Rund 37 Prozent für die CSU sind ein Desaster. Und zwar ein hausgemachtes. Die CSU hat verloren, was sie all die Jahre unbesiegbar gemacht hat: das Gefühl für ihr Bayern. Wenn sich die Partei jetzt nicht radikal erneuert, wird sie verkümmern wie so viele Volksparteien.

Natürlich ist dieses Wahlergebnis ein Stück weit schizophren. Bayern geht es gut wie nie, die Wirtschaft brummt, nirgends in Deutschland haben mehr Leute einen Job. Nirgends sind weniger Menschen auf Sozialhilfe angewiesen. Die Kriminalität im ohnehin sichersten Bundesland ist so niedrig wie lange nicht. Ein besseres Bayern gab es nie. Die Partei, die daran seit vielen Jahren arbeitet, wurde nun abgestraft.

Das Geheimnis der CSU war nie, dass die Mehrzahl der Bayern genauso konservativ dachte wie die Christsozialen. Die Magie der Partei lag vielmehr darin, nicht irgendeine, sondern die eine Bayern-Partei zu sein.

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Vom CSU-Übervater Franz Josef Strauß ist überliefert, wie er in Bonn derart schamlos bayerische Lobbypolitik betrieb, dass es selbst Parteifreunden von der CDU zu bunt wurde. Wenn sich ein anderer Landespolitiker beklagte, bügelte Strauß das ab: Solle der CDU-Landesverband halt auch eine eigene Partei gründen. Ganz selbstverständlich bestellt noch heute die CSU-Landtagsfraktion ihre Bundesminister zum Rapport, um nachzuhorchen, was dieser in Berlin für Bayern rausgeholt hat. Solange der Stammtisch zufrieden war und das Bierzelt kochte, wusste die Partei, dass sie richtig lag. Und so piesackten die Bayern den Rest der Republik – zuletzt mit Betreuungsgeld und Autobahnmaut.

Migrationsströme kann man nicht von München aus umlenken

Doch in einer Zeit, in der schon der Nationalstaat als Rahmen für Politik, für Sicherheit, Freiheit, Demokratie und Stabilität bisweilen zu eng ist, ist es Bayern längst. Die CSU hat es verpasst, den Freistaat in ein neues Verhältnis zur Welt zu setzen. Dabei wusste schon Strauß bei aller Bayern-Tümelei: "Bayern ist unsere Heimat, Deutschland unser Vaterland, Europa unsere Zukunft."

Statt nach vorn zu schauen und Bayern in einer globalisierten Welt neu zu erfinden, machte Spitzenkandidat Markus Söder einen trotzigen Gestern-Wahlkampf: Bayern soll Bayern bleiben. Die von ihm angeführte CSU simulierte politische Handlungsmacht in Opposition zu den großen Strömen der Zeit. Söder versprach ein Mehr an Bayern, eine eigene Grenzpolizei, ein Landesamt für Asyl, Kreuze fürs Land.

Er wollte Größe und Macht suggerieren, wie sie der Freistaat früher mal hatte. Nur ist nichts mehr wie früher: Die Zeiten, als von der Kanzel CSU gepredigt wurde, sind vorbei. Wirtschaftspolitik findet heute nicht mal mehr allein in Berlin statt, nicht bei den G7 – sondern bestenfalls im Kanon der G20. Den Verlauf von Migrationsströmen kann man nicht mal eben von München aus umlenken, den Klimawandel erst recht nicht. Statt sich in die neuen Herausforderungen des Multilateralismus hineinzuwerfen, erklärte Söder ihn für beendet.

Je gestriger der Kandidat wurde, umso depressiver wirkte seine ganze Kampagne. Der Kontrast zur Gute-Laune-Partei von Katharina Schulze und Ludwig Hartmann wurde immer größer: Die Grünen versprühten in den vergangenen Wochen Zuversicht und Tatendrang wie die CSU in ihren besten Tagen unter Strauß und Stoiber. Auch wenn ihre Ideen für Bayern an den Stellen, wo sie konkret werden, wenig revolutionär sind, so umarmen sie doch wenigstens die großen Zukunftsfragen: Klima, Wohnen, Europa, Migration. Die Grünen spielten die Rolle des politischen Aufbruchs ganz clever.