Damals, in den Achtzigerjahren, wurde Margitta Kunze in Köthen auch "die Frau mit den Bunten" genannt. Die Bunten waren ausländische Studenten aus Afghanistan, Kolumbien oder Vietnam, die sie als Lehrerin im Auftrag des Herder-Instituts auf ein Fachstudium vorbereitete. Das Herder-Institut war so etwas wie das Goethe-Institut der DDR.

Kunze erinnert sich noch genau daran, wie sie die Gruppen aus dem Ausland in Köthen "erst mal winterfest gemacht hat", ihnen Wintermäntel und Pullover kaufte. Das war nicht leicht. In der DDR herrschte Mangelwirtschaft. Sie war auf die Unterstützung der Köthener angewiesen. "Das war schon auffällig, wenn wir durch die Straßen liefen", sagt sie, "aber man hat sich bemüht, uns so gut es eben ging zu helfen."

Seit es das Herder-Institut nicht mehr gibt, genau wie die DDR, leitet Margitta Kunze hier in Köthen das Landesstudienkolleg der Hochschule Anhalt. Ihre Aufgaben sind ähnlich zu denen von damals. Sie bereitet die Studenten und Studentinnen sprachlich und fachlich auf ein Studium in Deutschland vor. Nur zum Arzt begleitet sie sie nicht mehr und sie lädt sie auch nicht mehr zum Weihnachtsfest zu sich nach Hause ein. Die Zeiten haben sich geändert. Aus einer Handvoll ausländischer Studenten und Studentinnen sind inzwischen tausend geworden.

Geändert hat sich auch die Stimmung in der Stadt. Zum zweiten Mal innerhalb einer Woche sind am Sonntag Hunderte Demonstranten dem Aufruf rechter Parteien und Gruppierungen gefolgt, die nach dem Tod eines 22-Jährigen am vergangenen Wochenende gegen Angela Merkel, ihre Flüchtlingspolitik und Flüchtlinge selbst protestieren. Der schwer herzkranke Deutsche war laut Behörden an einem Infarkt gestorben, nachdem er sich in einen Streit zwischen mehreren Afghanen eingeschaltet hatte und ins Gesicht geschlagen wurde. Zwei 18 und 20 Jahre alte Verdächtige sitzen in Untersuchungshaft. Am Sonntagabend sollen es 1.300 Demonstranten gewesen sein, 700 Menschen sollen dem Aufruf zum Gegenprotest des Bündnisses Dessau Nazifrei gefolgt sein – die Bauhaus-Stadt ist nur 20 Kilometer entfernt.

Welchen Einfluss hat das auf die Atmosphäre in der Stadt? Nadija und Anastasija aus der Ukraine, Ting aus China und Yaser aus Kurdistan sind Studenten an der Köthener Hochschule. Sie sitzen an diesem sonnigen Sonntagvormittag zusammen mit Margitta Kunze und dem Hochschulpräsidenten Jörg Bagdahn in einem Besprechungsraum in der Bernburger Straße 55 und wollen etwas über ihren Alltag hier in Köthen erzählen.

Sachsen-Anhalt - AfD-Marsch in Köthen verläuft friedlich Mehrere Hundert Menschen sind einem Aufruf der AfD zu einem „Trauermarsch” in Köthen gefolgt. Die Veranstaltung verlief friedlich. © Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Die 21-jährige Anastasija ist erst seit acht Wochen hier. "Es ist sehr ruhig hier", sagt sie, "anders als in Odessa." Manchmal geht sie mit ihrer Freundin Nadija ins Eiscafé Venezia am Halleschen Turm oder in den VT-Club im Wohnheim 6 auf dem Campus. Sie lächelt verlegen, ihr Deutsch holpert noch ein bisschen. Als vor einer Woche der Deutsche starb, war sie in Berlin. Auch von den ersten, heftigen Demonstrationen rechter Gruppierungen hat sie kaum etwas mitbekommen. Ihre Nachbarin im Studentenwohnheim hat ihr davon erzählt und ihr geraten, lieber zu Hause zu bleiben. Aber Anastasija hat keine Angst. "Hier ist es besser als in der Ukraine", sagt sie. Ihr Nachbar, Ting aus China, in hellblauem Hemd und grauem Pullunder nickt.

