Die CSU ist kurz davor, das zu werden, was sie nie sein wollte: eine ganz normale Partei. Die Umfragen in Bayern sind nach CSU-Maßstäben eine Katastrophe, im Bayerntrend des Bayerischen Rundfunks kamen die Christsozialen Mitte der Woche nur noch auf 35 Prozent. Nie in ihrer jüngeren Geschichte musste die CSU einem solchen Rückstand hinterherrennen. In diesem Klima der Angst trifft sich die CSU im Postpalast in München zum Parteitag. Ein Anpack-Parteitag sollte es werden, ein Mutmacher, ein letztes Aufbäumen gegen den Negativsog. 

Was derzeit wohl am schwersten auf die Stimmung drückt, ist, dass sich in der Partei niemand erklären kann, woran das liegt. Ratlosigkeit, wo immer man nachfragt. Die Umfragen deckten sich nicht mit dem, was man im Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürgern erlebe, sagt ein Vorstandsmitglied. Da bekomme man viel Rückhalt. Jetzt gelte es, nicht zu verzagen. "Hilft ja nichts, das Beste draus machen." 

Vieles hat die CSU versucht, nichts hat wirklich gezündet. Nicht die Halsstarrigkeit und die Auf-den-Tisch-hau-Politik in Berlin, nicht die verbale Selbstradikalisierung in der Asylpolitik, nicht die Bayerische Grenzpolizei oder das Bayerische Landesamt für Asyl, nicht die sozialen Wohltaten, die Ministerpräsident Markus Söder derzeit über dem Land ausschüttet oder dessen Kehrtwende zum Kümmerer und Landesvater. Und deshalb hat die CSU ihren Wahlkampf jetzt auf die einfachste denkbare Formel runtergebrochen: Die CSU ist Bayern. In der Hoffnung, dass das die Wende bringt.

"Rüttelt die Bevölkerung auf"

Ja zu Bayern, ist dann auch der Titel des elfseitigen Wahlprogramms, das in München verteilt wird. In dem, das darf getrost als Signal verstanden werden, das Thema Asyl erst unter Punkt vier, Absatz drei vorkommt, hinter Familie, Bildung und Chancen für die Regionen. "Rüttelt die Bevölkerung auf, ruft ihnen zu, steht auf, wenn ihr für Bayern seid", mahnt Parteichef Horst Seehofer seine Basis. 

Damit das verfängt, versucht die CSU, ihre eigene Angst auf die Wahlbevölkerung umzulegen. Doch diesmal ist es nicht die Angst vor Asylbewerbern, sondern die Angst vor dem eigenen Bedeutungsverlust. Die CSU sei die letzte Volkspartei in Deutschland, sagt Generalsekretär Markus Blume. "Wir sind keine Regionalpartei, wir sind die politische Klammer für das Land." 

Wenn es ernst wird, bemüht die CSU derzeit das Bild vom Wind. Söder raunte Mitte der Woche vom Wind des Populismus, der durch Europa wehe. Blume geht weiter: "Die Stärke der CSU resultierte nie daraus, dass wir Rückenwind hatten." 1998 habe der neoliberale Zeitgeist geblasen, in Berlin Rot-Grün regiert – und die CSU habe Haltung gezeigt. 2008 die Finanzkrise und jetzt: "tektonische Verschiebungen, Demokratien erodieren, in der EU werden Regierungen von Nationalisten übernommen". Die CSU stehe für Stabilität in unsicheren Zeiten, so die zweite Kernbotschaft der CSU. Natürlich gilt im Umkehrschluss: Eine schwache CSU bedeutet maximale Unsicherheit.

Bayern – ein Problemfall für die Demokratie?

Das ist auch Einstieg und Finale von Söders Parteitagsrede. Er beginnt: "Mögen sich doch alle anderen aggressiv im Klein-Klein verhaken, wir bleiben Volkspartei." Er wolle keinen Landtag, dominiert von "Kommunisten und Rechtsradikalen". Damit ist der Ton gesetzt für den Parteitag. Am Schluss seiner eineinviertelstündigen kämpferischen Rede, in der er unter anderem seine Mitbewerber heftig angeht, kommt Söder noch mal darauf zurück. "Was, wenn das so bleibt mit den Umfragen?", fragt er. "Sieben Parteien im Landtag, von links bis rechts außen", ruft er. Bayern sei einst Musterfall der Demokratie gewesen. "Aber wenn das so kommt, wird Bayern zum Problemfall der Demokratie." 

Aber hat er auch eine Lösung? Söder klingt eher trotzig als visionär: Es werde viel genörgelt an der CSU, aber unterm Strich müssten auch die Kritiker anerkennen, dass die Partei vieles richtig mache. Wenn etwas gut funktioniere, stehe es ja nicht in der Zeitung. Daher: "Keine Kurswechsel, Kurs halten", sagt er. Keine Koalitionsspekulationen und alles lassen, was von Bayern ablenke. 

Die Unsicherheit, die die CSU gerade als Gegenbild für ihr Bayern entwirft, hat inzwischen ein Gesicht im Wahlkampf: die AfD. Immer härter und unversöhnlicher wird der Ton, nachdem man es über Monate eher mit ignorieren, totschweigen und anbiedern probiert hatte. "Die AfD ist vielleicht eine Alternative zur NPD, aber sie ist sicher keine Alternative für Deutschland oder Bayern", ruft Blume in seiner Rede zur Eröffnung des Parteitags. "Bayern ist nicht völkisch. Wir brauchen Volksparteien." Dafür gibt es das erste Mal richtig stürmischen Applaus.

Die AfD: "schäbig und niederträchtig"

Auch Söder geht die AfD hart an. In Chemnitz sei die Partei mit Hooligans aufmarschiert, er wiederholt das Wort und betont jede Silbe, damit auch der Letzte verstehe, dass mit der AfD nicht zu spaßen sei: "Hool-i-gans!" Dass die AfD dabei das Symbol der Weißen Rose getragen habe, sei "schäbig und niederträchtig". 

Als CDU und CSU im Sommer über die Zurückweisung von Geflüchteten an der Grenze stritten, gehörte Söder mit zu den Einheizern, fuhr sogar nach Berlin zur Sitzung der Landesgruppe und sprach von "Asyltourismus". Am Umfragetief der CSU änderte das nichts.

Im München kommt Söder erst nach 40 Minuten auf das Thema Asyl zu sprechen. Eigentlich sei doch alles ganz einfach, sagt er. Wer schutzbedürftig sei, der sei willkommen. Wer straffällig würde, müsse wieder gehen. Gespalten sei das Land doch nur, weil die Politik es nicht schaffe, eine schlüssige Gesamtlösung anzubieten. Er versuche, Gräben zuzuschütten, sagt Söder – und kann das Zündeln dann aber doch nicht ganz lassen. Zum Fall des unrechtmäßig aus Deutschland abgeschobenen mutmaßlichen Ex-Leibwächters von Osama Bin Laden sagt er: "Richter darf man ja nicht kritisieren, aber verstehen muss man sie auch nicht." Da jubelt der Saal. 

In der Partei hoffen viele auf einen Jetzt-erst-recht-Moment. Viele wollen der CSU vielleicht einen Stupser geben, glaubt der Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber. Sie würden dann aber schon schnell genug merken, dass das Schicksal des Landes zu ernst sei. Wollt ihr wirklich, dass Bayern ganz anders wird? Was sich für die CSU wie eine Drohung anhört, dürfte für manche eher wie Verheißung klingen.