Die Anruferin hat ihre Nummer unterdrückt. Sie sei nur die Mittelsfrau, sagt sie, ohne ihren Namen zu nennen, eine hochrangige Beamtin aus einem Bundesministerium wolle etwas erzählen. Als Treffpunkt schlägt sie die Filiale einer Bäckereikette vor, wie es sie in jeder größeren Bahnhofshalle gibt. Vasen mit Kunstblumen auf Holzimitattischen, Pendler hasten vorbei. Anonymer kann ein Ort nicht sein.

Die Beamtin ist nervös. Sie ist keine Spionin, sie will keine geheimen Rüstungspläne übergeben, kein Staatsgeheimnis verraten. Aber sie möchte über ein Gesetz reden, das die Bundesregierung seit Jahren systematisch missachte. Darüber, dass Frauen von der Macht ferngehalten werden. Verunsichert schaut sie sich um, dann erzählt sie.

Es geht um Bewerbungsverfahren für wichtige Posten, die so zugeschnitten sind, dass keine Frau dafür infrage kommt. Es geht um Beurteilungssysteme, aus denen Männer stets mit den besseren Noten hervorgehen, und um Frauen, die ewig auf ihren Positionen verharren müssen, weil Männer an ihnen vorbei befördert werden. Es geht um mächtige Männernetzwerke und um kleine, tagtägliche Demütigungen. Und das, obwohl es längst Gesetze gibt, die all das beenden sollten – und obwohl Bundeskanzlerin Angela Merkel etwas anderes versprochen hat.

Es ist ein fast surrealer Moment. Seit bald 70 Jahren steht im Grundgesetz, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Seit 13 Jahren ist eine Frau Bundeskanzlerin. Seit einem Jahr beweisen Frauen in der #MeToo-Debatte, dass sie die Machtstrukturen selbstgefälliger Männerbünde brechen können. Doch nun sitzt da eine Ministerialbeamtin, umklammert ihre Teetasse und sagt, sie erzähle nur unter einer Bedingung: keine Namen. Öffentlich gegen ihre Vorgesetzten auszupacken, das wagt sie nicht, trotz allen Frusts. Es würde ihre Situation nur verschlechtern, sagt sie: "Das System verzeiht so etwas nicht."

Dieses System hat am Beispiel von Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen gerade vorgeführt, wozu Männerseilschaften imstande sind: Wer als Spitzenbeamter durch Fehlverhalten eine Regierungskrise auslöst, kann trotzdem Sonderbeauftragter im Innenministerium werden. Für Frauen bleiben viele herausgehobene Positionen hingegen gleich unerreichbar. Und die Regierung hält ihr Versprechen nicht, für Ausgleich zu sorgen – ein Versprechen, das Union und SPD eben erst im Koalitionsvertrag erneuert haben.

Monatelang hat ZEIT ONLINE mit Frauen aus verschiedenen Ministerien und Bundesbehörden gesprochen. Sie haben unterschiedliche Hierarchieebenen erreicht. Es sind junge Referentinnen und altgediente Führungskräfte darunter, einige sind in höchste Ämter gelangt. Ihre Erfahrungsberichte verdichten sich zu einem Mosaik der Erniedrigungen:

Ein neuer Abteilungsleiter tritt zum ersten Mal vor seine versammelten Kolleginnen und Kollegen. Seine erste Frage: Wie viele der anwesenden Herren haben gedient? Als sei keine Frau im Raum.

Statt einer erfahrenen Beamtin wird ein Prestigethema einem Nachwuchsjuristen übertragen. Als dann klar wird, dass ihn die Aufgabe überfordert, muss die Kollegin aushelfen und seine Vorlagen nachbessern – ohne dass ihre Leistung anerkannt wird.

Eine Führungsposition in der Abteilung wird frei. Der Vorgesetzte einer hochqualifizierten Beamtin erzählt ihr, er habe die Personalie mit seiner Ehefrau besprochen: "Meine Frau findet, die Stelle ist nichts für eine Mutter."

