Journalistinnen und Journalisten sind der AfD an diesem Abend in Dresden ausnahmsweise einmal ausgesprochen willkommen. Ungewohnt freundlich werden sie in einem Saal auf dem Messegelände von der Partei, empfangen, zu deren Standardprogramm Medienkritik gehört – mitunter in der derbsten Art und Weise.    

Der Dresdener Kreisverband der AfD hat zur Podiumsdiskussion über "Medien und Meinung" eingeladen und sie als "hochkarätige Veranstaltung" angekündigt. Denn zugesagt haben die Chefredakteure von ARD-aktuell, Kai Gniffke, und vom ZDF, Peter Frey. Mit ihnen diskutieren Nicolaus Fest, einst Vizechef der Bild am Sonntag, nun Publizist und AfD-Politiker, und Michael Klonovsky, früher beim Magazin Focus, heute Berater von AfD-Chef Alexander Gauland. Beide haben mit ihrer früheren Branche abgeschlossen. "Ich war mal Journalist. Ich bin ganz froh, dass ich ihn los bin, diesen Beruf", sagt Klonovsky.

Mehr als 350 Menschen sind gekommen, um zuzuhören, etwa ein Sechstel davon Journalisten deutscher und internationaler Medien. "Wir wollen heute hart in der Sache miteinander diskutieren, den anderen aber nicht verletzten", sagt ein AfD-Vertreter gleich zu Beginn. Neue Töne.

Wie angespannt das Verhältnis zwischen der AfD und den Medien ist, zeigt sich auch in der Frage, die lange vor dem Termin kreiste: Wie halten es Journalisten generell mit solchen Gesprächsangeboten? Dazu gibt es kontroverse Ansichten. Die Zusage der beiden TV-Chefredakteure kann man durchaus als Coup für den AfD-Kreisverband werten. Der kam offenbar selbst für einige Mitglieder unerwartet, denn man hatte zunächst damit gerechnet, sich bei Anfragen an Medien "eine blutige Nase zu holen".

"Ich bin gern gekommen", sagt ZDF-Chefredakteur Peter Frey. "Weil sie Beitragszahler sind, manchmal vielleicht mit der Faust in der Tasche. Ich möchte mir ihre Kritik anhören." Er wolle sich aber auch darüber verständigen, "dass eine freie Presse notwendig ist in diesem Land". Viel Applaus gibt es nicht für solche Sätze. Im Saal sitzen, abgesehen von Journalisten, vor allem AfD-Anhänger, die der Medienkritik aus dem eigenen Lager naturgemäß mehr Beachtung schenken.

Anfangs ist die Stimmung noch ruhig, doch je weiter der Abend fortschreitet, desto häufiger gibt es abfälliges Gelächter, wenn die TV-Chefs sich zu Fragen erklären. Leicht haben sie es nicht in dieser Atmosphäre. ZDF-Chef Peter Frey trifft dabei souveräner den Ton, greift die Stimmung im Saal häufig direkter auf als sein ARD-Kollege Kai Gniffke

Einladungen zur Podiumsdiskussion hatte der Verband an etwa ein Dutzend großer Medienhäuser geschickt – entweder ohne Reaktion oder mit negativer Rückmeldung. Auch an eine allgemeine Mailadresse der ZEIT ging ein Schreiben, persönliche Einladungen an ZEIT- oder ZEIT-ONLINE-Mitarbeiter, an der Debatte teilzunehmen, gab es allerdings nicht. Andere Journalisten, die von der AfD persönlich angeschrieben wurden, entschieden sich dagegen, teilzunehmen, darunter die Chefredakteure der beiden großen Tageszeitungen in Sachsen. Er spiele grundsätzlich keine aktive Rolle bei Parteiveranstaltungen, sagt Torsten Kleditzsch, Chefredakteur der Freien Presse. "Das trifft auf die CDU genauso zu wie auf die Linke oder die AfD." 

Auch Uwe Vetterick, Chefredakteur der Sächsischen Zeitung, hat eine persönliche Einladung abgelehnt – mit einer anderen Begründung. Reporter der Zeitung seien immer wieder bei Pegida-Demonstrationen verbalen Drohungen und körperlichen Übergriffen ausgesetzt gewesen. Er könne sich nicht vorstellen, "mit der AfD auf dem Podium zu sitzen, um 'in sachlicher und nüchterner Atmosphäre gegenseitiger Wertschätzung‘ zu diskutieren, während zugleich unsere Journalisten in inakzeptabler Weise bedroht werden auf Veranstaltungen, die diese Partei inhaltlich und personell mitträgt".

Kritik am "Tatort"

Der Abend dreht sich dann nicht nur um die Medien und die AfD. Wird über Donald Trump zu negativ berichtet? "Wir haben bei der Berichterstattung zu Trump Fehler gemacht", räumt ZDF-Chef Frey ein. "Wir haben das nicht kommen sehen. Die amerikanischen Medien sind wiederum nicht zu den Menschen gegangen, um über ihre Befindlichkeiten zu reden. Daraus mussten wir in Deutschland lernen."

