Die Umfragen für die CSU in Bayern sind kurz vor der Landtagswahl eine Katastrophe. Bis auf 33 Prozent fiel sie in einer Erhebung. Und das, wo in der selbst ernannten bayerischen Staatspartei doch alles unter 40 Prozent als Schmach gilt. Spitzenkandidat und Ministerpräsident Markus Söder reagiert, wie er es seit Monaten tut: Er schiebt die Schuld weit von sich.

"Das alles sind Zahlen, die unglaublich geprägt werden durch die Berliner Politik", sagte er der Bild-Zeitung. CSU-intern soll Nochparteichef und Bundesinnenminister Horst Seehofer als Hauptverantwortlicher für das bevorstehende Wahldebakel am Sonntag ausgerufen werden. Es wäre eine Art parteiinterne Bad Bank, ein durchsichtiges Manöver und keinesfalls neu: Seehofer selbst hatte nach der verlorenen Bundestagswahl bei der Suche nach Erklärungen auf die vermeintlichen Berliner Verhältnisse gezeigt.

Zehn Jahre lang hat die CSU die Freien Wähler ignoriert

Es stimmt schon, die Performance der großen Koalition war in den letzten Wochen unterirdisch. Schuld an beinahe jeder Regierungskrise war allerdings die CSU. Sollte das Söder wirklich stören, müsste er sich fragen, warum es ihm nicht gelingt, seine Parteifreunde in der Hauptstadt, allen voran Innenminister und CSU-Chef Horst Seehofer, zu disziplinieren.

Die wenig schmeichelhafte Antwort: Er ist zu schwach. Oder er hat sich verspekuliert: Parteichef hätte er dem Vernehmen nach schon vor einem Jahr werden können. Seehofer soll seinem Rivalen das angeboten haben. Söder lehnte ab: Sollte Seehofer doch allein zusehen, wie er die wenig glamourösen Koalitionsverhandlungen und den Regierungsalltag meistern würde.

Aber auch sonst lenkt Söder ab. Der Niedergang ist made in Munich.

Die CSU verliert nach allen Seiten. Die AfD liegt in Bayern in den Vorwahlumfragen zwar deutlich unter ihrem Bundesschnitt – wird wohl aber zweistellig abschneiden. Mit den Freien Wählern (FW) hat sich eine weitere starke bürgerliche Alternative bei über zehn Prozent eingenistet. 2008 sind die FW das erste Mal in den Landtag eingezogen. Seitdem machen sie Politik als bürgerliche und volksnähere Alternative zur vermeintlich abgehobenen Staatspartei CSU. Und die CSU hat es völlig verschlafen, eine Gegenstrategie zu entwickeln. Auch die FDP wird es wohl wieder in den Landtag schaffen und der CSU Stimmen abnehmen – wie schon bei der Bundestagswahl, als die Union an keine Partei mehr Wähler abgeben musste.

CSU - Markus Söder kämpft gegen schlechte Umfragewerte Kurz vor den Landtagswahlen in Bayern kommt die CSU Umfragen zufolge nur noch auf 35 Prozent der Stimmen. Spitzenkandidat Markus Söder reagiert im Wahlkampf mit Kritik an der Bundespolitik. © Foto: REUTERS/Michael Dalder

Söder sucht den richtigen Ton

Seit seiner ersten Rede als Regierungschef Mitte März müht sich Söder vergebens, den richtigen Ton für den Wahlkampf zu treffen. Er reiht Versprechen an Versprechen – Grenzpolizei, Raumfahrprogramm, Reiterstaffel für die Polizei und verteilt wahllos Geld über dem Land – Hebammenprämie, Familiengeld, Landespflegegeld, bayerische Eigenheimzulage. Nur allen alles versprechen ergibt eben noch keine Vision, keine Richtung für das Land und die Wähler.

Zumal es nicht hilft, Millionen für den Wohnungsbau zu verteilen, wenn die landeseigene Wohnbaugesellschaft in den Jahren zuvor zahlreiche günstige Wohnungen für Normalverdiener verkauft hat. Weitsichtige Strukturpolitik ist das nicht.

Auch der Faktor Persönlichkeit tut sein Übriges: Den nahbaren Landesvater vermisst man an Söder bis heute. Im Wahlkampf taut er selten auf, oft wirkt er verkrampft und distanziert. Seine Beliebtheitswerte sind katastrophal. Die Mehrheit der Bayern ist mit der Arbeit seiner Regierung unzufrieden.

Auch im Asylstreit im Sommer hat Söder keine gute Figur gemacht: Erst eskalierte der bayerische Ministerpräsident den Konflikt mit der CDU, dann vollzog er die radikale Kehrtwende. Söder verzockte damit Vertrauen und schaffte das Paradoxe: die Rechten und die Mitte und die Linke gleichermaßen gegen sich aufzubringen. Diejenigen, die in der CSU nur den Appendix der sozialdemokratisierten Merkel-CDU sehen – ein Kläffer, der dann doch kneift –, durften sich bestätigt sehen. Ebenso diejenigen, die das Christliche im Namen und die europäischen Werte der Partei verraten sahen. Und diejenigen, die Söder einfach nur für einen Schauspieler und populistischen Stimmungspolitiker halten, sowieso.