Eine Leitungsstelle ist ausgeschrieben, sie passt genau auf eine bestimmte Mitarbeiterin. Niemand anderes hat bessere Beurteilungen vorzuweisen, auch nicht der männliche Mitbewerber. Doch statt sie zu befördern, bedient sich der Vorgesetzte eines Tricks. Im letzten Moment zieht er die Ausschreibung zurück.

Es gibt unzählige weitere Beispiele. Doch alle Beamtinnen, die von ihnen berichten, haben die gleiche Bitte: Schreiben Sie keine Details, nichts darf wiedererkennbar sein.

Die Sorge, wegen einer Beschwerde identifizierbar zu sein, ist erklärbar. Wer Beamter wird, bekommt eine Arbeitsplatzgarantie auf Lebenszeit, eine sichere Pension, die beste Krankenversicherung. Dafür verlangt der Staat Loyalität. Wenn sich ein Staatsdiener gegen den Staat wendet, gilt er in den eigenen Reihen schnell als unberechenbar. Selbst wenn er im Recht ist, kann nach außen getragene Kritik das Ende seiner Karriere bedeuten.

Das macht diese Recherche heikel, schwieriger noch als manchen Missbrauchsfall. Doch es gibt andere Möglichkeiten zu zeigen, was in den Ministerien los ist.

Einmal im Jahr muss jedes Ministerium einen Organisationsplan seiner Leitungsebenen veröffentlichen. Diese Organigramme sehen aus wie eine Pyramide: Auf den unteren Etagen sind viele kleine Kästchen, das sind die Referatsleitungen. Nach oben hin werden die Kästchen weniger und größer, auf Unterabteilungsleitungen folgen Abteilungsleitungen, darüber die beamteten Staatssekretäre. An der Spitze steht der Minister.

Frauen leiten nur ein Viertel der Bundesbehörden

Färbt man die Frauennamen in diesen Plänen orange ein, wird ein Muster sichtbar. Die unteren Ebenen sind orange getupft, nach oben hin wird das Bild farbloser. Die obersten Führungsebenen sehen oft eintönig aus, allenfalls mit wenigen orangen Sprenkeln. Dort spielen Frauen kaum eine Rolle. Zentrale Führungsbereiche bleiben überwiegend Männern vorbehalten, nicht nur im Innenministerium, sondern auch im Finanz-, Verkehrs- oder Landwirtschaftsressort und in gewichtigen Behörden wie der Bundesbank oder der Bundespolizei.

Noch krasser wird das Missverhältnis, wenn man auf die gesamte Belegschaft der Ministerien sieht. Denn nahezu überall ist mehr als die Hälfte der Belegschaft weiblich. Nur steigen kaum Frauen auf.

In zahlreiche Spitzenämter hat es seit der Gründung der Bundesrepublik noch nie eine Frau geschafft. Bis heute wurden Behörden wie der Bundesnachrichtendienst, das Bundesamt für Verfassungsschutz oder das Bundeskriminalamt nur von Männern geleitet. Sie sind ein "Kerleding", wie eine Ministeriumsbeamtin sagt, die in einer davon gedient hat. Insgesamt gibt es in Deutschland 98 dieser oberen und obersten Bundesbehörden, von der Bundesagentur für Arbeit bis zum Bundessortenamt. Ziemlich genau 100 Jahre nach Einführung des Wahlrechts für Frauen wird nur ein Viertel dieser Behörden von Beamtinnen geleitet.

Am Rande des Regierungsviertels hat an einem Septemberabend ein großer Sportverband zu einer Gala geladen. Preise sollen verliehen, Reden gehalten werden. Es ist einer jener Hauptstadttermine, bei denen sich die Führungselite des Landes zeigt. Dresscode: sportlich-elegant. Schwarze Limousinen stoppen vor einem Rokoko-Palais, im Saal haben die Organisatoren die Stehtische mit gestärkten Tischtüchern überzogen und die Sitzordnung arrangiert. Minister und Staatssekretäre werden erwartet. Das Abendprogramm und die Namensschilder auf den Stühlen bilden die Machtverhältnisse im Regierungsviertel ab.

