Der Ruf "Merkel muss weg" war der Refrain auf jedem AfD-Parteitag und jedem Pegida-Straßenfest. Man war geradezu abhängig von dieser Kanzlerin. Der schiere Name Alternative für Deutschland geht auf das Merkel-Diktum von der Alternativlosigkeit ihrer Entscheidungen zurück. Hass auf die "Volksverräterin", der man vor dem Kanzleramt Plakate mit Blutspuren und Namen ermordeter Mädchen präsentierte, war das einigende Band und der Sturz Merkels das vorrangigste Ziel – in der unausgesprochenen Überzeugung, so schnell werde es schon nicht gehen.

Nun ist der Triumph da: Die Kanzlerin verkündet ihren Verzicht auf den CDU-Vorsitz. "Ohne uns wäre es nie so weit gekommen", sagt Alexander Gauland freudig in die Kameras. Aber den Siegern sieht man auch Zweifel an. Die AfD kann nicht fassen, wie schnell die Bastionen des vermeintlichen Regimes fallen. Die hessische CDU muss um ihre Regierungsfähigkeit bangen? Die bayerische CSU weiß nicht mehr, wer sie ist?

Das alles kommt viel, viel zu früh für die AfD. Es ist nicht nur der Blick in die eigenen Reihen, der frösteln lässt. Die Vorstellung, man könne in die Verlegenheit kommen, mit dem vorhandenen Personal in Regierungsverantwortung zu geraten, lässt die Nüchternen in der Partei – zu denen Alexander Gauland schon immer gehört hat – zusammenzucken. Das Gerede, man werde nur mit einer "grundreformierten" CDU und nicht als Juniorpartner überhaupt in Verhandlung treten, kann die Nervosität kaum kaschieren.

Umgekehrt ist das überraschende Personaltableau aus sechs zum Teil völlig unbekannten Leuten, das die angeblich so erstarrte CDU plötzlich aufzubieten hat, für die AfD absolut bedrohlich. Das gilt schon seit der Ablösung des letzten Unionsfraktionsvorsitzenden Volker Kauder durch den bis dato eher unbekannten Ralph Brinkhaus. Die Wahl war gewissermaßen eine friedliche Revolution von unten, durch einen echten Konservativen. Kauder gilt als Merkel-Vertrauter, Brinkhaus als ihr Kritiker. Es ist plötzlich Leben in der CDU, wo die AfD bisher nur Vasallentreue gesehen hat.

Wenn es jetzt noch einem Friedrich Merz gelingt, mit einer flammenden Rede erst den Parteitag, dann den Parteivorsitz und schließlich die Kanzlerschaft an sich zu reißen, dann sieht die junge Partei AfD binnen kurzer Zeit sehr, sehr alt aus. Merz ist zwar ein politischer Außenseiter, aber es ist gerade das Außenseiterprinzip, die Methode Macron, die ihn zu einem gefährlichen Gegner für die AfD macht. Eine Mehrheit der Deutschen wünscht sich Merz laut einer Umfrage als neuen CDU-Chef. Er war nicht in die hässlichen Kämpfe der letzten drei Jahre involviert. Dafür kann er für sich reklamieren, den Begriff der "deutschen Leitkultur" schon verbreitet zu haben, als es die AfD noch gar nicht gab.

Merz sei "ein Mann, der seine Partei im Stich gelassen habe, um Geld zu verdienen", sagte Alexander Gauland vor seiner Fraktion. Das wird die Angriffslinie der AfD sein. 2009 zog er sich aus der aktiven Politik zurück und wurde Mitglied einer internationalen Anwaltskanzlei und Vorsitzender in mehreren Aufsichtsräten, unter anderem beim deutschen Ableger der Investmentfirma Blackrock. Außerdem ist Merz Vorsitzender des Netzwerks Atlantik-Brücke.

Schwierig für die AfD ist im Moment aber vor allem die einsame Größe von Merkels schrittweisem Abgang. Die Frau, der die Partei einen schier unstillbaren Hunger nach Macht angedichtet hat, hält mit fester Stimme inne – und geht. Sie hat es offenbar mit kaum jemandem besprochen. Von Würde war die Rede. Ein bürgerliches, irgendwie lutherisches Verhalten. Wer in der AfD wäre zu einer solchen Geste in der Lage? Eben.