Zwei Stühle weiter sitzt Yaser. Er ist 35 Jahre alt und wohnt eigentlich in Dessau, dem zweiten der drei Hochschulstandorte. Aber er ist oft hier, weil er neben seinem Studium auch als Fotograf für die Hochschule arbeitet. Er lebt seit 2014 in Dessau, zusammen mit seiner Frau und seinen Eltern und seinen zwei Brüdern. Sie sind politische Flüchtlinge aus Kurdistan und einer offiziellen Einladung der Bundesrepublik gefolgt. Yasar studiert Architektur. Er mag Sachsen-Anhalt, alle seien sehr nett. "Vielleicht manchmal ein bisschen altmodisch." Er grinst.

Vergangenen Sonntag war er zufällig in Köthen, um seinen kleinen Bruder zu besuchen, der auch hier studiert. Sie machten einen Spaziergang durch die Stadt. Im Zentrum trafen sie auf rechte Gruppen, die sie beschimpften. Es muss schlimm gewesen sein. Er möchte nicht wiederholen, was sie gesagt haben. Yasar macht sich Sorgen, um Deutschland. Aber anders als in seiner Heimat habe der Hass noch nicht gewonnen. Hier hält man noch dagegen. "In Kurdistan wird über die Probleme nicht mehr geredet. Hier kann man noch alles denken und schreiben und diskutieren", sagt er.

Hochschulpräsident Bagdahn, der Yasar und den anderen gegenübersitzt, ist stolz auf die Internationalität seiner Hochschule. "Die HS Anhalt hat die meisten ausländischen Studierenden in Deutschland", sagt er. 2017 hat die Hochschule unter seiner Führung vom Auswärtigen Amt den Preis für die exzellente Betreuung ausländischer Studierender in Deutschland bekommen. Bagdahn will in diesen Tagen vor allem seine Studierenden schützen. In einem Brief hat er den Studierenden empfohlen, die "potenziell gefährlichen Demonstrationen", die am Nachmittag und Abend in der Innenstadt stattfinden, zu meiden. Die weltoffene Hochschule wartet lieber ab, harrt aus, hält still. Während in anderen Städten, an den Fassaden anderer Hochschulen Fahnen gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit wehen, müht man sich hier noch mit einer eindeutigen Haltung ab und hat sich dazu entschieden, dem Weg des Innenministers von Sachsen-Anhalt Holger Stahlknecht (CDU) und des Oberbürgermeisters Bernd Hauschild (SPD) zu folgen, die den Bürgern und Bürgerinnen an diesem Sonntag geraten haben, einfach zu Hause zu bleiben und die Rollläden runterzulassen.

Studierende zeigen sich verängstigt

Köthen, glaubt Bagdahn, hat kein Problem mit Rassismus. Auch Margitta Kunze hat in ihren fast 40 Jahren in der Stadt keine Fremdenfeindlichkeit erlebt. Die Ereignisse der vergangenen Woche haben sie überrascht. Einmal, kurz nach der Wende, hat sie erlebt, dass vor dem Wohnhaus 6 randaliert wurde und Neonazis "Ausländer raus!" riefen. Seitdem sei es friedlich gewesen.

Der Leiter des Internationalen Studentenclubs in der Martinskirche in Köthen sieht das anders. Die Studierenden, die zu ihm kommen, um Musik zu machen, zu tanzen oder eine Tasse Tee zu trinken, seien verängstigt, erzählt er. Ein junges Paar aus China sei am Bahnhof angespuckt und beschimpft worden. Ein Indonesier "hätte was auf die Nase bekommen". Früher, bevor die Flüchtlinge kamen, sei das anders gewesen. Studierende aus dem Ausland wurden in Köthen toleriert und akzeptiert. Mit den Studierenden verdienen die Bewohner der Stadt schließlich Geld. Weil es nicht genügend Wohnheime gibt, arbeitet die Hochschule mit Privatunterkünften zusammen. Den Lidl beim Wohnheim 1 gebe es ohne Studenten, die hier einkaufen, wahrscheinlich gar nicht.

"Aber mittlerweile", sagt der Leiter des Internationalen Studentenclubs, "können die Leute zwischen Studenten und Flüchtlingen nicht mehr unterscheiden." Und "die Kette reißt am schwächsten Glied. Irgendwann wird aus Trauer eben Wut." Wut darauf, dass die Flüchtlinge angeblich mehr Zuwendung bekommen als ein sich abgehängt fühlender arbeitsloser Deutscher. Dass sie von einem System profitieren würden, ohne je etwas dafür getan zu haben. Oft sind die Flüchtlinge genauso alt wie die Studierenden. Nur dass die zumeist nach dem Abschluss wieder zurück in ihre Heimat gehen und Flüchtlinge oft bleiben, vielleicht ein Leben lang.