In der Vergangenheit nahmen erfolgreiche Bewegungen, etwa die Anti-Atom- oder die Friedensbewegung, ihren Anfang in der Regel auf der Straße. Bei der linken Sammlungsbewegung Aufstehen, die nach eigenem Bekunden die Politik in Deutschland in den kommenden Jahren umkrempeln will, war das an diesem Dienstag anders: Für die Gründungsveranstaltung hatten die Initiatoren um die Chefin der Linksfraktion, Sahra Wagenknecht, die Bundespressekonferenz gewählt. Einen Ort also, der wie kaum ein anderer für den etablierten Politikbetrieb steht.

Dass ihre Sammlungsbewegung eigentlich eine Gründung von oben und gar keine echte Bewegung sei – ein Vorwurf, der in den vergangenen Wochen immer wieder erhoben worden war –, bestritt Wagenknecht entschieden. Schließlich gäbe es nicht nur ein breites Bündnis von 80 Initiatorinnen und Initiatoren aus unterschiedlichen Parteien, Gewerkschaften oder dem Wissenschafts- und Kunstbetrieb, die den Gründungsaufruf unterzeichnet hätten, sondern auch mehr als 100.000 ganz normale Menschen, die sich als Unterstützer registriert hätten. "Eine Bewegung, die mit 100.000 Menschen startet, ist nicht von oben", sagte Wagenknecht.

In den vergangenen Wochen hatte Wagenknecht viel Geheimnistuerei um ihre Bewegung betrieben. So waren zwar immer wieder Namen von Unterstützern durchgesickert: Der Dramaturg Bernd Stegemann, Ex-Grünen-Parteichef Ludger Vollmer oder die Flensburger SPD-Oberbürgermeisterin Simone Lange, die nun mit Wagenknecht auf dem Podium saßen, gehörten dazu. Doch wer darüber hinaus dabei sein würde, war bis Dienstag nicht bekannt.

Prominenz hält sich in Grenzen

Ein Blick in die Liste zeigt allerdings: Was die politische Prominenz angeht, dürften Wagenknecht und ihr Mann Oskar Lafontaine bei Weitem die bekanntesten Gesichter der Bewegung sein. Die anderen Politiker sind dagegen größtenteils entweder a. D. – haben also ihre Karriere bereits hinter sich – oder wie der SPD-Bundestagsabgeordnete Marco Bülow eher nur Politikexperten bekannt. Auch der Glamourfaktor der Liste hält sich mit Menschen wie der Musikproduzentin Annette Humpe, Sängerin Nina Hagen oder den Schriftstellern Christoph Hein und Ingo Schulze eher in Grenzen. Für die Bewegung könnte das auf Dauer durchaus zum Handicap werden. Denn ihr Erfolg wird sicher auch von der Strahlkraft und Vernetzung der Menschen an ihrer Spitze abhängen.

Mit mindestens ebenso großer Spannung wie die Liste der prominenten Erstunterzeichner wurde in den vergangenen Wochen bei Freunden und Gegnern der Bewegung aber auch der Gründungsaufruf erwartet. Schließlich hatte ein erster im Mai veröffentlichen Entwurf den Eindruck erweckt, Wagenknecht wolle mit ihrer Sammlungsbewegung am rechten Rand fischen. So war darin etwa die Rede davon gewesen, dass man "kulturelle Eigenständigkeit" und den "Respekt vor Tradition und Identität wahren wolle".

Solche Begriffe finden sich in der neuen Fassung nun nicht wieder. Abgeschwächt wurde auch die Beschreibung, dass Freizügigkeit und Zuwanderung für viele nur Konkurrenz um schlecht bezahlte Arbeitsplätze bedeuteten. Jetzt heißt es dort nur noch, dass viele das so "sehen". Statt eines angeblichen Fakts wird also eine Wahrnehmung benannt.

Keine Nazis einsammeln

An dem Grundansatz des fünfseitigen Papiers, das nun veröffentlicht wurde, hat sich im Vergleich zur früheren Version freilich wenig geändert. Wagenknecht und ihre Mitstreiter zeichnen ein düstereres Bild von Deutschland, in dem Schulen marode seien, Menschen von ihrer Arbeit nicht mehr leben könnten und die Regierung zwar Banken rette, aber nicht bereit sei, Menschen vor Altersarmut zu schützen.

Nach rechts grenzt sich der Aufruf zwar einerseits deutlich ab. "Wir lehnen jede Art von Rassismus, Antisemitismus und Fremdenhass ab", heißt es. Zugleich wird aber auch konstatiert, dass "die Flüchtlingsentwicklung" zu zusätzlicher Verunsicherung geführt habe.

