Eigentlich hätte es eine ruhige Klausur werden sollen. Zwei Tage lang traf sich der Vorstand der Unionsfraktion im Bundestag. Aber zum Auftakt am Donnerstagnachmittag interessiert sich kaum einer der zahlreichen Journalisten im Reichstag für das Programm. Vielmehr bestimmt einer die Debatte, der gar nicht eingeladen ist: Bundesinnenminister und CSU-Chef Horst Seehofer.

Mitte der Woche waren die Bundestagsabgeordneten der CSU ebenfalls in Klausur gegangen. Am Rande hatte Seehofer ein Zeitungsinterview gegeben und darin Verständnis geäußert für Demonstranten in Chemnitz. Die Migrationsfrage sei die "Mutter aller Probleme". Und dann kursiert am Freitag auch noch ein Video in den sozialen Medien von einem Wahlkampfauftritt Seehofers Anfang August. Darin sagt Seehofer, er freue sich über jeden Migranten, der straffällig werde, weil er dann abgeschoben werden könne.

Dabei hatten sich viele in der CDU, zunehmend aber auch in der CSU, gewünscht, endlich mal über was anderes zu sprechen. Besonders nach dem Asylstreit im Sommer, der beinahe zum Bruch der Union und der Koalition eskaliert wäre. Selbst die notorischen Einheizer Markus Söder und Alexander Dobrindt mieden das Thema zuletzt auffällig.

Folgerichtig war der erste Gast, den sich der Fraktionsvorstand eingeladen hatte: seine Exzellenz Tarō Kōno, der Außenminister Japans. Einerseits weil, wie zu hören ist, Fraktionschef Volker Kauder (CDU) großer Japan-Fan ist. Außerdem: endlich mal eine andere Weltregion im Fokus, nichts krisenhaftes, keine Flüchtlinge, kein Islam, keine autoritäre Revolte. Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Rente, Außenpolitik – zu all den Themen will der Vorstand Experten hören, "politische Felder, die langfristig für uns von Interesse sind", sagt der parlamentarische Geschäftsführer der Union, Michael Grosse-Brömer. Von einer "Zukunftsklausur" spricht Landesgruppenchef Dobrindt. Doch niemand interessiert sich für den Gast aus Japan.

Spricht man Abgeordnete beider Parteien auf Seehofer an, hat keiner so wirklich Lust, Seehofer öffentlich zu verteidigen. Auch im Vertrauen klingt alles eher vorsichtig. Unpassend, schlechter Zeitpunkt, alles halb so wild, ein bisschen zu stark zugespitzt in der öffentlichen Debatte. Es sei halt eine interne Aussprache mit deutlicher Wortwahl gewesen.

Schlechtes Timing, falsche Wortwahl

Die meisten versuchen den Vorfall runterzuspielen und vorsichtig die Wortwahl zu korrigieren. Natürlich bleibe die Steuerung und Ordnung der Zuwanderung eine der wichtigen Herausforderungen, quält sich Grosse-Brömer auf Nachfrage raus. Seehofer habe lediglich darauf hingewiesen, dass das Thema Migration nach wie vor einen großen Teil der Gesellschaft beschäftige, sagt Stefan Müller, Grosse-Brömers Stellvertreter von der CSU. Es gebe auch andere "große Herausforderungen", kommentiert Fraktionschef Volker Kauder.

Selbst Dobrindt will eigentlich lieber über Forschungskompetenz und Wertschöpfungsketten im Zusammenhang mit der Digitalisierung reden. Angesprochen auf Seehofer sagt er: "Es ist ja nicht zu bestreiten, dass Migration die politische Lage verändert hat." Und schiebt nach: "Und aus meiner Sicht nicht zum Guten." Lange ist es her, dass Dobrindt zuletzt rhetorisch derart hinter seinen Parteichef zurück gefallen ist. Sonst lässt er eigentlich keine Gelegenheit aus, Seehofers Aussagen zusätzlich anzuspitzen.

Auch die Bundeskanzlerin und CDU-Chefin, Angela Merkel, will dem Ärger lieber ausweichen. Zum Auftakt der Klausur drückt sie sich hinter dem Spalier aus Kameras im Rücken der Journalisten vorbei, rempelt eine Zierpalme an, verschwindet hinter einem CDU-Plakat-Aufsteller und einem Flachbildschirm, und husch hinein in den Sitzungssaal. Erst am Donnerstagabend lässt sie im Interview mit RTL wissen, dass sie von der Aussage ihres Innenministers nicht viel hält. "Ich sag das anders", sagt sie. "Ich sage, die Migrationsfrage stellt uns vor Herausforderungen."

Der Fall Brinkhaus steigert die Nervosität

Und dann ist da noch der Fall Ralph Brinkhaus, der zeigt, wie nervös die Union derzeit ist. Der Finanzexperte der Unionsfraktion will Ende September gegen Volker Kauder kandidieren und Fraktionschef werden an Stelle des Ewigkeitsfraktionschefs. Eine Kampfkandidatur ist ungewöhnlich. Mindestens so ungewöhnlich ist aber, wie sich die Union darüber seit Wochen in Diskussionen verstrickt.

Der Groll vieler Abgeordneter gegen Kauder, der seit 13 Jahren die Fraktion führt, war in den letzten Monaten unüberhörbar. In der Kandidatur Brinkhaus' hat er ein Gesicht bekommen. Schon nach der enttäuschenden Bundestagswahl hatte er nur 77 Prozent der Stimmen erhalten – wobei die Union da sogar einen kleinen Rechentrick anwendet. Gezählt werden nur die gültigen Stimmen, Enthaltungen oder ungültige nicht mit gerechnet. Der tatsächliche Rückhalt dürfte also noch geringer gewesen sein.

Das hat auch damit zu tun, dass Kauder vielen vorkommt wie "Merkels Statthalter an der Spitze der Bundestagsabgeordneten", wie es ein CDU-Mann kürzlich sagte. Eine Stimme gegen Kauder darf also getrost als eine Stimme gegen Merkel verstanden werden. Normalerweise macht der Parteichef einen Vorschlag und die Abgeordneten folgen dem. Kauder ist auch bei dieser Wahl Merkels Favorit.

Brinkhaus will trotzdem antreten. Er ist als Finanzexperte kein Unbekannter im politischen Berlin. Aber er war nicht unbedingt aufgefallen als rechter Merkel-Gegenspieler. Er selbst sagt, er wolle ein "Brückenbauer" sein. Die Reaktionen bisher: verhalten. Auch solche, die Kauder nicht unbedingt wohlgesinnt sind, kritisieren, wie Brinkhaus seine Kandidatur verdruckst, scheibchenweise und hintenrum durch die Medien lanciert hat. So schart man natürlich keine Unterstützer um sich. Erst auf der Klausur des Fraktionsvorstands hat er sich offiziell erklärt.

Ein Gegenkandidat könne in einer Demokratie schon mal dazugehören, sagt Kauder selbst. Er sieht sich dadurch nicht beschädigt. Öffentlich steht die CSU-Spitze hinter Kauder. Es sei ein "normaler Vorgang", sagt Dobrindt zur Kampfkandidatur. Vielleicht eher ein Wunsch? Denn wenn man das so betonen muss, ist es eigentlich ein Anzeichen fürs Gegenteil.