"Es gibt auch eine andere SPD." Generalsekretär Lars Klingbeil war es in seinem Radiointerview am Montagmorgen wichtig, diese Botschaft zu setzen. Angesichts des einstelligen Ergebnisses in Bayern und der 15-Prozent-Umfragen auf Bundesebene geht ja tatsächlich manchmal unter, dass die Sozialdemokraten dann und wann noch Erfolge feiern.

In der unbeliebten großen Koalition haben sie zuletzt Milliardeninvestitionen in Kitas und ein Rückkehrrecht in Beschäftigungsverhältnisse in Vollzeit durchgesetzt sowie der CSU Eckpunkte für ein Einwanderungsgesetz abgeluchst, das die Konservativen Jahrzehnte bekämpft haben. Auch manche Wahlen hat die Groko-SPD noch gewonnen: In Niedersachsen holte sie kurz nach der Bundestagswahl 36,9 Prozent der Stimmen, in Rheinland-Pfalz ebenfalls 36 Prozent, in Hamburg und Berlin stellen sie seit vielen Jahren den Regierungschef und  selbst in den Umfragen für die Landtagswahl in Hessen am 28. Oktober steht die SPD immerhin über 20 Prozent. Sogar eine rot-rot-grüne Machtübernahme in der Wiesbadener Staatskanzlei scheint dort möglich.

Auch wegen dieser Hoffnung auf einen guten Ausgang der hessischen Landtagswahl hat sich die SPD nach dem Debakel in Bayern Stillhalten verordnet. In der Sitzung des Parteivorstands am Montag habe "große Einigkeit" geherrscht, "dass wir uns in den kommenden zwei Wochen auf Hessen konzentrieren", sagte Klingbeil im Anschluss. "Wir müssen kämpfen", sagte auch Parteichefin Andrea Nahles

Zeit für die Opposition?

Beide mahnten an, der ständige Streit der großen Koalition habe eine Rolle beim schlechten Abschneiden der SPD, aber auch der CSU in Bayern gespielt. Das müsse sich ändern. Eine öffentliche Debatte darüber, ob die SPD angesichts ihrer andauernden Misere nicht sofort die große Koalition in Berlin beenden solle, will in der Parteiführung erst mal keiner führen. "Der Zeitpunkt stimmt nicht", sagt ein Vorstandsmitglied. Dabei muss es ja aus SPD-Sicht schon fast wie eine Drohung klingen, wenn Innenminister Horst Seehofer ankündigt, weiter "aktiv und konstruktiv in der Bundesregierung mitarbeiten" zu wollen.

Intern liegen die Nerven blank. Es sind ja nicht nur die ewigen Groko-Gegner wie der Juso-Chef Kevin Kühnert oder auch SPD-Vize Ralf Stegner, die finden, das Bündnis schrumpfe die SPD, und sich durch die Umfragen bestätigt sehen. Auch andere in der Parteiführung sind entsetzt über den ewigen Streit zwischen Union und SPD, aber eben auch über strategische Fehler der eigenen Führung, die die Glaubwürdigkeit weiter untergraben: die Zustimmung von Andrea Nahles zu einer (vorübergehenden) Beförderung von Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen zum Beispiel oder auch der vermeintliche Dieselkompromiss, der die Bürger am Ende doch mit der Frage allein lässt, was sie nun mit ihrem Auto machen.

Diese große Koalition agiere noch schlimmer als die vorherige, ist längst von Spitzengenossen zu hören, die sich sonst eigentlich zurückhalten. Laut Umfragen hat das Bündnis das Vertrauen der Bevölkerung längst verloren, bundesweit betrachtet ist die AfD inzwischen an der SPD vorbeigezogen.

Der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki sagte über seine Partei nach einer verlorenen Landtagswahl einmal, sie habe als "Marke generell verschissen". Ähnlich geht es der Groko-SPD. Egal, was sie leistet oder nicht, die Bürger wenden sich von ihr ab: 76 Prozent der bayerischen Wähler sagen in einer ARD-Umfrage, es sei Zeit für die SPD, sich "in Berlin in der Opposition zu erholen".

Eine Entscheidung Anfang November

Auch viele Genossen sehen das so: Schon beim Mitgliederentscheid über eine neue große Koalition haben 40 Prozent der SPD-Mitglieder mit Nein gestimmt. Und wer damals noch hoffnungsfroh in das neue Bündnis ging, wurde darauf enttäuscht. Um die Kritiker ruhig zu halten, hat der Parteivorstand nun eine Klausur angesetzt: Am 4. und 5. November, eine Woche nach der Hessen-Wahl, will die SPD darüber beraten, wie es weitergeht. Möglich, dass dort das Ende der Koalition beschlossen wird.

Manche halten schon jetzt nicht mehr mit ihrer Meinung hinter dem Berg: Natascha Kohnen, SPD-Vizechefin und glücklose bayerische Spitzenkandidatin, schaltete am Montag auf Angriff. Die Leute seien der SPD im Wahlkampf in Bayern mit "Kühle und Skepsis" begegnet, sagte sie. Anders als die Grünen habe ihre Partei sich nicht losmachen können von der schlechten Performance der großen Koalition in Berlin. Und anders als ihre Parteichefin, die interne CSU-Personalentscheidungen nicht kommentieren wollte, forderte Kohnen den Rückzug von CSU-Chef Horst Seehofer: "Ein solcher Mann ist für mich in Bayern nicht mehr tragbar."