Alle Redner sind Männer, auch die Stühle in der ersten Reihe sind männlichen Gästen vorbehalten. Dort sitzt an diesem Abend neben Wirtschaftsminister Peter Altmaier auch Markus Kerber, einer der Männer, die Horst Seehofer als Staatssekretär ins Innenministerium geholt hat. "Ich darf die Herren zu mir bitten", sagt der Moderator, auf der Bühne soll ein launiges Talkformat beginnen. Wie es denn so im Innenministerium laufe, will er von Kerber wissen. "Bei uns läuft's bombig!" Kerber grinst und genießt das Gelächter im Saal. Für die einzige geladene Spitzenbeamtin, die für Sport zuständige Ministerialdirektorin aus dem Innenministerium, hat man derweil einen Stuhl in der letzten Reihe reserviert.

Mehr Männer namens Hans als Frauen

Es ist ein Bild, wie man es fast überall in den politischen Führungsebenen Deutschlands findet. Am deutlichsten zeigt es sich dort, wo die meiste Macht konzentriert ist: bei den beamteten Staatssekretären. Sie sind hoch bezahlte Verwaltungsexperten, sie vertreten den Minister oder die Ministerin, sie sind die eigentlichen Leiter der Verwaltung, sie organisieren die Behörden, bestimmen die Themen, regieren das Land. Und sie sind fast immer Männer.

Politiker werfen börsennotierten Unternehmen in Deutschland genau das vor. Es gebe in deutschen Vorständen einen "Thomas-Kreislauf", kritisierte Familienministerin Franziska Giffey kürzlich: "Thomas fördert Thomas und Michael fördert Michael." Studien belegen, dass Vorgesetzte diejenigen protegieren, die ihnen ähnlich sind: weiß, männlich, ähnliche Ausbildung, ähnlicher Hintergrund, bis hin zum gleichen Namen. In börsennotierten deutschen Unternehmen gibt es 2018 mehr Vorstandsmitglieder, die Thomas oder Michael heißen, als Frauen.

Den gleichen Kreislauf gibt es auch bei den mächtigsten Positionen der Bundesverwaltung. In der Geschichte der Bundesrepublik sind bislang 692 beamtete Staatssekretäre ernannt worden. Die männliche Bezeichnung ist angebracht, denn in 668 Fällen wurde ein Mann für dieses Amt ausgewählt. Nur 24 Mal nominierten die zuständigen Minister und Ministerinnen eine Frau. Zieht man Frauen ab, die mehrfach ernannt wurden, dann gab es seit 1949 insgesamt nur 19 beamtete Staatssekretärinnen. In derselben Zeit wurden 24 Männer Staatssekretäre, die den Vornamen Hans trugen, und 18, die Karl hießen. Es gab also in 69 Jahren Bundesrepublik mehr Männer namens Hans in dieser wichtigen Funktion als Frauen.

Politiker wie Seehofer schreiben dieses Hans-Prinzip konsequent fort. Unter den fünf beamteten Staatssekretären in seinem Superministerium ist zwar ein Hans-Georg, jedoch keine einzige Frau. Die übrigen drei Positionen auf der obersten Leitungsebene, jene der parlamentarischen Staatssekretäre, besetzte er ebenfalls mit Männern. Als das Ministerium im März ein Foto von Seehofer im Kreise der acht grauen Anzugmenschen auf seiner Website veröffentlichte, löste das empörte Kommentare in den sozialen Medien aus. Die Pressestelle nahm eilig das Bild von der Seite. Inzwischen steht es dort wieder.

