst Seehofer die Partei. "Wir brauchen Volksparteien, keine völkischen Parteien", sagte Generalsekretär Markus Blume. Die AfD sei "schlimmer als die Republikaner", schimpfte Ministerpräsident Markus Söder. 

Damit haben sie zwar recht. Doch retten wird das die CSU nicht mehr. Auch ob es der AfD noch schaden kann, ist offen. Denn bislang war der Umgang der Christsozialen mit der neuen Konkurrenz von rechts panisch und planlos. Der Kursschwenk jetzt wirkt unglaubwürdig – und droht zur Posse zu verkommen.

Nach dem Debakel bei der Bundestagswahl letzten Herbst verordnete sich die Parteispitze einen Rechtsdrall. Seitdem stolpert die Berliner Koalition von Krise zu Krise. In der Rhetorik stand die CSU der AfD teilweise in nichts nach. Nur half Radikalisierung und Anbiederung in den Umfragen nichts. Daheim in Bayern versuchte man, die AfD zu ignorieren, wegzuschauen, um die Partei nicht zusätzlich mit Aufmerksamkeit zu beglücken.

Ein unbeholfener Angriff

Söder sagte zwar eine für Montag geplante Podiumsdiskussion ab, zu der auch ein AfD-Mann geladen war. Das jedoch wirkt alles andere als souverän, hatte er laut Veranstalter doch schon vor Monaten zugesagt. Der Angriff auf die AfD kommt unbeholfen daher, die CSU füllt ihn nicht mit Leben. Warum eigentlich?

Die CSU könnte als bayerische Volks- und Staatspartei die AfD und ihren deutschnationalen Popanz zerbröseln lassen. Sie hätte genug Argumente, die Rechtspopulisten nicht nur zu bekämpfen, sondern zu widerlegen. München ist die sicherste Großstadt Deutschlands, Augsburg ebenfalls unter den Spitzenreitern – beide haben prozentual mehr Migrantinnen und Migranten als Berlin. Bayern ist das mit Abstand sicherste Bundesland, die Kriminalität sinkt. Daran konnten auch Millionen Flüchtlinge nichts ändern.

Statt darauf aufzubauen, schrieb die CSU in Panik ein neues Polizeiaufgabengesetz, das wohl früher oder später beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe landen dürfte. Söder reaktivierte eine bayerische Grenzpolizei – die, anders als er oft suggeriert, nicht dafür sorgt, dass weniger Flüchtlinge nach Bayern kommen. Genau wie die Bundespolizei muss sie nämlich jeden Flüchtling, bis auf wenige Ausnahmen, erst einmal ins Land lassen.

Söders Dank kommt spät

Nächste Woche wird in München wieder zu sehen sein, wie Tradition auf Bayerisch geht, dass hier jeder willkommen ist: Millionen Menschen aus ganz Deutschland, Japan, Australien, den USA, Italien und eigentlich allen Ecken der Welt werden in ihre Dirndl und Lederhosen steigen und sich zum Biertrinken und Schunkeln auf der Münchner Theresienwiese treffen. O'zapft is! Im Bierzelt auf der Wiesn werden die Menschen zu Brüdern und Schwestern.

Und was macht die CSU? Statt diese Kulturleistung für sich zu reklamieren, hängt sie aus Angst vor der AfD und ein paar Muslimen Kreuze in Amtsstuben auf.

Und Söder? Der dankt seit ein paar Monaten auch den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, die dafür gesorgt haben, dass kein Flüchtling in Bayern im Freien schlafen musste. Aber warum erst jetzt? Viele Wählerinnen und Wähler, und insbesondere christliche Wählergruppen, hat das einseitige Problematisieren von Migration verstört. Sie hatten sich früher Anerkennung durch die Politik gewünscht. Für die CSU wäre das eine Möglichkeit gewesen, zu zeigen, dass man konservativ sein kann – und trotzdem weltoffen und hilfsbereit.

Die jüngsten Ereignisse in Chemnitz seien ein Wendepunkt für die AfD gewesen, wird häufig als Begründung für den Kursschwenk der CSU genannt. Mag sein, dass die Allianz zwischen Rechtsextremen und ihrer parlamentarischen Vertretung selten so unverhohlen zelebriert wurde. Doch jeder gründlichen Leserin und jedem aufmerksamen Beobachter muss der reaktionäre, nationalistische Glutkern der AfD seit Jahren aufgefallen sein. 

CSU plappert von Asyltourismus

Die AfD hat Grenzen überschritten, die heute wie früher für die CSU tabu waren und sind: Mahnmal der Schande, Vogelschiss, Messermänner und Kopftuchmädchen, Staatsminister in Anatolien entsorgen, Boatengs Nachbarn ... Mit der Liste an Entgleisungen ließen sich inzwischen Buchbände füllen. Statt die Unterschiede zwischen einem bürgerlichen Konservatismus und der AfD herauszuarbeiten, plapperte die CSU vom Asyltourismus und der Anti-Abschiebe-Industrie.

Der Angriff der CSU auf die AfD kommt spät – vielleicht zu spät für die Landtagswahl. Und so lange er nur wahltaktisch motiviert ist und nicht mit konkreter Politik unterfüttert wird, wird er verpuffen.