Eigentlich war es nur eine kurze Frage, eher beiläufig gestellt. An einem Mittwochmittag im Juni 2014 sitzt Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen im großen Saal der Bundespressekonferenz in Berlin bei der Vorstellung seines Jahresberichts. Und während der üblichen Fragerunde für die Journalisten meldet sich irgendwann DIE ZEIT und erkundigt sich, was aus dem Disziplinarverfahren gegen jenen Verfassungsschützer geworden ist, der ein paar Jahre zuvor Akten aus dem Umfeld des NSU geschreddert und das Amt in eine Krise gestürzt hatte. Maaßen antwortet kurz angebunden. Zu dem Thema dürfe er keine Auskunft geben.

Mit dieser Nicht-Antwort wollte sich DIE ZEIT nicht zufriedengeben. Und es begann eine Auseinandersetzung, die inzwischen mehr als vier Jahre dauert und in dieser Woche in die nächste Runde geht. Sie wirft ein Schlaglicht darauf, wie verbissen sich Behörden bisweilen gegen Journalistenfragen wehren. Sie zeigt, was das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) von öffentlicher Kontrolle hält und wie es Steuermittel dafür einsetzt, um zu verhindern, dass Bürger etwas aus dem Innenleben der Behörde erfahren.

Rückblende: Am 10. November 2011, wenige Tage nach dem Auffliegen des NSU, ruft ein Referatsleiter des BfV mit dem Tarnnamen "Lothar Lingen" eine Mitarbeiterin zu sich und weist sie an, die Akten von sieben V-Leuten aus der Thüringer Neonazi-Szene zu vernichten. Als sie sich sträubt, herrscht er sie an: "Tun Sie das, was ich sage!" Sie tut es. Am nächsten Morgen geht sie in den Keller der Behörde, wo ein riesiger Aktenschredder steht, und schiebt die Unterlagen hinein.

Hintergrund? Bis heute unklar

Diese Vernichtungsaktion ist bis heute eines der rätselhaftesten Kapitel des NSU-Desasters. Keiner der mittlerweile dreizehn Untersuchungsausschüsse in Bund und Ländern hat die Hintergründe aufklären können. Und im Münchner NSU-Prozess weigerte sich das Oberlandesgericht, sich überhaupt mit dem Thema zu beschäftigen.

Viel ist in den vergangenen Jahren darüber spekuliert worden, warum "Lothar Lingen" die Akten vernichtet sehen wollte. Dass darin Belege standen, der Verfassungsschutz habe Kontakt zum NSU gehabt, ja er habe ihn vielleicht sogar gesteuert, glauben nur Verschwörungstheoretiker.

Aber was wäre, wenn diese Akten gezeigt hätten, dass der Verfassungsschutz die Chance verpasste, die drei Rechtsterroristen zu fassen? Oder dass ihm der Schutz der eigenen V-Leute vor Entdeckung wichtiger war als die Verhinderung von Straftaten?

Als die Aktenvernichtung im Sommer 2012 bekannt wurde, war die Öffentlichkeit geschockt. Der damalige Verfassungsschutzpräsident Heinz Fromm trat zurück. Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) kündigte "knallharte Konsequenzen" an. Gegen den Referatsleiter wurde ein behördeninternes Disziplinarverfahren eröffnet. Doch was wurde aus diesem Verfahren, und wie lief es ab?

Die Antwort könnte interessant sein. Sie würde zeigen, ob die Konsequenzen für den Referatsleiter tatsächlich "knallhart" waren. Und sie würde offenlegen, wie engagiert die Behörde versucht hat, dessen Motive zu klären, und was dabei herauskam.

Die offizielle Version zum Grund des Schredderns lautet, dass "Lothar Lingen" die Akten vernichtete, weil er "Nachfragen, Wiedervorlagen und Prüfarbeiten vermeiden wollte", wie ein Sonderermittler erklärte, den das Bundesinnenministerium 2012 eingesetzt hatte. Doch dass der Referatsleiter sich und seinen Kollegen schlicht künftige Arbeitsbelastungen ersparen wollte, nannte der erste NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages in seinem Abschlussbericht "nicht überzeugend".