Schröders "Gedöns" hat der Idee geschadet

"Bei solchen Posten greifen oft Empfehlungskartelle", sagt Anne von Fallois. Sie war Abteilungsleiterin im Bundespräsidialamt und leitet heute das Hauptstadtbüro der Personalberatung Kienbaum. Häufig würden Weggefährten platziert oder Weggefährten von Weggefährten, außerdem Leute aus den Sympathisantenzirkeln der eigenen Partei.

So belohnt das Hans-Prinzip einfach nur das Mannsein. Hans fördert Hans, aber Hans fördert eher keine Ulrike. Das Prinzip festigt die Konformität und bestraft Unterschiedlichkeit. Dazu ist nicht einmal böser Wille nötig. Es reicht aus, wenn Vorgesetzte der erlernten Routine folgen.

Eigentlich müsste das Hans-Prinzip längst Geschichte sein. Denn schon seit 2001 sollte ein Gesetz die Männerdominanz in den Regierungsbehörden beenden. Das Regelwerk trägt den müden Titel Bundesgleichstellungsgesetz und hat zum Ziel, "die Gleichstellung von Frauen und Männern zu verwirklichen". So steht es im ersten Paragrafen.

Wer gegen das Gesetz verstößt, muss keine Strafe fürchten

Im Auswärtigen Amt liegt der Anteil der Führungsfrauen (Unterabteilungsleitung bis Staatssekretär) nur bei 13 Prozent. © Jacobia Dahm für ZEIT ONLINE

Deutschland erlebte gerade einen Aufbruch, als dieses Gesetz gemacht wurde. Nach 16 Jahren war Helmut Kohl 1998 als Bundeskanzler abgewählt worden. Die erste rot-grüne Bundesregierung trat an, das Land zu modernisieren: Ökosteuer, Doppelpass, Lebenspartnerschaften für Homosexuelle wurden eingeführt. Auch mit der Frauendiskriminierung sollte endgültig Schluss sein.

Die damalige Frauenministerin Christine Bergmann war Sozialdemokratin und kam aus der DDR. Für sie war es selbstverständlich, dass Frauen berufstätig sind. Schon als Senatorin in Berlin hatte sie beobachtet, dass erfahrene Ost-Führungsfrauen von jungen Karrieremännern verdrängt wurden. Das konservative Frauenbild, das in vielen Gegenden Deutschlands so mächtig sei, habe sie jedoch erst als Ministerin richtig gespürt, sagt sie heute.

Bergmann setzte sich durch. Das Gleichstellungsgesetz für die Bundesverwaltung wurde verabschiedet und die Ministerin erkämpfte, dass die Gleichstellung als Leitprinzip für alle Vorgesetzten in sämtlichen Dienststellen der Bundesregierung galt.

Doch der erste Schub verpuffte rasch, auch dank Bundeskanzler Gerhard Schröder. Der hatte Bergmanns Fachbereich öffentlich als "Familie und das ganze Gedöns" abqualifiziert. "Das hat schon sehr geschadet", sagt Bergmann zurückblickend. "So etwas wird man nie wieder los."

Gesetz ohne Durchsetzungskraft

Fünf Familienministerinnen sind seither daran gescheitert, durchzusetzen, dass Frauen und Männer in der Bundesverwaltung gleichgestellt sind. Heute kämpft Familienministerin Giffey immer noch für etwas, auf das sich die Bundesregierung schon vor 20 Jahren gesetzlich verpflichtet hat.

Was dem Gesetz vor allem fehlt, ist Durchsetzungskraft. Es kennt keine Sanktionen für jene, die dagegen verstoßen. Man darf sich das so vorstellen, als würde die Fahrbereitschaft der Bundesregierung mit ihren Dienstwagen seit 20 Jahren konsequent mit 80 Stundenkilometern durch jedes Wohngebiet rasen, ohne dafür jemals eine Geldbuße bezahlen zu müssen. Im öffentlichen Dienst bleibt die Diskriminierung von Frauen – anders als bei Unternehmen – straflos. Nun hat die Bundesregierung abermals in ihren Koalitionsvertrag geschrieben, dass die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in den Leitungsfunktionen bald erreicht werden soll, diesmal bis 2025.

