An diesem Dienstag wird es endlich so weit sein: Nach monatelangen Vorankündigungen will die Fraktionschefin der Linken, Sahra Wagenknecht, in der Bundespressekonferenz Programm und Unterstützer ihrer linken Sammlungsbewegung vorstellen. Wenige Kilometer Luftlinie von diesem Ort entfernt, in der Parteizentrale der Linken am Berliner Alexanderplatz, wird man diesen Vorgang sehr aufmerksam beobachten.

Denn klar ist: Auch wenn Wagenknechts Vorstoß nach eigenem Bekunden dazu dienen soll, Wähler, die dem linken Lager in der Vergangenheit verloren gingen, zurückzugewinnen und auf diese Weise auch wieder parlamentarische Mehrheiten jenseits der Union zu ermöglichen, so ist die Parteispitze – bestehend aus Katja Kipping und Bernd Riexinger – von diesem Vorhaben alles andere als begeistert.

Auch wenn sie sich im Vorfeld mit offener Kritik zurückhalten: Ihr Ärger über das Wagenknecht-Projekt ist aus jeder ihrer Äußerungen unschwer herauszudestillieren. Wenn Wagenknecht und ihr Ehemann, Ex-Linken-Chef Oskar Lafontaine, "jetzt mitmachen" bei dem Kampf für fortschrittliche Mehrheiten, dann freue sie das, sagte etwa Kipping am Sonntagabend im ARD-Interview. Klang nett, doch ein "Bisher war das nicht der Fall" schwang dabei laut hörbar mit. Und ihr Co-Vorsitzender Riexinger appellierte kurz vor dem Start der Bewegung noch einmal eindringlich, in Zeiten, "in denen der braune Mob wieder ungehindert auf Menschjagd gehen kann", müsse jeder Anschein von Spaltung im Kampf gegen den Rechtsextremismus vermieden werden. Auch das dürfte eine deutliche Warnung in Richtung Wagenknecht gewesen sein.

Streit um das Thema Migration

Schließlich tobt zwischen Kipping und Riexinger auf der einen und Wagenknecht auf der anderen Seite seit Monaten ein heftiger Streit um die Ausrichtung der Linken vor allem beim Thema Migration. Während die beiden Parteivorsitzenden für offene Grenzen eintreten und sich dabei der Unterstützung einer jungen, urbanen Linkspartei-Klientel sicher sein können, hat Wagenknecht immer wieder deutlich gemacht, dass sie keine zusätzliche Migration in den Arbeitsmarkt will. Mit der Forderung nach offenen Grenzen verprelle man die Kernklientel der Linken, nämlich Arbeitslose und eher schlecht Qualifizierte, glaubt Wagenknecht, da für diese Zuwanderer vor allem eine Konkurrenz im Kampf um Jobs und Wohnraum darstellten.

Wie Wagenknechts Sammlungsbewegung sich zu diesen Fragen positioniert, ist zwar noch offen. In dem Entwurf für ein Manifest aus dem Mai dieses Jahres war noch die Forderung nach mehr "Identität" und "kultureller Eigenständigkeit" enthalten, in einer späteren Version von Anfang August fehlten solche Töne. Zudem wurde die harsche Kritik an der EU abgeschwächt. Auch dieses Papier wurde erneut überarbeitet. In das endgültige Manifest, das am Dienstag vorgestellt werden soll, mussten schließlich auch die Änderungswünsche der mehr oder minder prominenten Unterstützer, wie der ehemaligen grünen Bundestagspräsidentin Antje Vollmer oder des Theaterdramaturgen Bernd Stegemann, eingearbeitet werden.

Aus der Sicht von Kipping und Riexinger liegt der Verdacht nahe, dass die Sammlungsbewegung vor allem dazu dienen soll, Wagenknechts eigene Position in der Partei zu stärken. "Weit mehr als 85.000" Menschen hätten sich auf der seit Anfang August freigeschalteten Website mit dem Titel "aufstehen" als Unterstützer registrieren lassen, so die Organisatoren der Bewegung. Wenn es noch viele mehr werden, könnte Wagenknecht durchaus versuchen, mit diesen Stimmen auch innerparteilich Druck für Kursänderungen in ihrem Sinne aufzubauen.

Hinzu kommt: Auch wenn Wagenknecht und Lafontaine zuletzt immer wieder betont haben, dass sie keine eigene Partei anstreben, so ist diese Sorge in der Linkspartei längst nicht ausgeräumt. Je nachdem, wie groß der Erfolg der Bewegung wird, könnte Wagenknecht von diesem Versprechen auch wieder abrücken, so die Befürchtung. Die Folge wäre dann wohl eine Schwächung der Linkspartei und eine weitere Zersplitterung des linken Lagers. Für Riexinger steht deswegen fest: "Parteinebenstrukturen würden wir nicht mitmachen." In einem Beschluss hat der geschäftsführende Parteivorstand der Linken bereits Mitte August festgehalten: "Für die Programmatik und inhaltliche Ausrichtung der Linken hat die Sammlungsbewegung keine Konsequenzen." Und mehr noch: Die Mitglieder der Partei wurden ausdrücklich aufgerufen, sich der Bewegung nicht anzuschließen.

Nicht mehr als 15 oder 16 Abgeordnete

Wie groß die Zustimmung in der Partei und der Fraktion zu Wagenknechts Sammlungsbewegung tatsächlich ist, ist schwer vorherzusagen. Die Einschätzungen hängen ganz davon ab, mit wem man gerade redet.

Er glaube nicht, dass mehr als 15 oder 16 der 69 Abgeordneten der Linkspartei im Bundestag die Sammlungsbewegung unterstützen würden, indem sie sich für diese registrieren ließen, sagt etwa der Bundestagsabgeordnete Niema Movassat, der eher dem Kipping-Riexinger-Lager zuzurechnen ist. Auch an der Basis der Linkspartei sei die Stimmung überwiegend skeptisch.

Ganz anders sieht das natürlich Sevim Dağdelen. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag gehört zu Wagenknechts treuen Gefolgsleuten und hat gemeinsam mit dem Fraktionsvize Fabio De Masi bereits angekündigt, dass sie die Bewegung aktiv unterstützen will. Sie verweist nicht nur auf Veranstaltungen, die sie in den vergangenen Wochen etwa in Rheinland-Pfalz oder Nordrhein-Westfalen absolviert habe und bei denen das Publikum weit überwiegend positiv auf die Idee einer Sammlungsbewegung reagiert habe, sondern auch auf eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid. Demnach können 87 Prozent der Anhänger der Linkspartei sich vorstellen, die Sammlungsbewegung zu unterstützen. Das werde auf Dauer auch die Parteispitze überzeugen, glaubt Dağdelen.