Andere Frage: Wird sauber genug zwischen Meinung und Bericht getrennt? Kai Gniffke sagt: "Da sind wir uns komplett einig, dass das unbedingt getrennt werden muss. Wer das bei uns nicht macht, fliegt raus." Wenn Fehler bei der eigenen Arbeit passieren, lege man das offen. "Wenn wir einen Bock schießen, entschuldigen wir uns." Peter Frey bestätigt das. "Aber wissen Sie, worin der Unterschied besteht? Frau Miosga hat sich schon entschuldigt. Die heute-show hat sich schon entschuldigt. Von Herrn Gauland habe ich eine solche Entschuldigung zum Umgang mit Journalisten allerdings noch nie gehört."

Nicolaus Fest beklagt hingegen die "Nichtberichterstattung von Mordfällen wie in Offenburg, wo Asylbewerber als Täter verwickelt waren". Die Fernsehchefs schildern daraufhin Entscheidungsprozesse in ihren Redaktionen. "Wir versuchen, die Tagesschau darauf abzuklopfen, welche Themen wichtig sind für das ganze Land", sagt Gniffke. Es sei ein intensiver Prozess, abzuwägen, wann ein Fall nur regional relevant sei, wann er eine überregionale Brisanz bekomme, und ab welchem Punkt man außerdem genug Fakten habe, um seriös zu berichten.

Moderiert wird die Debatte von Andreas Lombard, Chefredakteur des Cato-Magazins, und dem Medienunternehmer Klaus Kelle. Beide treten nicht als neutrale Vermittler auf, vielmehr als Mitdiskutanten von der rechtspopulistischen Seite. Der geht es immer wieder um ihr eigenes Bild in den öffentlich-rechtlichen Medien. Berichte über die AfD seien überwiegend in einem "negativem Framing" dargestellt, behauptet Klaus Kelle: "In einem Beitrag über Chemnitz kamen fünf Teilnehmer von der bunten Demonstration zur Wort und keiner von der anderen Seite. Das kann ein öffentlich-rechtliches System so nicht machen." Kai Gniffke kontert: "Wir haben selbstverständlich die Pflicht, beide Seiten zu hören. Wenn aber auf einer Kundgebung aufgerufen wird, nicht mit der Presse zu reden, dann ist das schwierig. Wir haben oft das Problem, dass wir keine Gesprächspartner finden, die mit uns reden." 

Wird die AfD zu schlecht dargestellt?

Wird die AfD denn nun zu schlecht dargestellt? Zumindest nicht zu wenig, argumentiert ZDF-Chefredakteur Frey. Er hat einen ganzen Ordner mit einer Auswertung über O-Töne in zehn Monaten heute-Nachrichten dabei: Die Grünen hatten die meisten O-Töne, gefolgt von der AfD und den Linken und mit einigem Anstand der FDP. 

Doch den AfD-Vertretern geht es um mehr: ihr eigenes Weltbild. Das kommt ihnen zu kurz in den öffentlich-rechtlichen Medien. Eigentlich in allen Bereichen, sogar im TV-Krimi. "Im Tatort gibt es keinen einzigen Ermittler, der in einer klassischen Familie mit Mutter, Vater, Kind lebt", sagt Andreas Lombard. "Da hat eine starke, konservative Gruppe in der Bevölkerung das Gefühl, nicht angemessen repräsentiert zu sein." Sachsens AfD-Landeschef Jörg Urban fragt, ob man nicht ein rechtskonservatives Gesprächsformat im Fernsehen bringen könnte, moderiert zum Beispiel von Götz Kubitschek. Peter Frey erteilt dem eine Absage, auch für die Linke würde er so ein langweiliges Format nicht schaffen. Aber: "Sie sind Beitragszahler und haben Anspruch darauf, dass wir uns mit Ihrer Meinung auseinandersetzen."   

Frey erzählt, dass ostdeutsche Freunde ihm gesagt hätten, dass "es eine Moderatorin im Fernsehen gebe, die ihnen belehrend vorkomme. Das erinnerte sie an DDR-Zeiten". Das habe ihn nachdenklich gemacht. Solche Eindrücke wolle er nicht vermitteln. "Vielleicht haben wir uns auch zu sehr blenden lassen von den guten Entwicklungen im Osten. Vielleicht haben wir die 1990er-Jahre zu unkritisch betrachtet." Er wolle das Land, auch den Osten, verstehen und verspricht differenzierte Berichterstattung. Zugleich zieht Frey Grenzen. "Es ist für uns ein ernsthafter Punkt, dass bei Demonstrationen Menschen angegriffen werden, auch Kollegen von uns. Eine Erkenntnis des Abends sollte sein, dass man respektvoll miteinander umgeht."

Auch nach zwei Stunden Gespräch geht die andere Seite des Podiums auf solche Sätze nicht ein. Die Bilanz der AfDler: Eine wirkliche Annäherung gibt es nicht. "Ich gehe aus der Runde mit ambivalenten Gefühlen, aber ich habe heute früh einen Eimer Kreide gefressen und sage jetzt also: Es war sehr schön", sagt Klonovsky. Sein Nebenmann Fest findet: "Bei aller Freude, dass dieses Treffen zustande gekommen ist, sind wir uns doch auch darüber einig, dass wir uns an vielen Punkten nicht einig sind. Ich glaube, da ist noch viel Arbeit erforderlich." ZDF-Chef Peter Frey atmet zum Schluss durch. "Ich weiß nicht, ob ich dieses Gespräch jede Woche führen möchte", sagt er. "Aber wir haben uns nicht gekloppt, insofern war es ein Anfang."