In der AfD bildet sich an diesem Sonntag eine neue Interessengemeinschaft: Im hessischen Offenbach wollen 20 Mitglieder eine jüdische Parteigruppe gründen. Das Grußwort soll Erika Steinbach sprechen, Chefin der AfD-Parteistiftung und Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Der Gründungsaufruf kündigt zudem den "mit einer jüdischen Pianistin verheirateten" AfD-Spindoktor Michael Klonovsky an, persönlicher Referent von Bundestagsfraktionschef Alexander Gauland. Auch Wolfgang Fuhl, erfolgloser Landtagskandidat in Baden-Württemberg, Ex-Gewerkschaftler und ehemaliger Vizechef der jüdischen Gemeinde in Lörrach sowie Chef der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden soll dabei sein.

Die Gründungserklärung zeigt einerseits, wie die AfD aus dem Projekt Nutzen ziehen will: Man übe, wie es heißt, "redliche Ideologiekritik" und kritisiere "muslimischen Judenhass". Die Gründung der neuen Gruppe kann andererseits aber auch als Signal ins Innere der Partei verstanden werden: Liebe Mitglieder, seht her, wir engagieren uns als Partei gegen Judenfeindlichkeit. Passt auf, was ihr auf Twitter postet, was ihr sagt, diskutiert, schreibt oder beschließt. 

Nötig wäre das: Nur durch eine lautstarke Intervention verhinderte Beatrix von Storch ("Das ist ein hochpolitischer Antrag!"), dass der AfD-Parteitag 2017 in Köln ein Beschneidungsverbot ins Wahlprogramm stimmte. Ein solcher Eingriff in die Religionsausübung von Muslimen wie auch Juden hätte der AfD vor der Bundestagswahl erbitterte Debatten und Kritik beschert.

Auch unter AfD-Anhängern sind antisemitische Klischees mehrheitsfähig: In einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach vom Sommer 2018 gaben 17 Prozent von ihnen an, dass sie nicht gern neben Juden wohnen würden. Im Bevölkerungsschnitt waren es nur drei Prozent. Mehr als die Hälfte der befragten AfD-Anhängerinnen und -Anhänger folgt demnach zudem dem rassistischen Klischee, Juden hätten "weltweit zu viel Einfluss". Unter den CDU-Anhängern sehen das beispielsweise nur 17 Prozent so.

"Eine Partei, in der sich Antisemiten pudelwohl fühlen"

Hinzu kommt, dass es zahlreiche Belege für antijüdische Ressentiments in der Partei gibt. So bestreitet etwa der AfD-Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon den Holocaust zwar nicht grundsätzlich, in einem von ihm verfassten Buch voller Zitate umstrittener Historiker erweckt er aber den Eindruck, die Zahl der Opfer lasse sich auf wenige Zehntausend herunterrechnen. Der Versuch, Gedeon aus der AfD auszuschließen, scheiterte an der internen Parteigerichtsbarkeit, die befand, es gehöre zur Meinungsfreiheit, auch unbestreitbare historische Fakten anzweifeln zu dürfen.

Im Bundestag sitzt für die AfD seit 2017 der langjährige Abgeordnete Martin Hohmann, den die CDU wegen einer allseits als judenfeindlich eingestuften Rede aus ihren Reihen ausgeschlossen hatte. Die frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, sagte kürzlich: "Die AfD ist und bleibt eine Partei, in der Antisemiten sich pudelwohl fühlen können."

Auch Partei-Spitzenleute wie Bundeschef Alexander Gauland sind seit Jahrzehnten der Überzeugung, dass die Erinnerung an die deutsche Kriegsschuld und die Vernichtung der Juden zu viel Raum im deutschen Geschichtsbewusstsein einnimmt. Empörung löste seine Forderung aus, doch auch die Leistungen der Wehrmachtssoldaten zu würdigen. Und der Thüringer Nationalist Björn Höcke forderte eine "erinnerungspolitische Wende", weswegen der Verfassungsschutz jetzt eine Beobachtung seines Landesverbandes prüft