Bisher betreiben die Ministerien einen gewaltigen bürokratischen Aufwand, um zu dokumentieren, wie sie das Gesetz ignorieren. Man kann es an den Organigrammen ablesen und in den sogenannten Gleichstellungsplänen. Letztere muss jede Behörde für jeweils vier Jahre verfassen, um zu belegen, ob und wie sie Diskriminierung abbaut. ZEIT ONLINE hat alle aktuellen Pläne ausgewertet. Es ergibt sich ein chaotisches Bild: Die Statistiken werden nicht zu gemeinsamen Stichtagen erhoben. Der aktuellste Bericht des Familienministeriums stammt aus dem Jahr 2011, der des Gesundheitsministeriums ist hingegen von 2017. Nichts ist miteinander vergleichbar, weder der Istzustand noch die Pläne für die Zukunft. Viele Gleichstellungspläne lesen sich wie Protokolle des Scheiterns.

Torsten von Roetteken ist Verwaltungsjurist und hat einen Standardkommentar zum Bundesgleichstellungsgesetz publiziert. Er sagt: "Insgesamt bewegt sich die Gleichstellungspolitik der Bundesregierung in der Nähe zum Betrug. Man gaukelt der Bevölkerung vor, alles für die Gleichstellung der Frauen zu unternehmen, doch das stimmt nicht." So schaffe die Regierung "Glaubwürdigkeitslücken".

Es gibt noch eine weitere Möglichkeit, sich der Frage zu nähern, wie Frauen in den Ebenen der Macht vertreten sind, die die Regierungspolitik bestimmen. Mit den Funktionen in den Ministerien sind Besoldungsstufen verbunden. Besoldungsstufe B 6 erhalten beispielsweise Ministerialdirigenten, die Unterabteilungen und kleinere Abteilungen leiten. B 7 und B 9 bekommen Ministerialdirektoren. Sie führen die großen Abteilungen, ihnen sind die Staatssekretäre direkt vorgesetzt.

Männerbastion Kanzleramt

ZEIT ONLINE hat bei allen Ministerien abgefragt, wie viele Männer und Frauen diese Besoldungsstufen erhalten, und Unterabteilungs- und Abteilungsleitungen sowie Staatssekretäre zusammengerechnet.

Das Familienministerium steht demnach am besten da, hier liegt der Frauenanteil in dieser Gruppe bei 70 Prozent. Justiz- und das Arbeitsministerium erreichen rund 40 Prozent. Am schlechtesten schneidet das Landwirtschaftsministerium mit etwa elf Prozent ab. Knapp darüber liegen das Auswärtige Amt (13 Prozent), das Verkehrsministerium (13 Prozent), das Innenministerium (15 Prozent) und das Verteidigungsministerium (15 Prozent).

Im Bundeskanzleramt sind inzwischen zwar mehr als die Hälfte der gesamten Belegschaft Frauen. Trotzdem bleiben sie "vor allem in Führungspositionen leider aber immer noch unterrepräsentiert", stellt der jüngste Gleichstellungsbericht des Kanzleramts fest. Das ist schonend formuliert: Angela Merkels Behörde war lange eine reine Männerbastion. Erst in den vergangenen vier Jahren hat sich das etwas geändert. Aktuell sind zwei der sieben Abteilungsleitungen mit Frauen besetzt. In der Auswertung der obersten Besoldungsstufen erreicht das Kanzleramt lediglich einen Frauenanteil von 20 Prozent.

