Die Anruferin hat ihre Nummer unterdrückt. Sie sei nur die Mittelsfrau, sagt sie, ohne ihren Namen zu nennen, eine hochrangige Beamtin aus einem Bundesministerium wolle etwas erzählen. Als Treffpunkt schlägt sie die Filiale einer Bäckereikette vor, wie es sie in jeder größeren Bahnhofshalle gibt. Vasen mit Kunstblumen auf Holzimitattischen, Pendler hasten vorbei. Anonymer kann ein Ort nicht sein.

Die Beamtin ist nervös. Sie ist keine Spionin, sie will keine geheimen Rüstungspläne übergeben, kein Staatsgeheimnis verraten. Aber sie möchte über ein Gesetz reden, das die Bundesregierung seit Jahren systematisch missachte. Darüber, dass Frauen von der Macht ferngehalten werden. Verunsichert schaut sie sich um, dann erzählt sie.

Es geht um Bewerbungsverfahren für wichtige Posten, die so zugeschnitten sind, dass keine Frau dafür infrage kommt. Es geht um Beurteilungssysteme, aus denen Männer stets mit den besseren Noten hervorgehen, und um Frauen, die ewig auf ihren Positionen verharren müssen, weil Männer an ihnen vorbei befördert werden. Es geht um mächtige Männernetzwerke und um kleine, tagtägliche Demütigungen. Und das, obwohl es längst Gesetze gibt, die all das beenden sollten – und obwohl Bundeskanzlerin Angela Merkel etwas anderes versprochen hat.

Es ist ein fast surrealer Moment. Seit bald 70 Jahren steht im Grundgesetz, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Seit 13 Jahren ist eine Frau Bundeskanzlerin. Seit einem Jahr beweisen Frauen in der #MeToo-Debatte, dass sie die Machtstrukturen selbstgefälliger Männerbünde brechen können. Doch nun sitzt da eine Ministerialbeamtin, umklammert ihre Teetasse und sagt, sie erzähle nur unter einer Bedingung: keine Namen. Öffentlich gegen ihre Vorgesetzten auszupacken, das wagt sie nicht, trotz allen Frusts. Es würde ihre Situation nur verschlechtern, sagt sie: "Das System verzeiht so etwas nicht."

Dieses System hat am Beispiel von Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen gerade vorgeführt, wozu Männerseilschaften imstande sind: Wer als Spitzenbeamter durch Fehlverhalten eine Regierungskrise auslöst, kann trotzdem Sonderbeauftragter im Innenministerium werden. Für Frauen bleiben viele herausgehobene Positionen hingegen gleich unerreichbar. Und die Regierung hält ihr Versprechen nicht, für Ausgleich zu sorgen – ein Versprechen, das Union und SPD eben erst im Koalitionsvertrag erneuert haben.

Monatelang hat ZEIT ONLINE mit Frauen aus verschiedenen Ministerien und Bundesbehörden gesprochen. Sie haben unterschiedliche Hierarchieebenen erreicht. Es sind junge Referentinnen und altgediente Führungskräfte darunter, einige sind in höchste Ämter gelangt. Ihre Erfahrungsberichte verdichten sich zu einem Mosaik der Erniedrigungen:

Ein neuer Abteilungsleiter tritt zum ersten Mal vor seine versammelten Kolleginnen und Kollegen. Seine erste Frage: Wie viele der anwesenden Herren haben gedient? Als sei keine Frau im Raum.

Statt einer erfahrenen Beamtin wird ein Prestigethema einem Nachwuchsjuristen übertragen. Als dann klar wird, dass ihn die Aufgabe überfordert, muss die Kollegin aushelfen und seine Vorlagen nachbessern – ohne dass ihre Leistung anerkannt wird.

Eine Führungsposition in der Abteilung wird frei. Der Vorgesetzte einer hochqualifizierten Beamtin erzählt ihr, er habe die Personalie mit seiner Ehefrau besprochen: "Meine Frau findet, die Stelle ist nichts für eine Mutter."

Eine Leitungsstelle ist ausgeschrieben, sie passt genau auf eine bestimmte Mitarbeiterin. Niemand anderes hat bessere Beurteilungen vorzuweisen, auch nicht der männliche Mitbewerber. Doch statt sie zu befördern, bedient sich der Vorgesetzte eines Tricks. Im letzten Moment zieht er die Ausschreibung zurück.

Es gibt unzählige weitere Beispiele. Doch alle Beamtinnen, die von ihnen berichten, haben die gleiche Bitte: Schreiben Sie keine Details, nichts darf wiedererkennbar sein.

Die Sorge, wegen einer Beschwerde identifizierbar zu sein, ist erklärbar. Wer Beamter wird, bekommt eine Arbeitsplatzgarantie auf Lebenszeit, eine sichere Pension, die beste Krankenversicherung. Dafür verlangt der Staat Loyalität. Wenn sich ein Staatsdiener gegen den Staat wendet, gilt er in den eigenen Reihen schnell als unberechenbar. Selbst wenn er im Recht ist, kann nach außen getragene Kritik das Ende seiner Karriere bedeuten.

Das macht diese Recherche heikel, schwieriger noch als manchen Missbrauchsfall. Doch es gibt andere Möglichkeiten zu zeigen, was in den Ministerien los ist.

Einmal im Jahr muss jedes Ministerium einen Organisationsplan seiner Leitungsebenen veröffentlichen. Diese Organigramme sehen aus wie eine Pyramide: Auf den unteren Etagen sind viele kleine Kästchen, das sind die Referatsleitungen. Nach oben hin werden die Kästchen weniger und größer, auf Unterabteilungsleitungen folgen Abteilungsleitungen, darüber die beamteten Staatssekretäre. An der Spitze steht der Minister.