Von den revolutionären Umtrieben des Vortags ist bei der Union an diesem Mittwoch kaum noch etwas zu spüren. Nur wenige Abgeordnete der Fraktion sitzen versprengt auf den blauen Sesseln unter der Kuppel Reichstags und folgen der Debatte darüber, wie Bürger schneller einen Arzttermin bekommen. Volker Kauder ist nicht da. Ralph Brinkhaus, der vermeintliche Revolutionsführer, auch nicht.

Am Vorabend hatte sich der Finanzexperte Brinkhaus bei der Wahl zum Fraktionsvorsitzenden gegen Volker Kauder durchgesetzt und damit den ausgesprochenen Wunschkandidaten von Bundeskanzlerin Angela Merkel aus dem Amt vertrieben. Am Tag danach hat er andere Termine: Vor der Tagung des Bundeskabinetts treffen sich die Unionsminister in kleinerer Runde mit der Fraktionsführung. Später soll es noch ein Vieraugengespräch zwischen Brinkhaus und Angela Merkel geben. 

Alles Alltag, alles Routine also. Doch das gilt nur auf den ersten Blick. Denn selten wurde ein Kanzler von der eigenen Fraktion derart demontiert. "Das war ein Aufstand des Volkes gegen die Führung. Nicht nur gegen Volker, auch gegen den gesamten Führungskomplex der Fraktion", sagt ein Christdemokrat aus dem Osten. Ein bisschen scheint es so, als habe die Union selbst noch nicht ganz verdaut, was sie da gerade gewählt hat. Wie konnte es so weit kommen?

Viel Frust

Wer nachfragt, vernimmt viel Frust. "Man kann nicht behaupten, dass das besonders gut gelaufen ist im vergangenen halben Jahr", sagt der CDU-Abgeordnete Thomas Jarzombek. "Es gab die Chance, etwas in Bewegung zu bringen. Die hat die Fraktion genutzt." Der CSU-Abgeordnete Michael Frieser sagt, Kauder sei "mitverantwortlich dafür, dass die Union im Bundestag nicht mehr als eigenständige Kraft – auch der Unterstützung der Regierung –  wahrgenommen wurde."  

Die Abstimmung sei ein Ausdruck dessen, dass die Fraktion sich nicht ausreichend mitgenommen sah – durch ihre Führung und die Regierung, die vor allem in der Eurokrise viele Vorlagen sehr kurzfristig zu den Abgeordneten schickte. "Es gibt eine Übermacht der Verwaltung gegenüber dem Parlament", sagt der sächsische Abgeordnete Andreas Lämmel. "Das betrifft jedes Ministerium." 

In den letzten Wochen war der Druck in der Fraktion spürbar gestiegen. "So geht es nicht weiter", hatte sich eine CSU-Abgeordnete beklagt. "Eigentlich müsste es Neuwahlen geben", forderte ein führender CDU-Vertreter während der Hängepartie um den Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen. "Was diese Koalition zusammenhält, ist die Angst, dass bei Neuwahlen die AfD profitiert." Eine permanente, latente Krise hafte dieser Koalition an. All dieser Unmut hat in der Persona Kauder ein Ventil gefunden.