Landtagswahl in Bayern - Freie Wähler hoffen auf Bündnis mit CSU Hubert Aiwanger, Spitzenkandidat der Freien Wähler in Bayern, sieht Chancen auf eine Regierungsbeteiligung seiner Partei. Dabei setzt er auf eine Koalition mit der CSU. © Foto: picture alliance / Nicolas Armer/dpa

Die ältere Dame mit Kurzhaarschnitt, Umhängetasche, Jeans und Turnschuhen ist extra aus Unterfranken quer durch Bayern gefahren für diesen Moment: Wahlkampfendspurt der Freien Wähler (FW) auf dem Marienplatz im Zentrum von München. Nun steht sie vor Hubert Aiwanger und hat eine Bitte an ihren Spitzenkandidaten: "Können Sie bitte mal das Wort Apfelsaft sagen", fragt sie und kichert etwas verschämt. Aiwanger guckt verdutzt, lässt sich dann aber darauf ein. "Ja, toll", jubelt die Frau. "Bei Ihnen hört sich das immer so lustig an."

Tatsächlich merkt man Aiwanger, dem Landwirt aus Rahstorf bei Rottenburg an der Laaber in Niederbayern, seine Herkunft an: "Opfeisoft", so klingt das bei Aiwanger. Als hätte er einen halben Knödel in den Backen. Der Typ Talkshow-tauglicher Politiker wird Aiwanger nicht mehr. Er versucht es gar nicht erst. Dennoch könnte er in wenigen Wochen als Minister und stellvertretender Ministerpräsident des Freistaats vereidigt werden. Eben weil er so auftritt, wie man sich einen bayerischen Bauern vorstellt. Während andere Politiker im Wahlkampf verkleidet wirken, die Anzug gegen Janker tauschen, ist es bei Aiwanger genau umgekehrt. Das Jackett eine halbe Nummer zu groß, die Krawatte ein bisschen schief, Aiwanger hat so gar nichts vom neoburschikosen Slimfit-Konservatismus.

In den meisten Bundesländern spielen die Freien Wähler keine Rolle. In Bayern haben sie es 2008 zum ersten Mal in den Landtag geschafft – und das gleich mit zehn Prozent. Seitdem halten sie dieses Niveau in Wahlen und Umfragen recht konstant. Auch bei der Landtagswahl am Sonntag räumen die Demoskopen ihnen Chancen auf ein zweistelliges Ergebnis ein. Aiwanger und seine Truppe könnten ein ernstes Problem für die CSU werden.

Verbale Selbstradikalisierung

Zwar haben es die Christsozialen mit ihrem Rechtsruck in der Flüchtlingspolitik geschafft, die AfD in den Umfragen unter ihren Bundesschnitt zu drücken. Je nach Umfrage auf zwischen zehn und 14 Prozent. Doch der Schaden der verbalen Selbstradikalisierung ist immens. Liberale Bürgerliche fliehen zu den Grünen. Auch die FDP könnte es wieder in den Landtag schaffen, ebenso auf Kosten der CSU. Auf konservativere Wähler, vergrault vom harschen Ton der CSU bei den Auseinandersetzungen in Berlin, warten die Freien Wähler. Das bürgerliche Lager ist durch sie in Bayern heterogener als in anderen Bundesländern. Eine absolute Mehrheit für die CSU wird dadurch noch unrealistischer.

"Die CSU betrachtet Bayern teilweise als ihren Privatbesitz", ruft Aiwanger in seiner Rede zum Wahlkampffinale von der Ladefläche eines Anhängers in sein Mikrofon. Die knapp 100 Sympathisanten klatschen artig. Dabei verdanken die FW ihre Existenz der CSU. Sie leben von der Abgrenzung zur "Partei für die Großkopferten", wie ein Anhänger sagt. Gleichzeitig wirbt Aiwanger offensiv um eine Koalition mit der CSU – nicht gegen sie, obwohl das laut Umfragen knapp reichen könnte. "Um Antreiber einer kraftlosen Regierung zu werden", sagt der Parteichef.

Deshalb ist Aiwanger dieser Tage ein gefragter Gesprächspartner, nicht nur auf dem Marienplatz. Man erreicht ihn am Telefon, zwischen zwei Sitzungen arbeitet er gleich einen ganzen Stapel an Journalistenanfragen ab. "Wir sind stark geworden in den Stoiber-Jahren, als der neoliberale Zeitgeist durch die Staatskanzlei wehte", erklärt Aiwanger den Aufstieg seiner Partei. "Wir mussten unsere Heimat gegen den neuen Zentralismus verteidigen." So wurden die FW, die zuvor vor allem Bürgermeister und Landräte stellten, von ihrem konservativen, ländlichen Milieu in den Landtag getragen. Wobei Aiwanger betont: "Wir lassen uns nicht in ein Rechts-links-Schema pressen. Wir sind pragmatisch."

Eine große Bürgerinitiative

Die Freien Wähler machen einen Heimat-Wahlkampf gegen eine Partei, die gleich zwei Heimatministerien geschaffen hat, eins in Nürnberg, eins in Berlin – wie geht das? "Wir sind einfach eine große Bürgerinitiative", sagt Günther Görlich. Der Münchner mit Strubbelbart und Strohhut über dem rundlichen Gesicht steht am Wahlkampfstand und verteilt orange Windräder an Passanten. "Wir sind Interessenvertreter der Kommunen", sagt er. "Die CSU regiert nur von oben herab."

Der größte Erfolg der Freien Wähler im Wahlkampf bisher: Die Straßenausbaubeiträge wurden abgeschafft. Kommunen dürfen dem Bürger den neuen Straßenbelag vor der Haustüre nicht mehr in Rechnung stellen. Klingt sperrig und in Zeiten von Isolationismus, Handelskrieg, Rechtspopulismus und Autokratismus irgendwie kleinlich. Doch fast 200.000 Bayern hatten ein Volksbegehren der FW unterschrieben und die CSU so gezwungen, die Beiträge abzuschaffen.