Die Analyse geht im Kern so: Der schlechte Zustand des Landes, in dem 40 Prozent der Menschen heute ein geringeres Realeinkommen hätten als vor 20 Jahren, sei der entscheidende Grund für den derzeitigen Rechtsruck. "Ohnmacht und Wut schaffen einen Nährboden für Hass und Intoleranz", sagte Wagenknecht während der Pressekonferenz. Diesen Unzufriedenen, die nun teilweise bei Pegida oder den Rechtsextremisten mitliefen, aber eigentlich nur eine Möglichkeit suchten, ihren Protest gegen ihre persönliche Misere deutlich zu machen, wolle man mit der Bewegung eine Möglichkeit geben, sich anderswo zu artikulieren. Nazis wolle sie dagegen nicht zurückgewinnen, die seien "bei der AfD gut aufgehoben".

Druck auf Grüne, SPD und Linke

AfD-Wähler und Pegida-Anhängerinnen sind aber natürlich nicht die einzige Zielgruppe, die die Sammlungsbewegung erreichen will. Mindestens ebenso wichtig sind ihr enttäuschte Grünen-, SPD- oder Linke-Wähler. Langfristig gehe es darum, wieder eine regierungsfähige Mehrheit links der Union zu schaffen, betonten die Aufstehen-Vertreter auf dem Podium der Bundespressekonferenz. Allerdings eine zu ihren Bedingungen, könnte man hinzufügen. Denn erklärtes Ziel ist es, mit der Sammlungsbewegung so viel Druck zu entfalten, dass SPD, Grüne und Linke ihre Programmatik entsprechend verändern.

Nicht zu übersehen ist ja, dass alle Politiker, die an diesem Vormittag bei der Vorstellung dabei sind, in ihren jeweiligen Parteien selbst zu Minderheiten gehören. Wagenknecht konnte sich zuletzt bei der Linken nicht mit ihrer Kritik an den offenen Grenzen durchsetzen, Volmer sind die Grünen nach eigenem Bekunden nicht mehr sozial genug und Agenda-Kritikerin Lange hatte sich zuletzt auf dem SPD-Parteitag erfolglos als Alternative zu Parteichefin Andrea Nahles empfohlen.

Lob von Gauland

Ob sich das durch die Sammlungsbewegung ändern lässt? Von den Spitzen der betreffenden Parteien gibt es am Dienstag jedenfalls erst mal nur Kritik: Es fehlten konkrete Inhalte, bemängelte etwa der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck. Juso-Chef Kevin Kühnert warf der Bewegung Beliebigkeit vor. Und der Geschäftsführer der Linkspartei, Jörg Schindler, betonte einmal mehr, dass die Sammlungsbewegung kein Projekt der Partei sei. Vergiftetes Lob kam dagegen von AfD-Fraktionschef Alexander Gauland: Wagenknecht habe zuweilen schon bewiesen, dass sie in der Lage sei, die linken Scheuklappen abzulegen und jenseits von Pathos und Ideologie die tatsächlichen Sorgen und Nöte breiter Schichten des Volkes zu identifizieren, sagte er.

Volmer gab sich dennoch zuversichtlich: Wenn die Bewegung erfolgreich sei, würden die Parteien an einer Neupositionierung nicht vorbeikommen, glaubt er genau wie Wagenknecht. Sollte das nicht gelingen, so halten sich zumindest die Nichtpolitiker auf dem Podium wie Stegemann und der Kommunikationsexperte Hans Albers die Option offen, dass man dann zu anderen Organisationsformen kommen müsse. Eine Parteigründung ist also nach wie vor nicht ausgeschlossen, auch wenn man – wie alle betonten – darüber derzeit lieber gar nicht nachdenken will.

Weitgehend offen ist noch, wie die Bewegung überhaupt agieren will. Als Erstes soll nun ein Onlinedebattentool eingesetzt werden, in dem Positionen der Bewegung zu unterschiedlichen Themen erarbeitet werden sollen. In der Politik werde zu viel gesendet, sagte Albers. Er wolle, dass wieder mehr empfangen werde. Das jetzige Manifest sei nicht der Abschluss, sondern der Anfang der Debatte, betonte auch Wagenknecht.

Darüber hinaus wünsche sie sich eine Vernetzung und konkrete Kampagnen vor Ort – sehr spezifisch wurde sie dabei aber nicht. Einen Maßstab für den Erfolg der Bewegung gibt es gleichwohl: "Unser Fokus ist auf die nächste Bundestagswahl gerichtet", sagte Wagenknecht. Spätestens dann wird sich zeigen müssen, ob eine Sammlungsbewegung wirklich geeignet ist, parlamentarische Mehrheiten zu generieren.