Im nordhessischen Oberaula lebt es sich noch nach bestem Deutschlandklischee: Das Fachwerk der kleinen Häuschen um die Dorfkirche hat alle Kriege unbeschadet überstanden, aus den grünen Hügeln zieht ein leichter Viehgeruch ins Dorf, im Restaurant gibt es Schnitzel mit Rahmsoße.

Und, für die Wahlkämpfer der CDU besonders schön: In dem 1.000 Einwohner zählenden Luftkurort nahe Bad Hersfeld erreichte die Partei bei den letzten Kommunalwahlen 60 Prozent. "Oberaula ist eine schwarze Perle", raunt Ministerpräsident Volker Bouffier ins Mikrofon.

Unter tief hängenden Holzbalken hat die hessische CDU in den Festsaal zu einer Wahlkampfveranstaltung eingeladen. Auch der Landtagskandidat aus der Region passt perfekt in die konservative Idylle: Er ist 37 Jahre alt und – wie er betont - bald vierfacher Vater. Sein Hobby: jagen.   

Doch selbst hier, beim überzeugten CDU-Bürgertum von Oberaula, hat sich vier Wochen vor der Landtagswahl Unsicherheit breitgemacht. Was nicht nur daran liegt, dass der Schwalm-Eder-Kreis, in dem Oberaula liegt, früher mal fest in SPD-Hand war – "tiefrot", woran Landesvater Bouffier seine Gäste gern erinnert. Sondern weil die CDU, seit 1999 Regierungspartei in Hessen, letzten Umfragen zufolge unter 30 Prozent gerutscht ist. 2013 hatte sie noch 38 Prozent erhalten. Das Siegen könnte diesmal schwer werden.

"Wenn es gut läuft, dann ist es kein Zufall"

Umso mehr bemüht sich Bouffier an dem Abend, die Erfolge seiner schwarz-grünen Landesregierung herauszuarbeiten, die seit fünf Jahren ohne größere Skandale im Amt ist. Im dunkelblauen Anzug, mit Hessen-Wappen-Pin am Revers, tigert er über die Bühne, verweist auf gute Wirtschaftsdaten, niedrige Arbeitslosigkeit, hohe Gehälter, Firmenansiedelungen in der Provinz, "so viele Polizeibeamte wie noch nie".

57 Prozent der Hessen sind laut einer Umfrage zufrieden mit der Bilanz der Koalition. Aber das macht noch keinen Wahlkampf. "Wenn es gut läuft, dann ist es kein Zufall", sagt Bouffier. Und: "Nichts ist selbstverständlich." Es sei "jeden Tag harte Arbeit", dass alles so bleibt, wie es ist. Daher müsse die CDU bei der hessischen Landtagswahl am 28. Oktober nicht nur stärkste Partei werden, sondern so stark, dass gegen sie keine Regierung gebildet werden könne. Bedächtiges Nicken bei den etwa 100 Anwesenden.   

Glaubt man den jüngsten Umfragen, ist die schwarz-grüne Regierungsmehrheit aber dahin, die Demoskopen sehen sogar Chancen für eine rot-rot-grüne Machtübernahme. Dabei würden Bouffiers Leute gerne mit dem früheren politischen Erzfeind weiterregieren. Während man sich auf die SPD nie verlassen könne, seien die Grünen "erstaunlich diszipliniert und hierarchisch organisiert". Was man intern bespreche, bleibe auch intern, erzählt die hessische Justizministerin Eva Kühne-Hörmann mit einigem Stolz. In Kassel bewirbt sie sich wieder um ein Direktmandat für den Wiesbadener Landtag.

"Wir sind hier nicht Berlin"

Um sie dabei zu unterstützen, hat der schwarze CDU-Tourbus mit Bouffiers Konterfei und dem Slogan "Damit Hessen stark bleibt" auch auf dem Friedrichsplatz in der Kasseler Innenstadt gestoppt. Der Ministerpräsident will seine Volksnähe beweisen. Er macht Selfies, schüttelt Hände, klopft Schultern, gibt Autogramme, horcht mit schief geneigtem Kopf den Bürgersorgen und schafft es dabei bemerkenswert gut, zugewandt zu wirken, aber inhaltlich nicht wirklich viel zu sagen. Kühne-Hörmann, Typ anpackende Pragmatikerin, steht etwas abseits. Die wichtigste Aufgabe der CDU im Landtagswahlkampf sei nun, sagt sie, ohne zu zögern: "Klarzumachen: Wir sind hier nicht Berlin."

Dieses Bedürfnis verspürt offenbar auch ihr Chef. Bei den Wahlen am 28. Oktober gehe es um Hessen, nicht um Berlin, hatte er zuvor bei einer kurzen Wahlkampfrede vor dem Kasseler CDU-Ortsverein gerufen. Seine Regierung arbeite erfolgreich, "ohne Krawalle oder ständige Krisensitzungen". Ein Seitenhieb auf die große Koalition in Berlin.

Dass Bouffier sich im Wahlkampf von Merkel absetzt, ist bemerkenswert: Der 66-Jährige gilt anders als sein Vorgänger Roland Koch nicht als Kritiker der Kanzlerin. In der Unionskrise um die Flüchtlingspolitik Anfang Juli stand er in den Talkshows treu an Merkels Seite. Doch er und seine Leute merken, dass sich plötzlich auch in Hessen ein diffuses Gefühl breitmacht, dass das mit der Kanzlerinnenschaft zu lange dauere. Und auch er, der seit acht Jahren Ministerpräsident ist, wird nun häufiger gefragt, was er denn so Neues an Ideen habe. Dass das Stabilitätsversprechen allein nicht reicht, ist so eine Sorge seines Wahlkampfteams. An zweiter Stelle kommen die Bayern.

Die wählen nämlich zwei Wochen vorher, am 14. Oktober. Die bayerische Landtagswahl und die Schmach der CSU bekommen derzeit viel öffentliche Aufmerksamkeit. Am Ende könnte man im hessischen Kampagnenendspurt wieder nur über die allgemeine Schwäche der Union und der Kanzlerin sprechen, so die Befürchtung. Oder schlimmer noch: über Alternativen zur Union.