Recep Tayyip Erdoğan wollte als Freund nach Berlin kommen. Es sollte ein Neuanfang werden, den die Türkei bitter nötig hat. Die türkische Lira am Boden, den Banken im Land geht es schlecht und es werden dringend deutsche Investoren gesucht. Selbst ein Erdoğan würde also zahm werden, wenn es um die Rettung der Wirtschaft geht – das war die Wunschvorstellung, die man vor dem Staatsbesuch hatte. Bereits nach einem Tag ist aber klar: Der türkische Präsident bleibt ein unberechenbarer Partner, der im Zweifel lieber ein Machtpolitiker ist, als jemand, der den Bittsteller spielt.

Das hat er noch kurz vor seinem Staatsbesuch mit einer Provokation gezeigt: Der türkische Geheimdienst hatte der Bundesregierung eine Liste mit Auslieferungsersuchen übergeben. Darunter ist auch Can Dündar, ein im Berliner Exil lebender, regierungskritischer Journalist. Niemand rechnet wirklich damit, dass die Bundesregierung ausgerechnet Dündar, der vor zwei Jahren vom Bundespräsidenten außer Dienst Joachim Gauck empfangen wurde, an die Türkei ausliefern wird. Den Kopf darüber zerbrechen muss sich die Kanzlerin ohnehin nicht, denn das Auslieferungsgesuch für Dündar ist lediglich eine Erinnerung Erdoğans. Die Botschaft dahinter: Ihr schuldet mir etwas, denkt daran, wenn ihr wieder einmal etwas an mir auszusetzen habt.

Erdoğan hätte es sich und der Bundesregierung viel einfacher machen können. Er hätte nicht einmal der Kanzlerin finanzielle Zugeständnisse zur Bewältigung der Wirtschaftskrise abringen müssen. Denn Erdoğan ist vor allem zu Besuch, um eine politische Botschaft zu senden. In seinem Kalkül hätte ein Staatsbankett mit dem Bundespräsidenten und Händeschütteln mit der Kanzlerin bereits gereicht, um Investoren ein Stück weit das Gefühl zu geben: Eine Türkei, die den Schulterschluss mit Deutschland sucht, kann so schlecht nicht sein. Also vertraut mir!

Auch deshalb hatte der Präsident vor einer Woche bereits seinen Schwiegersohn Berat Albayrak vorgeschickt, der den Wirtschafts- und Finanzministern Peter Altmaier und Olaf Scholz schmeichelte. Die Idee von türkischer Seite, eine Modernisierung der Zollunion durchzuführen, ist derzeit ohnehin nicht möglich, da die Türkei die Kopenhagener Kriterien für EU-Beitrittskandidaten nicht einhalten kann.

Die gemeinsame Pressekonferenz am Freitag mit Angela Merkel zeigte, dass Erdoğan auch mitten in einer Währungskrise nicht davor zurückschreckt, Machtansprüche zu stellen. "Würde man mich fragen, würde ich ihn ausliefern", antwortete Erdoğan trocken auf die Frage eines Journalisten bezüglich des Auslieferungsgesuchs von Dündar. Die Kanzlerin konterte, dass es da "völlig unterschiedliche Ansichten" gebe.

Zuvor soll Erdoğan sogar damit gedroht haben, den Pressetermin mit der Kanzlerin zu boykottieren, sollte Dündar teilnehmen. Der hatte sich akkreditiert, dann aber doch abgesagt. Gerade jetzt, wo es um das Schaffen von neuem Vertrauen geht, um einen respektvolleren Umgang mit der Presse, war der Präsident bereit, einen Eklat zu riskieren. Seine Sichtweise auf die Welt setzt er durch – sogar Tausende Kilometer von seinem Präsidentenpalast in Ankara entfernt.

Erdoğan reagiert derart offensiv, weil er damit, anstatt den hilfesuchenden Politiker zu spielen, einen Eindruck von Augenhöhe mit der Kanzlerin vermitteln will. Das hat auch innenpolitische Gründe. Unter Erdoğans Regierung und einer jahrelang aufstrebenden Türkei haben Millionen Türkinnen und Türken das Gefühl bekommen, sich nicht vor Europäern verstecken zu müssen. Sich nicht wie Menschen zweiter Klasse fühlen zu müssen.

Erdoğan reitet bis heute auf dieser Erfolgswelle – dafür nehmen große Teile der türkischen Bevölkerung sogar eine Wirtschaftskrise in Kauf. Sie glauben ihrem Präsidenten, wenn er sagt, sie sollen sich nicht beugen, nicht kleinmachen vor dem arroganten Westen. Härte und Unbeugsamkeit gegenüber seinen Gegnerinnen und Partnern gehört zum System Erdoğan. Eine andere Form von Politik kann er nicht.

Dass der Staatschef selbst in angeschlagener Form autoritär auftritt, war nicht unbedingt abzusehen. Es ist schließlich das erste Mal, dass die Türkei in einer derartigen Schuldenkrise ist, seit Erdoğan regiert. Die Bundesregierung sollte sich nun daran gewöhnen, dass der türkische Präsident sich auf Augenhöhe mit dem Westen sieht – auch wenn er es nicht ist.