Neue Zielgruppe sind nun die Juden aus der früheren Sowjetunion

Gegen all das könnte die jüdische Gruppe in der AfD ein Signal sein. Seit zu der Gründung eingeladen wurde, ist die Gruppe der Kritik ausgesetzt, sie würde sich als Feigenblatt durch eine Partei missbrauchen lassen, die Antisemitismus fördert – bis hin zum eigenen Vorsitzenden. "Gauland ist kein Rechtsextremist", schreibt etwa der Journalist Olaf Sundermeyer über den AfD-Vorsitzenden in seinem jüngst erschienenen Porträtbuch. "Aber er sorgt dafür, dass sie hoffähig werden, und liefert ihnen Argumente in bürgerlicher Diktion." Und Tom Uhlig von der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank sagt: "Der Geschichtsrevisionismus der AfD bedient sämtliche Elemente des sogenannten sekundären Antisemitismus beziehungsweise des Schuldabwehrantisemitismus" – also eine Inszenierung der Deutschen als Opfer und die Forderung nach einem Schlussstrich unter die NS-Zeit. Für AfD-Parteivorstand Beatrix von Storch sind dagegen Menschen wie Gedeon oder Hohmann und deren Theorien Einzelfälle: Man dürfe "nicht von einer Person auf eine 15- bis 18-Prozent-Partei schließen".

Die Gründung der Juden in der AfD birgt einer weitverbreiteten These zufolge aber auch eine strategische Chance: Die AfD könnte jüdische Wählergruppen stärker an sich binden, etwa solche aus der früheren Sowjetunion. Tatsächlich hat die Hälfte der Gründer der Gruppierung solche Wurzeln. Doch ob diese These gegen den Antisemitismus in der Partei trägt, muss sich erst noch zeigen.

"Es ist eine Tatsache, dass wir einen Wertekonflikt zwischen Juden und Muslimen haben"

Ein weiterer Effekt dürfte der AfD-Führung ins Konzept passen: Indem sie Juden unterstützt, rechtfertigt sie ihre Abneigung gegen Muslime. Denn Antisemitismus kommt nicht nur von rechts. Im arabischen Raum des Nahen Ostens, wo viele Muslime Gegner Israels sind, gibt es viele Vorurteile und Hass gegenüber den Angehörigen der Religionsgemeinschaft. Die Gründung sei "kein Kalkül", widerspricht von Storch. "Sondern es ist eine Tatsache, dass wir einen Wertekonflikt zwischen Juden und Muslimen haben."

Wolfgang Fuhl, einer der Mitgründer, sieht dadurch die Position seiner Partei bestätigt: Er hält es für fragwürdig, "Menschen Schutz zu geben, deren Einstellung es ist: Sie lehnen die deutsche Gesellschaft ab, sie lehnen die Art, wie wir leben, ab – und die aus Deutschland am liebsten einen Scharia-Staat machen wollen". Und Festrednerin Steinbach beklagte in der FAZ: "In Berlin trauen sich Juden nicht mehr mit Kippa in die Öffentlichkeit." Die AfD habe schon immer vor den Gefahren eines politischen Islams gewarnt, deshalb seien Juden in dieser Partei gut aufgehoben.

Nur sind das Bekenntnisse der obersten Funktionärsebene. Als Gauland vor wenigen Monaten die NS-Zeit als "Vogelschiss in über 1.000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte" bezeichnete, empörte sich der Bundestagsabgeordnete Uwe Witt postwendend. Noch bevor die öffentliche Diskussion überhaupt in Gang gekommen war, bat er via Facebook "als Politiker der AfD" bei "den jüdischen Mitbürgern und den Opfern des Naziregimes" öffentlich um Entschuldigung.

Doch auch hier zeigte sich, wie verbreitet unter der Oberfläche der AfD der Widerstand gegen offene Bekenntnisse zum Judentum ist: Witt erhielt eine E-Mail von seinem Parteikollegen Pierre Jung aus Hamm, der ihn aufforderte, sich gegenüber dem "hochverdienten Politiker" Gauland "in Bescheidenheit zu üben" und solch "parteischädigendes Vorgehen" zu unterlassen.