Viel besser kann man es nicht machen. Erst lanciert Friedrich Merz ein mögliches Interesse am CDU-Vorsitz via Bild-Zeitung, nur wenige Minuten nachdem klar war, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel im Dezember nicht mehr antritt. Dann lässt er die gewollte Unklarheit 24 Stunden wirken. Am Dienstag hält er dann vor der versammelten Hauptstadtpresse Hof.

Die Pressekonferenz ist perfekt inszeniert: kompakte 20 Minuten, gerade kurz genug, um sich nicht zu verplappern, aber lang genug, um die öffentliche Aufmerksamkeit anzuziehen. Wie ein Monarch vergangener Zeiten, der sich dem Volk nur kurz auf dem Balkon zeigen musste. Tatsächlich ist die Bundespressekonferenz am Mittag besetzt bis auf den letzten Platz, vor Merz drängen sich so viele Kameraleute, als wäre er Bundeskanzler.

So hat Merz binnen weniger Tage seine Mitbewerber um die CDU-Spitze unter Zugzwang gebracht. Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer und Gesundheitsminister Jens Spahn hatten bislang nur intern im Parteivorstand erklärt: Ja, auch sie wollen antreten. Am Nachmittag meldete sich Spahn per Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen zu Wort – was weitgehend verpuffen wird, weil ja die ganze Hauptstadtpresse bei Merz saß.

Merz macht allen Angebote, Grünen- wie AfD-Wählern

Merz hat die vergangenen drei Tage klug genutzt, so klug, dass man getrost unterstellen darf, dass er die vergangenen neun Jahre abseits der Politik auch dazu genutzt hat, sich auf Merkels Abgang vorzubereiten.

Merz will ran an das, was er für den "Markenkern" der CDU hält. So erklärt er es zumindest auf der Pressekonferenz in Berlin. Wobei Merz diesen Kern recht kantig vermittelt, aber eben auch sehr groß definiert. Er macht vielmehr Angebote an alle Seiten: Den Wirtschaftsliberalen, einer Klientel, die seine Widersacherin Kramp-Karrenbauer eher nicht wird erreichen können, ruft er zu: "Wir haben in Deutschland viel zu wenig Aktionäre."

Den Euro-Kritikern sagte er bereits vor zwei Jahren in einem TV-Interview: Er hätte der Einführung des Euros wahrscheinlich rückblickend nicht zugestimmt. Auf der Pressekonferenz gibt er dagegen den überzeugten Europäer – auf Macrons Vorschläge zur Vertiefung der Union habe Deutschland "zu wenig" reagiert. Gleichzeitig schiebt er nonchalant hinterher, dass er die Nullzinspolitik der EZB für brandgefährlich halte. Ein Signal an die AfD-Wähler.

Den vielen Unionswählerinnen und -wählern, die in den vergangenen Wahlen zu den Grünen abgewandert sind, verspricht er, dass er sich verstärkt der Ökologie widmen will. Das betont er auf der Pressekonferenz gleich zweimal. Das Lebensgefühl unter jungen Leuten in den Uni-Städten will er für die CDU noch nicht verloren geben.

In Zeiten, in denen das Wort Berufspolitiker fast als Schimpfwort gilt, versucht Merz, seinen nominellen Nachteil, dass er für Jahre nicht in Partei, Parlament oder Ministerien eingebunden war, in ein Alleinstellungsmerkmal umzudeuten: "Ich habe die Chance gehabt, den Politikbetrieb von außen zu studieren", sagt er.

Merz ist an der Basis populär. Aber reicht das?

Merz ist das Gesicht all jener CDU-Anhänger, die über Jahre unter Merkel gelitten haben, all der Männer, die sie auf ihrem langen Weg an die Macht überlebt hat. Die Wulffs, Kochs, Röttgens. Merz ist die verkörperte Sehnsucht nach der alten, konservativen, männlichen West-CDU. Das macht ihn an der Basis und in einigen Medien populär. Aber auf Parteitagen stimmen nicht einfache Mitglieder über den Vorsitzenden ab. Sondern der Mittelbau der Partei. Unter den gewählten Delegierten haben Spahn und Kramp-Karrenbauer zumindest auf dem Papier die besseren Netzwerke.

Wie sind also Merz' Chancen?

Sollte er tatsächlich gewählt werden, hätte es sich mit Merkels Kanzlerschaft recht schnell erledigt. Kaum vorstellbar, dass die beiden es schaffen würden, bis 2021 friedlich nebeneinanderher zu regieren. In der Pressekonferenz lässt er das auf Nachfrage bewusst offen, sagt nur, man werde schon miteinander auskommen. Einige dürfte Merkels absehbares Ende bei der Wahl des Vorsitzenden abschrecken. Gegner der großen Koalition, die einen Neuanfang gar nicht abwarten können und von denen es auch in der Union einige gibt, wird das gerade erst anstacheln. Und vielleicht ist genau das Merz' Vorteil: Parteitage können ins Irrationale kippen. Emotionen spielen eine Rolle, gute Reden auch. Und reden kann Merz.

Lange hatte man sich auf ein Duell Kramp-Karrenbauer gegen Spahn eingestellt. Und dann tauchte – quasi aus dem Nichts – Friedrich Merz auf. Niemand hatte den ehemaligen Fraktionsvorsitzenden auf dem Zettel. Ähnlich war es auch bei Ralph Brinkhaus. Er trat unerwartet gegen Volker Kauder an und gewann die Wahl zum Fraktionsvorsitzenden. Geht das jetzt bei Merz genauso?

Was sicherlich am meisten für Merz spricht, ist sein Habitus. Er ist einer der wenigen Christdemokraten, die bei den Linken Schnappatmung auslösen. Bei Merkel, Kramp-Karrenbauer oder Armin Laschet, dem Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, waren es ja eher die Rechten, die sich echauffiert haben. Die Furcht und Wut des wichtigsten politischen Gegners kann die eigene imaginierte Stärke potenzieren. Aber ob das reicht, um die CDU wieder zur Volkspartei zu machen? Merz wird es darauf ankommen lassen.