Mit Angela Merkel an der Parteispitze kann die CDU kaum mehr Wahlen gewinnen. Nicht mal in Hessen, einem Land, das acht Jahre lang ordentlich, erfolgreich und konfliktarm vom Merkel-Statthalter Volker Bouffier regiert wurde. Die Wahl in Hessen aber war für viele eher eine Abstimmung über die Bundesregierung – und damit über die Kanzlerin. Wie will die CDU unter solchen Bedingungen erst nächstes Jahr drei Landtagswahlen in Ostdeutschland bestehen?  

Es geht nicht mehr mit Merkel. Aber es geht auch noch nicht ohne sie.

Erstens ist sie bei vielen Wählern immer noch hoch angesehen. Zweitens steht kein Nachfolger von Kanzlerformat bereit. Drittens dürfte dieser Nachfolger nicht nur ein Nachlassverwalter von Merkels Gnaden sein. Die Partei müsste sich personell und inhaltlich von Merkel und ihrer Regierungszeit emanzipieren, bevor sie auf sie verzichten kann. Aber wie soll das gehen? Merkel frontal angehen, das käme bei vielen Wählern nicht gut an. Es wäre auch inhaltlich schwer: Ein kompletter Rückbau von Merkels zahlreichen Modernisierungsschüben – denen ja nicht wenige die Schuld für die Misserfolge der CDU geben – wäre weder in Partei noch Wahlvolk glaubwürdig, mehrheitsfähig oder vermittelbar.

Die CDU muss sich von Merkel lösen – ohne sie zu beschädigen. Geht das?

Die CDU ist ein Patient mit Bandscheibenvorfall: Liegen bleiben ist unmöglich. Bewegen, gleich in welche Richtung, wird wehtun.

Und jetzt?

Hier kommt wieder Volker Bouffier ins Spiel. Er hat der CDU immerhin verschafft, was sie in dieser Situation am meisten braucht: Zeit. Hätten die Christdemokraten in Hessen die Macht verloren, wäre Merkels Wiederwahl zur Vorsitzenden auf dem Parteitag Anfang Dezember in Hamburg offen gewesen. Die CDU hätte vielleicht sehr schnell einen Spitzenkandidaten für mögliche Neuwahlen gebraucht. Der Patient hätte aufspringen müssen. Es wäre brutal geworden.

Nun aber hat die CDU etwas mehr Ruhe, um sich von Merkel zu emanzipieren. Sanft, ohne sie zu richten und sich moralisch über sie zu erheben und sie zu demontieren.

Das kann funktionieren. Im kleineren Maßstab hat das ausgerechnet die SPD bewiesen. Die stellte in München aberwitzige 21 Jahre lang den perfekten Oberbürgermeister: Christian Ude. Mietrechtsanwalt, Journalist, Kabarettist, Fan des TSV, ein Schwabinger Bohemien, der auf den Stimmungen der Stadt tanzte wie die Surfer auf der Eisbach-Welle am Englischen Garten. Wie Merkel war er der Richtige zur richtigen Zeit. Und wie bei Merkel war seine letzte Legislatur bleiern. Seine Regentschaft hatte sich abgenutzt und aufgebraucht. Doch rechtzeitig schälte sich ein Nachfolger hervor. Heute sind die meisten Genossen froh, dass der OB inzwischen Dieter Reiter heißt – und können gleichzeitig wehmütig und stolz auf die Ude-Jahre zurückblicken.

Die CDU wird zwischen zwei Epochen zerrieben

Geht so was im politischen Berlin? Annegret Kramp-Karrenbauer versucht es. An der Generalsekretärin vorbei wird niemand CDU-Vorsitzender. Jedem in der Partei sind ihre Ambitionen klar. Noch gilt sie einigen zu sehr als "Mini-Merkel", um nach der Macht zu greifen. Doch immer wieder versucht die Saarländerin, auch den konservativen Parteiflügel rhetorisch zu umarmen und einzubinden. Um Merkel, mit der sie viele Methoden wie Überzeugungen teilt, nicht zu deutlich widersprechen zu müssen und gleichzeitig dennoch ein eigenes Profil zu gewinnen, besetzt sie Themenfelder, auf denen die Kanzlerin nicht unterwegs ist: die Dienstpflicht etwa oder jüngst mit einem Papier zu Sozialer Marktwirtschaft und Wirtschaftspolitik. 

Diese Profilschärfung braucht Zeit. Deswegen ist es vor allem Kramp-Karrenbauer, der Bouffier einen Dienst erwiesen hat. Jene in der CDU, die eher auf ein schnelles und brutales Ende der Ära Merkel setzen, auf eine offene Konfrontation, hätten sich von einem Verlust der Regierung in Hessen eher bestärkt gefühlt.

Allerdings ist nun auch die Verlockung, einfach nichts zu tun, größer, als sie es bei einem noch dramatischeren Absturz gewesen wäre. Der Leidensdruck könnte zu niedrig sein, den Ausbruch zu wagen. Solange die CDU keine Perspektive erkennen lässt, die über den Moment hinausweist, wird sie weiter zwischen zwei Epochen zerrieben – der von Merkel, die zu Ende ist und einer anderen, die noch nicht begonnen hat.

Da hatte die Münchner SPD übrigens einen entscheidenden Vorteil: Sie konnte sich dem Sprung nach vorn nicht verweigern. Udes Ende war vorbestimmt. Die Altersgrenze für Bürgermeister hatte es ihm verboten, noch mal anzutreten.