125 Bundestagsabgeordnete von CDU und CSU haben Ralph Brinkhaus überraschend zum neuen Fraktionsvorsitzenden gewählt. In deutschen Medien war von Merkel-Dämmerung und Revolution die Rede, hatte die Bundeskanzlerin bei der Wahl doch ihren langjährigen Unionsfraktionsvorsitzenden Volker Kauder unterstützt. Auch internationale Medien berichten über die Wahl des Mannes, der vielen Menschen in Deutschland bis zum gestrigen Mittwoch unbekannt war.

Die Neue Zürcher Zeitung schreibt über die Zukunft von Kanzlerin Angela Merkel: "Ihre oft als pragmatisch bezeichnete, in Wahrheit aber von der veröffentlichten Meinung mal hierhin, mal dorthin und zu oft nach links getriebene Politik hat eine Partei rechts von der Union groß werden lassen, die sich anschickt, die politische Kultur des Landes nachhaltig zu beschädigen. In den ostdeutschen Bundesländern Brandenburg, Sachsen und Thüringen wird im Herbst 2019 gewählt werden. Wenn Merkel ihrer Partei erlaubt, sich vorher von ihr zu emanzipieren und neu zu positionieren, dann könnte die AfD auf ihrem Weg zur Volkspartei noch gestoppt werden. Es wäre ein mächtiges Zeichen der einstmals mächtigsten Frau der Welt."

Die britische Times kommentiert: "Angela Merkels Autorität ist durch einen Überfall aus den Reihen ihrer eigenen Partei schwer beschädigt worden. (...) Es war die erst dritte derartige Kampfansage in der 73-jährigen Geschichte dieser konservativen Allianz, und sie wurde von der Opposition als erster Akt der Merkel-Dämmerung bejubelt."

In der niederländischen Zeitung NRC Handelsblad hieß es, mit dem Sturz Kauders habe die Fraktion nicht nur gezeigt, dass sie sich unabhängiger von Merkel aufstellen wolle. "Zugleich ließen die Abgeordneten erkennen, dass sie bereits in die Zukunft schauen wollen, in die Ära nach Merkel." Deren vierte Regierung verstehe es immer noch nicht, den Eindruck von Selbstbewusstsein zu vermitteln. Nachdem die Koalition von CDU, CSU und SPD in einer äußerst schwierigen Regierungsbildung zustande gekommen sei, habe sie in den vergangenen drei Monaten bereits zwei Mal kurz vor dem Aus gestanden. "Gefährlicher als all diese Probleme ist für Merkel, dass eine Mehrheit der Fraktion offenbar nicht mehr davor zurückschreckt, selbst zu einem für sie besonders unangenehmen Zeitpunkt eine kleine Palastrevolution zu entfesseln. Unter Brinkhaus dürfte sich die Bundestagsfraktion nicht mehr automatisch hinter die Regierung stellen."

Der Tages-Anzeiger aus der Schweiz schreibt, Merkel habe zuletzt selbst gespürt, wie heikel die Abstimmung werden könnte. Noch am Vortag habe sie in einem für sie außergewöhnlichen Schritt Fehler beim Umgang mit Hans-Georg Maaßen zugegeben. "Die Demutsgeste sollte auch bei den eigenen Abgeordneten den Ärger über das desaströse Bild besänftigen, das die von ihr geführte Regierung in den letzten Monaten abgegeben hatte. Am Ende nutzte es nichts. Der Autoritätsverlust von Merkel (und Seehofer) schreitet in immer schnellerem Tempo voran."