Hessen ist für die AfD ein besonderes Land. Hier hat sich die Partei gegründet. Der Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke wolle etwas Politisches auf die Beine stellen, erzählte einst der frühere Frankfurter FAZ-Redakteur Konrad Adam am Telefon Alexander Gauland, dem langjährigen Chef der CDU-geführten hessischen Staatskanzlei. Man traf sich. Am 6. Februar 2013 tagte dann in einem Kirchgemeindezentrum in Oberursel bei Frankfurt die knapp 20 Mitglieder zählende Gründungsversammlung der Alternative für Deutschland.

Heute ist Adam Politpensionär mit einem Vorstandsposten in der AfD-Parteistiftung. Und Gauland, der 40 Jahre zur CDU gehörte, ist Parteivorsitzender und Chefstratege der AfD in Berlin.

Nach der Landtagswahl am kommenden Sonntag wird die AfD auch im letzten der 16 Landesparlamente vertreten sein, sie steht in Umfragen bei zwölf Prozent. Die AfD sieht einen großen Rückhalt bei den Wählern: Selbst ohne jeden Wahlkampf, sagt Landeschef Robert Lambrou, früher Mitglied der SPD, wäre der Landtagseinzug sicher – wenn auch mit schwächerem Ergebnis.

In Abgrenzung zur CDU betrachtet sich die AfD Hessen als Hüterin des wahren Konservatismus: Deutsche Leitkultur, Familienförderung, Mittelstand – Teile des Wahlprogramms der AfD könnten auch Christdemokraten bedenkenlos unterschreiben.

Die CDU und die AfD konkurrieren bei der Landtagswahl in Hessen mehr als anderswo um die gleichen Wählerschichten: Letztens hat Ministerpräsident Volker Bouffier die AfD als "Erbschleicher" beschimpft, weil Gauland gesagt haben soll, Alfred Dregger würde heute nicht mehr CDU, sondern die Alternative für Deutschland wählen. 

Angriff auf die Dregger-CDU

Der langjährige Chef der Hessen-CDU und spätere Fraktionsvorsitzende im Bundestag ist vielen Konservativen ein Vorbild. Zugleich war Dregger stets umstritten: Der einstige Frontsoldat, Jahrgang 1920, war ein entschlossener Kritiker der Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht, gezeigt in den Neunzigerjahren in Berlin. In einem Buch verharmloste Dregger den Überfall auf die Sowjetunion, in der Nachkriegszeit verschwieg er seine NS-Vergangenheit, wie eine Studie zeigte. 

Auch andere hessische CDU-Spitzenleute verfolgten Dreggers rechtskonservativen Kurs. Walter Wallmann, Ministerpräsident von 1987 bis 1991, gehörte zur schlagenden Verbindung Germania Marburg. Aus den Reihen dieser rechtsradikalen Burschenschaft rekrutiert die AfD heute Mitarbeiter – von dort kommt etwa der Pressesprecher des Thüringer Landesverbandes. Ministerpräsident Roland Koch und der hessische Landesvorsitzende Manfred Kanther vertraten ebenfalls eine konservative CDU. Nur Volker Bouffier, langjähriger hessischer Innenminister und derzeit Regierungschef, hat sich durch die Koalition mit den Grünen zuletzt einen moderneren Anstrich gegeben.

Dass es die AfD in Hessen überhaupt gibt, rühre aus der Unzufriedenheit vieler mit der liberaleren CDU unter Angela Merkel und ihrem Statthalter Bouffier, sagt AfD-Spitzenkandidat Rainer Rahn. "Die AfD von heute ist die CDU von vor 20 Jahren." Der 66-Jährige klagt, die schwarz-grüne Koalition des heutigen Hessen wäre unter Kanther "unmöglich gewesen".  

Die AfD-Liste zur Landtagswahl gibt sich bürgerlich. Der 51-Jährige Landeschef Lambrou, Diplom-Kaufmann von Beruf, kandidiert direkt hinter dem Mediziner Rahn auf Listenplatz zwei. Erst auf Position zwölf und 13 folgen Frauen – eine Doktorandin und eine Heilpraktikerin. Die meisten Kandidaten sind Beamte und Angestellte. Nur fünf der 20 aussichtsreichen Mandatsbewerber kamen nach 1970 zur Welt.  

Doch zur Hessen-AfD gehören auch Funktionäre und Kandidaten, die keine Berührungsangst mit Radikalen haben: Die Parteijugend Junge Alternative ist personell mit der völkischen Identitären Bewegung verflochten. Der Fuldaer Direktkandidat Jens Mierdel bestätigte der Frankfurter Rundschau,in der Bewegung aktiv gewesen zu sein