Im Finanzministerium hat noch nie eine Frau einen der drei Staatssekretärposten übernommen. Zwischen 1999 und 2005 wurde eine einzige Abteilung von einer Chefin geleitet. Damals wurde der Sozialdemokrat Peer Steinbrück Finanzminister. Er kam drei Jahre lang ganz ohne Frauen in seiner Führungsetage aus. Erst Wolfgang Schäuble ernannte zumindest zwei Abteilungsleiterinnen. Daran hat der neue Finanzminister Olaf Scholz nichts geändert. Das spiegelt sich auch in der Auszählung nach Besoldung wider, dort liegt der Frauenanteil bei knapp 20 Prozent.

Karriereturbo für Männer

Wie groß ist der Mut zum Widerspruch unter Beamtinnen und Beamten? © Andreas Prost für ZEIT ONLINE

Das Drama setzt sich in den Bundesbehörden fort. Zum Beispiel in der Bundesbank. Sie galt seit ihrer Gründung Ende der Fünfzigerjahre als Männerclub. 2011 zog zum ersten Mal eine Frau in den Vorstand ein, inzwischen sind zwei der sechs Vorstände weiblich. Im mächtigen Führungszirkel, in den sogenannten Zentralbereichsleitungen, war bis vor Kurzem eine der 15 Stellen mit einer Leiterin besetzt gewesen. Sie ging in den Ruhestand, ihre Stelle ist vakant, der Frauenanteil liegt aktuell bei null Prozent. Eine Führungsebene darunter, bei den Abteilungsleitungen, beträgt der Frauenanteil knapp 20 Prozent.

Tatsächlich gibt es genug Beamtinnen in den Verwaltungen, aus denen Vorgesetzte auswählen könnten. Im Verteidigungsministerium machen beispielsweise Frauen ein Drittel der Belegschaft aus. Befördert wurden zuletzt jedoch nur 18 Prozent.

Männer steigen auf, Frauen nicht

Das hat System. Eine besondere Rolle spielt dabei die Siebenundzwanzigerregel. Sie könnte Frauen nach oben katapultieren. Hinter dem Behördenjargon steckt der Paragraf 27 der Bundeslaufbahnverordnung. Er wurde geschaffen, um besonders leistungsfähige Beamtinnen und Beamte auch außer der Reihe befördern zu können.

Das Innenministerium hat jüngst untersucht, wie dieser Paragraf in der Bundesregierung angewandt wird. Dieser interne Bericht liegt ZEIT ONLINE vor. Er umfasst alle Bundesbehörden zwischen 2009 bis 2016 und betrachtet mit dem mittleren, gehobenen und höheren Dienst alle drei Laufbahnen des Beamtenwesens. Der Bericht zeigt: In den acht Jahren wurden insgesamt 141 Frauen nach dieser Regel befördert. Und 705 Männer. Paragraf 27 hat sich als Karriereturbo für Männer bewährt.

Warum ist das so? Warum werden Männer bevorzugt, warum sehen Vorgesetzte nicht das weibliche Potenzial in ihren Abteilungen? Auf diese Fragen gibt ein keine einfache Antwort. Da ist das zahnlose Gesetz, dessen Missachtung nicht sanktioniert wird. Da ist das Auswahlverfahren "Hans fördert Hans". Da ist ein weitverbreitetes freundliches Desinteresse am Thema Gleichstellung in den Führungsetagen. Da ist das hohe Sicherheitsbedürfnis, das vielen Beamten und Beamtinnen zu eigen ist, und da ist wenig Mut zum Widerspruch. Da ist mancherorts noch ein starker männlicher Korpsgeist. Und schließlich haben etliche leitende Ministeriale noch immer ein überkommenes Frauenbild, nach dem für Frauen eben andere Dinge wichtiger seien als die Karriere: Familie gründen, Kinder großziehen, Teilzeit jobben.

