Gewissheiten sind eine herrliche Sache, gerade in der Politik. Sie ordnen die Wirklichkeit, dampfen Komplexität ein. Sie sind somit oftmals die Grundlage für Entscheidungen in, wie es gerne heißt, "komplexen Gesellschaften". 

Wenn die Wirklichkeit sich aber nicht mehr so einfach ordnen lässt, wenn sie binnen weniger Wochen sogar eine Gewissheit nach der anderen schreddert, dann ist das ein ziemlich deutliches Zeichen dafür, dass in einer Gesellschaft etwas ins Rutschen gerät.

Eine dieser Gewissheiten lautete: Der Erfolg der populistischen Rechten beruht auch darauf, dass sie Abstand halten zu allem, was irgendwie nach Faschismus aussieht (paramilitärisch, hitlergrüßend, gesichtstätowiert) oder klingt ("frei, sozial und national", "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus"). In einem von seiner Geschichte tief geprägten Land, so hieß es, könnte auf der rechten Seite nur reüssieren, wer sich nicht mit jenen zeigt, die allzu deutlich ungute Erinnerungen wecken.

So oft wurde es beschworen, dass man sich schon fast sicher war. Doch die Kraft der Autosuggestion ist endlich und die Realität eine andere. Erst drei Wochen ist es nun her, dass in Chemnitz Vertreter der AfD gemeinsam mit Hooligans, Identitären und diversen anderen unangenehmen Splittergrüppchen auf die Straße gingen. Würde die alte Gewissheit noch gelten – die bürgerlichen Wähler müssten ihnen nun davonlaufen, sich angewidert abwenden, weil ihre "Protestpartei" die Maske hat fallen lassen.

Einzige Gemeinsamkeit: kollektives Führungsversagen

Doch nach einer Umfrage von Infratest Dimap, einem als durch und durch anständig geltenden Institut, ist die AfD die große Gewinnerin der Woche. 18 Prozent bei der Sonntagsfrage, ein neuer Rekord. Nach ihrem Schulterschluss mit den extremen Rechten ist sie nun die zweitstärkste Partei in der Bundesrepublik. Für die AfD ist das gewiss sehr angenehm, denn es öffnet ihr ganz neue Möglichkeiten der Enthemmung. Für alle anderen Parteien ist es zum Verrücktwerden.

Der anhaltende Erfolg der radikalen Rechten fußt selbstverständlich zu einem guten Teil auf einer Reihe von bekannten strukturellen Gründen: Globalisierung, Prekarisierung, Abstiegsängste. Und dass eine Partei, die nur das Thema Migration kennt, davon profitiert, wenn die versammelte bundesdeutsche Politik wie besessen nur über Migration spricht, ist auch nicht ganz verwunderlich.

Man muss aber kein Hellseher sein, um zu erahnen, dass der Erfolg der AfD auch den sehr spezifischen Grund hat, dass sich längst schon eine andere Gewissheit verabschiedet hat: In unsicheren Zeiten sorgen große Koalitionen für Stabilität.

Wenn diese Koalition in den vergangenen Monaten etwas gezeigt hat, dann dass sie zwar hervorragend dazu in der Lage ist, Dauererregung, Beinahe-Brüche und Noch-einmal-Kompromisse zu produzieren, jedoch wirklich niemand mehr auf die Idee kommen sollte, von ihr das geräuschlose und etwas sedative Regieren der alten Tage zu erwarten. Die Zeit der großen Koalition als Stabilitätsmaschine ist vorbei. Vermutlich für immer.

Der kleinste gemeinsame Nenner von CDU, CSU und SPD ist in diesen Tagen die Angst. Und ihre größte Gemeinsamkeit ist das kollektive Führungsversagen. Angela Merkel hat längst auf tonlose Dauermoderation geschaltet, sie scheint weder willens noch im Stande, Entscheidungen durchzusetzen oder sie überhaupt erst einmal zu fällen.

Horst Seehofer jagt derweil als freier Radikaler durch Berlin, dem alles zuzutrauen ist und dem darum gerade auch vieles gelingt. Und Andrea Nahles, immerhin eine Frau, von der man einmal sagte, dass sie das Kuhhandeln meisterhaft beherrsche, diese Frau also beschließt nun erst einen fatalen Kompromiss, nur um drei Tage später öffentlich um dessen Neuverhandlung zu bitten.