Je länger man über den angekündigten Rückzug von Angela Merkel und über ihren Auftritt vom vergangenen Montag nachdenkt, je mehr man ihm hinterher recherchiert, desto erstaunlicher wirkt er. Manches kommt einem kleinen politischen Wunder gleich.

Da ist zunächst einmal das mindestens viermonatige Schweigen, das die Kanzlerin und ihre Büroleiterin Beate Baumann gewahrt haben. Nicht mal das allerengste Umfeld oder die allergewünschteste Nachfolgerin wusste, dass der Entschluss zum Rückzug schon seit spätestens Juni feststand. Das zeugt von einer preußischen Disziplin, die an Helmut Schmidt erinnert.

Und doch verdankt sich das eigentliche Wunder dieses, nun ja, historischen Ereignisses nicht der Disziplin zweier Frauen, sondern der Fügung eines gnädigen und ein wenig ironisch gestimmten Schicksals. Merkel hat sich am Montag nämlich nicht – wie es viele sehnlichst erhofften und andere lange befürchteten – den Merkel-muss-weg-Rufen gebeugt. Ihr Rückzug erschien als Reaktion auf das Votum der hessischen Wählerinnen und Wähler, also als ganz gewöhnlicher demokratischer Vorgang.

Hinzu kommt, dass zu diesem Zeitpunkt auch niemand eine direkte Beziehung zur Flüchtlingsfrage herstellen kann. Denn zwischen Merkels Terminierung ihres Rückzugs im Juni und seinem Vollzug Ende Oktober hat sich eine gravierende Verschiebung der öffentlichen Stimmung ergeben. Die CSU, später nur noch Horst Seehofer allein, hat versucht, aus dem Thema Flüchtlinge politisches Kapital zu schlagen, indem sie sich der Rhetorik und den Bedürfnissen der AfD oder ihrer Wähler anverwandelten. Dieser Versuch ist bei der bayerischen Wahl spektakulär gescheitert.

Damit konnte sich der real existierende Konsens von circa 80 Prozent der Menschen über rund 80 Prozent der Maßnahmen im Bereich Flüchtlinge und Integration endlich auch in der politischen Stimmung niederschlagen. Erstmals seit langer Zeit trat auf diesem Feld eine gewisse Enthysterisierung ein, das ewige fruchtlose Kreisen um die Vergangenheit des Jahres 2015 ließ nach. Und so konnte Merkel ihren Rückzug bekannt geben, als andere Themen endlich wieder neben dieses Monothema getreten waren. Die "Flüchtlingskanzlerin" beugt sich also, hat es nun den Anschein, nicht der Flüchtlingshysterie.

Der Ärger mit Seehofer gab nicht den Ausschlag

Soweit man weiß, hatte ihr Juni-Entschluss auch nichts damit zu tun, dass Horst Seehofer zu dem Zeitpunkt mal wieder eine seiner hysterischen Kampagnen gegen Merkel ritt. Dem Vernehmen nach stand ihr Entschluss als solcher schon deutlich länger fest, der Juni brachte lediglich die genaue Terminierung.

Doch damit nicht genug des Staunenswerten. Merkel beginnt ihren Abgang überdies zu einem Zeitpunkt, da die Union nicht mehr nur an die AfD Stimmen verliert, sondern noch mehr an die Grünen. Ihr Rückzug kann also schwerlich als Ausdruck oder gar Folge eines anhaltenden Rechtsrucks der Republik interpretiert werden, vielmehr haben auch die liberalen Kräfte ihre Sprache wiedererlangt und vorerst die Grünen als ihre Projektionsfläche gewählt. Damit lässt die Kanzlerin der Mitte auch nicht einfach eine erodierende Mitte zurück, sondern eine, die sich gerade neu bildet. Die AfD bleibt in ihrem 15-Prozent-Turm eingeschlossen, während die grünen Hoffnungen zurzeit nach oben offen zu sein scheinen. 

Letzteres zeigt allerdings auch: Weder Angela Merkel noch ihre Partei scheinen derzeit fähig, den Grünen auf ihrem wichtigsten Feld, der Ökologie, etwas entgegenzusetzen. Die Klimakanzlerin hat ökologisch den Faden verloren und das ganze Thema brach liegen lassen. Was für eine Pointe, dass die CDU am Ende der Ära Merkel zwar durch die Flüchtlingspolitik unter 35 Prozent gesunken ist, aber erst durch ihr Versagen bei Ökologie und Klima auf 25 Prozent. Man darf gespannt sein, ob Merkels Nachfolger oder ihre Nachfolgerin hier eine Kehrtwende hinbekommen.

Merkel jedenfalls hat mit dem Zeitpunkt ihres Rückzugs vom Parteivorsitz unverschämtes Glück gehabt. Das Glück der Tüchtigen vielleicht.