Die Gleichstellungsbeauftragte des Familienministeriums wird wütend, wenn sie so etwas hört. Denn das Bundesgleichstellungsgesetz von 2001 soll genau solche Benachteiligungen verhindern. Stattdessen beobachtet Kristin Rose-Möhring das Gegenteil: "Wenn Männer nur kurz Elternzeit nehmen, wenn sie ins sogenannte Wickelvolontariat gehen, wird das in Beurteilungskonferenzen besonders betont. Es heißt dann, das seien ja tolle neue Männer." Männer würden belohnt, wenn sie sich um die Familie kümmerten. "Die ach so schrecklich lästige Teilzeitfrau ist dagegen das erwartete Normmodell, sie wird dafür oft auch noch schlechter beurteilt. Das ist ungerecht."

Zahllose talentierte Frauen verzweifeln an diesen Strukturen, die sie daran hindern, das Land mitzuregieren. Manche flüchten in die Privatwirtschaft. Einige aber begehren auf, wenn auch recht leise. Sie beginnen, sich zu organisieren, und gründen Netzwerke.

Women in Charge ist im Innenministerium entstanden. Ein Kreis um die Gleichstellungsbeauftragte lädt erfolgreiche Führungsfrauen von außen ein, alle Beamtinnen des BMI können an den Gesprächen teilnehmen. Sigrid Nikutta, die erste Frau an der Spitze der Berliner Verkehrsbetriebe, war schon da und berichtete von ihren Aufstiegs- und Führungserfahrungen. Diese Treffen sollen den Beamtinnen helfen, Vorbilder zu finden und miteinander in Kontakt zu kommen. Leitende Beamtinnen aus dem Auswärtigen Amt gründeten im Sommer sogar einen eingetragenen Verein. Er nennt sich frauen@diplo e.V.. Öffentlich ist der Verein allerdings kaum sichtbar.

Intern gibt es erste Proteste

Andere erheben gemeinsam die Stimme. Im Wirtschaftsministerium unterschrieben unlängst 180 leitende Beamtinnen einen Protestbrief an Minister Altmaier. Darin bemängelten sie, "dass der Anteil der Frauen in verantwortungsvollen und herausgehobenen Positionen bisher nicht zunimmt". Sie forderten von Altmaier, diese Situation zu ändern. Die Auswahl an "klugen, engagierten und vernetzten Frauen" im Wirtschaftsministerium sei immerhin riesig. Altmaier antwortete, die berufliche Gleichstellung von Frau und Mann sei ihm "schon lange ein Anliegen" – und beließ sein Personaltableau wie gehabt.

Auch Kanzlerin Merkel bekam einen wütenden Brief. Der Interministerielle Arbeitskreis der Gleichstellungsbeauftragten beschwerte sich, in einigen Ministerien seien abermals nur Männer zu Staatssekretären ernannt worden. Diese Entwicklung sei "fatal", Merkel solle darauf hinwirken, dass in den Ministerien ein "deutliches Zeichen" gesetzt werde. Das Signal blieb aus, Merkel selbst schwieg. Stattdessen antwortete ihr Staatssekretär Helge Braun. Man kümmere sich um das Problem. Konkrete Vorschläge machte er nicht.

Schließlich wandten sich die Beamtinnen sogar an den Bundespräsidenten. Frank-Walter Steinmeier solle auf die Regierung einwirken. Das Staatsoberhaupt empfing die Beschwerdeträgerinnen und lauschte ihnen wohlwollend. Doch seither haben sie nichts mehr aus dem Schloss Bellevue gehört.

So verhallen alle Appelle und Initiativen, ob sie von Frauenministerinnen, Gleichstellungsbeauftragten oder wütenden Mitarbeiterinnen angestoßen werden. Die Hoffnung, der Lauf der Zeit werde automatisch so viele Frauen in leitende Positionen tragen, bis die Verhältnisse ausgeglichen sind, stellt sich als naiv heraus. Christine Bergmann, die das Gleichstellungsgesetz für die Regierung vor 20 Jahren erfand, zieht einen kühlen Schluss: "Ich glaube an keinen Automatismus. Ich glaube nur an einen energischen politischen Willen." Doch den gibt es nirgends.

Grafiken: Steffen Hänsch, Jonas Parnow, Julian Stahnke, Julius Tröger

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