Sahra Wagenknecht hat die linke Sammlungsbewegung Aufstehen offiziell vorgestellt. "Wir wollen nicht mehr zuschauen, wir wollen etwas ändern", sagte die Vorsitzende der Linksfraktion. Wenn man jetzt nicht gegensteuere, sei dieses Land in "fünf oder zehn Jahren nicht wiederzuerkennen". Deutschland verändere sich in eine Richtung, die viele Menschen nicht wollten.   

In Deutschland gebe es eine Krise der Demokratie. Viele fühlten sich nicht mehr vertreten, wendeten sich ab. "Das ist nicht nur ein Gefühl", sagte Wagenknecht. Laut dem Institut für Wirtschaftsforschung hätten 40 Prozent der Menschen weniger Realeinkommen als vor 20 Jahren. "In einem solchen Land funktioniert Demokratie nicht mehr." Das Klima werde rauer, die sozialen Spaltungen tiefer. "Wenn es noch eines Anstoßes bedurft hätte, dann zeigen die Ereignisse in Chemnitz, dass wir dringend einen neuen politischen Aufruhr brauchen", sagte Wagenknecht.

Die Linke-Politikerin verteidigte ihre Bewegung gegen den Vorwurf sie sei "von oben oktroyiert". "Wir starten mit mehr als 100.000 Menschen", sagte sie. Bis Dienstagmorgen um acht Uhr hätte die Bewegung 101.741 Anmeldungen verzeichnet.  

Aufstehen soll gemeinsame Agenda für linke Parteien stellen

Wagenknecht stellte die Sammlungsbewegung unter anderem zusammen mit dem ehemaligen Grünen-Chef Ludger Volmer und der Flensburger SPD-Oberbürgermeisterin Simone Lange vor. Ziel sei es, linke Wählerinnen und Wähler zu erreichen, die sich von den klassischen Parteien abgewendet haben. Die Spitzen von Linke, SPD und Grünen sehen die neue Sammlungsbewegung überwiegend skeptisch – sie fürchten, dass die politische Linke dadurch zusätzlich gespalten werden könnte.

Aufstehen - Sahra Wagenknecht stellt linke Sammlungsbewegung vor Die Linken-Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht hat vor einer Verrohung der Gesellschaft in Deutschland gewarnt. Sie forderte einen neuen politischen Aufruhr. © Foto: Sean Gallup/Getty Images

Genau das Gegenteil sei jedoch die Intention von Aufstehen, sagte Wagenknecht. Sie hoffe, dass ihre Bewegung eine politische Agenda abbilde, mit der sich alle linken Parteien identifizieren könnten. Wenn alle gemeinsam für diese Agenda kämpften, dann sei auch "eine linke Mehrheit in Deutschland wieder realistisch", sagte Wagenknecht. Auch Volmer sagte, er glaube, dass sich jetzt viele enttäuschte Gründungsmitglieder der Grünen wieder engagieren werden.

Wagenknechts Co-Fraktionschef Dietmar Bartsch hat die Bewegung begrüßt. Es gebe einen Kulturkampf von rechts, sagte Bartsch am Dienstag im SWR-Tagesgespräch. Da sei ihm jede Idee, die etwas dagegen tue, willkommen. 

Wie genau die Bewegung arbeiten will, wurde auf der Pressekonferenz nicht deutlich. Vorerst beschränkt sich die Arbeit vor allem auf ein Vernetzen auf der Plattform der Bewegung. "Aber natürlich ermutigen wir alle Unterstützer, aktiv zu werden", sagte Wagenknecht.

Wagenknecht hatte die Bewegung zusammen mit ihrem Ehemann Oskar Lafontaine vor vier Wochen gegründet. Die beiden Parteivorsitzenden Katja Kipping und Bernd Riexinger, die mit Wagenknecht zerstritten sind, zeigten sich skeptisch gegenüber dem Projekt. Kipping will der Bewegung nicht beitreten, hatte sich zuletzt aber grundsätzlich offen für eine Zusammenarbeit mit der neuen Initiative gezeigt.

Sahra Wagenknecht und auch die Aufstehen-Bewegung standen in den vergangenen Wochen, auch parteiintern, wegen Wagenknechts Position zur Flüchtlingspolitik in der Kritik. Wagenknecht hatte sich zur Stärkung von Mittelschicht und Arbeiterklasse für eine Begrenzung der Zuwanderung ausgesprochen.