Absturz, Desaster, Ende einer Ära, historische Zäsur, Katastrophe, politischer Erdrutsch, Zeitenwende: Seit Monaten sieht man in Superzeitlupe ein politisches Ereignis auf sich zukommen, für das die üblichen Begriffe der apokalyptischen Gebrauchslyrik zu schwach, zu ausgelutscht, zu verbraucht scheinen, um es treffend beschreiben zu können.

32 Prozent, Tendenz weiter fallend, sagten die letzten Umfragen der CSU für die bayerische Landtagswahl voraus. Als dann am Sonntagabend, Punkt 18 Uhr, der schwarze Balken sich doch bis 35,5 Prozent hinaufschleppt in der ersten Prognose, denkt man kurz: Da reichen die üblichen Begriffe ja vielleicht doch aus – aber schnell verwirft man diesen Gedanken wieder – auch als die Hochrechnungen am späteren Abend den Christsozialen rund 37 Prozent verheißen. Denn unter 40 Prozent für die CSU bei einer bayerischen Landtagswahl – das war so lange undenkbar, dass es nun kaum beschreibbar ist.

Das Ergebnis bedeutet: das Ende der Alleinherrschaft, den Verlust der Einzigartigkeit. Die CSU ist jetzt ein Regionalmächtlein mit schwindendem bundespolitischen Einfluss. Nicht ganz so groß und stark wie die SPD in Rheinland-Pfalz – und deutlich kleiner und schwächer als die CDU im Saarland. Das ist weder ein Desaster noch eine Zeitenwende für die Christlich-Soziale Union. Es ist ihr Jüngstes Gericht. Der 14. Oktober 2018 hat allerbeste Chancen, als der Tag in die CSU-Geschichte einzugehen, der ihrem Dasein als letzte echte Volkspartei ein Ende setzt.

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Die Politik ist allerdings hinreichend diesseitig, um nach dem Ende einfach weiterzumachen. Sechs Folgerungen ergeben sich aus dem Ergebnis der Bayern-Wahl.

1. Die CSU muss zur Selbstherrlichkeit zurückfinden

Die CSU muss sich jetzt entscheiden. Zwischen Seehofer und Söder, zwischen enthemmtem AfD-Sound und gedrosseltem Bajuwaren-Unmut, zwischen Eskalieren und Befrieden. Und, die wichtigste Entscheidung, zwischen Allmachtsfantasie und Selbstherrlichkeit. 

Selbstherrlich war die CSU schon immer, die Hybris ist (war) sogar einer der Gründe für ihren Erfolg. Wieder mal das größte Wirtschaftswachstum! Wieder mal die wenigsten Arbeitslosen! Wieder mal die pfiffigsten Innovationen! Und, ganz nebenbei, eine rückständige Agrarregion in ein hochtechnisiertes Dauerboomland verwandelt. Dabei zudem jeden bayerisiert, der als Nichtbayer nach Bayern kam, sei er Krefelder oder Kroate. Nie hat es die CSU versäumt, darauf hinzuweisen, dass all das Großartige nur gelingen konnte, weil sie selbst mindestens genauso großartig ist.

Bis die Flüchtlingskrise begann. Anstatt sich weiterhin hemmungslos selbst zu loben – etwa für professionelles Management der Krise oder rasch anlaufende Integrationsmaßnahmen –, verlor sich die CSU-Führung in der Allmachtsfantasie, die Vergangenheit verändern zu können. Angela Merkel musste unbedingt und am besten jeden Tag aufs Neue nachgewiesen werden, dass sie falsch lag mit ihrem liberalen Kurs in der Flüchtlingsfrage. Seehofer und Söder schlugen im Wahlkampf 2018 so lange im Sound der AfD ("Asyltourismus") die Schlachten von 2015, bis die Leute glaubten, in der Flüchtlingsfrage sei gar nichts geschehen. Im immerwährenden 2015 von Seehofer und Söder wanderten die rechteren CSU-Wählerinnen und -Wähler zur AfD ab, die gemäßigten zu den Grünen. Söder änderte diesen Kurs zu spät – und Seehofer gar nicht.

Die große Koalition in Berlin, die sich aktuell im vergangenheitsfixierten Seehofer/Merkel-Streit selbst lähmt, hat nur dann eine Zukunft, wenn Seehofer geht. Und die CSU anschließend wieder von Allmachtfantasie auf Selbstherrlichkeit umschaltet. Wer meint, mit knapp mehr als 35 Prozent sei es auch vorbei mit jeder Selbstherrlichkeit, kennt Söder schlecht. Seine 35 Prozent werden bald schon die besten und schönsten 35 Prozent sein, die Bayern je gesehen hat. Und der unbedeutende Rest der Welt auch.

2. Die SPD rauscht in die nächste Raus-aus-der-Groko-Debatte

Im Schatten eines Jüngsten Tages fallen Desaster und Katastrophen zwar weniger auf. Aber es wird – anders als es sich das SPD-Spitzenduo Nahles/Scholz so vorstellt – nicht gelingen, das Bayern-Ergebnis rasch wegzuatmen und den Blick nach Hessen zu richten, wo in 14 Tagen die CDU gerupft werden dürfte.

Einstellig oder nicht, neun oder zehn Prozent, das sind nun die Fragen, mit denen man sich in der SPD herumschlagen muss. Das historisch schlechteste Ergebnis in Bayern, das wahrscheinlich zweitschlechteste, das die SPD je bei einer Landtagswahl erhielt, ist ein miserables Argument für ein Weiterregieren im Bund. Die ohnehin immer größer werdende Schar der Groko-leavers in der SPD erhält durch das Wahlergebnis massiven Auftrieb. Gehen wir zur verabredeten Halbzeitbilanz Ende nächsten Jahres aus der Regierung – oder doch schon früher? Das war schon vor Bayern die am meisten gestellte Frage unter den Genossinnen und Genossen. Sollte die Wahl in Hessen nicht so ausgehen, wie Nahles und Scholz das erhoffen, wird die Basis eine rasche Antwort einfordern. Sie erwartet ein "Am besten sofort".