Bayern hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt – auch dank der erfolgreichen Politik der CSU. Millionen Menschen ziehen jedes Jahr in den Freistaat, wegen der Jobs, der Natur, den guten Unis. Die CSU und ihr Spitzenpersonal aber sind weitgehend dieselben geblieben. Die Partei muss dringend Identitätsangebote schaffen, die über Dirndl und Weißbierschaum hinausreichen.

Das linke Lager in Bayern ist seit 15 Jahren prozentual zwar weitgehend stabil. Seit Beginn der CSU-Alleinherrschaft bedeutete Opposition in Bayern: Frustration und letztlich Resignation. Doch seit die Grünen und nicht mehr die Genossen Nummer zwei sind, hat die CSU einen lustvollen Antagonisten. Opposition macht plötzlich Spaß. Mehrere Zehntausend Menschen demonstrierten in den vergangenen Monaten in München gegen horrende Mieten, Söders Polizeiaufgabengesetz und bei #ausgehetzt gegen die CSU ganz direkt. Mehr und mehr entgleitet der CSU die alleinige Deutungshoheit über ihr Bayern.

Und Söder, der stets die Kameras sucht, liefert auch noch die Bilder zu der oppositionellen Erzählung der arrogant-verbrauchten Partei: Als er im Frühsommer in der Staatskanzlei seinen Kreuzerlass zelebrierte und ein Kruzifix aufhing, war er so schlecht ausgeleuchtet, dass er wirkte wie eine Gruselfigur, entstiegen aus einer Nosferatu-Verfilmung. Oder letzte Woche, als er ein bayerisches Raumfahrtprogramm vorstellte, Bavaria One. Hochtechnologie, Ehrgeiz, Bayern, Weltall – eigentlich eine sichere Nummer für einen Regierungschef, leicht verdienter Applaus. Doch Söder stellte sich vor ein Logo, das die Junge Union ihm designt hat, mit seinem Konterfei drauf – und erntet dafür Spott und Häme. Und statt das mit Humor zu nehmen, keifte er zurück und sprach von "Fake-News". Souverän ist das nicht. Sondern dünnhäutig, indigniert, nervös – ein Stimmungsbild der Partei.

Söder warnt jetzt bei jeder Gelegenheit vor "Berliner Verhältnissen", also vor Koalitionen. In seinen Augen die Verkörperung von Instabilität. Und wieder liegt er daneben. Die absolute Mehrheit der Wählerinnen und Wähler im Freistaat will eine Koalitionsregierung. Lediglich 18 Prozent wünschen sich, dass die CSU weiterhin allein regiert. Für eine Partei, die von sich selbst behauptet, die letzte Volkspartei in Deutschland zu sein, hat sich die CSU weit vom Volk entfernt. Die CSU-Gegner sind motiviert wie nie und die eigenen Anhänger gefrustet und verunsichert.