Am Sonntagabend flogen auf der Wahlparty in München Konfettibomben, in Berlin verglich Grünenchefin Annalena Baerbock den Zustand der Partei mit einem "Teppich, der Salto fliegt". Den Grünen ist bei der Landtagswahl in Bayern ein historischer Sieg gelungen. Sie ziehen mit 17,5 Prozent in den Landtag ein. Damit konnten sie ihr Ergebnis im Vergleich zu 2013 verdoppeln.

Dass dies in einem traditionell konservativ geprägten Bundesland gelang, in dem die Grünen in den vergangenen 30 Jahren nie auf mehr als 9,4 Prozent gekommen waren, lässt die Glückshormone an diesem Tag in München und Berlin zusätzlich ins Blut schießen. "Wir sind die Wahlsieger schlechthin", sagt Fraktionschefin Katrin Göring-Eckhardt.

Die Grünen hätten, so analysiert eine euphorische Ex-Parteivorsitzende Claudia Roth, alle ihre Wahlziele erreicht. Sie werden nach der CSU künftig die mit Abstand zweitstärkste Fraktion im Landtag stellen und sie haben die Alleinherrschaft der CSU gebrochen. Die selbsternannte bayerische Staatspartei ist auf 37,2 Prozent abgesackt und muss sich nun nach einem Koalitionspartner umsehen.

Gründe für den Erfolg gibt es viele. Die Grünen hätten gezeigt, dass man mit Haltung Wahlen gewinnen könne, den Rechten hinterherzulaufen, zahle sich dagegen nicht aus, sagt Baerbock. Tatsächlich hatte sich die CSU in diesem Wahlkampf als bester Wahlhelfer der Grünen erwiesen. Mit ihrem scharfen Ton in der Flüchtlingspolitik und der Unnachgiebigkeit, mit der sie gleich zweimal die Regierung in Berlin gefährdete, hatte die CSU bürgerliche Wählerinnen und Wähler abgeschreckt. Das zeigte sich auch daran, dass der Aufstieg der Grünen und der Niedergang der CSU in den Umfragen beinahe zeitgleich im Frühsommer dieses Jahres eingesetzt hatten, als die Christsozialen sich in Berlin für die Zurückweisung von Flüchtlingen an der Grenze verkämpften.

"Wir sind jetzt die neue CSU"

Für viele CSU-Wähler, die den Rechtsruck der eigenen Partei ablehnten, wurden die Grünen offenbar zur Alternative. Das galt umso mehr, als die Grünen in Bayern längst einen Ton pflegen, der auch in bürgerlichen Kreisen ankommt. Das Spitzenduo Katharina Schulze und Ludwig Hartmann ist jung, engagiert und vertritt in vielen Fragen – beispielsweise auch der Inneren Sicherheit – einen pragmatischen Realokurs. Das zahlte sich aus: 59 Prozent alle Wählerinnen und Wähler wünschten sich einer Umfrage zufolge eine Regierungsbeteiligung der Grünen. Ein ebenso hoher Anteil fand die Haltung der Grünen in der Asylpolitik richtig. 56 Prozent sagten, die Grünen verteidigten Werte. "Wir sind jetzt die neue CSU", scherzte ein Parteimitglied auf der Wahlparty in Berlin, als diese Zahlen am Sonntagabend im Fernsehen zu sehen waren.

Auch äußerlich haben die Grünen sich längst der CSU-Klientel angenähert. Wenn Schulze gut gelaunt im Bierzelt auftrat, dann eigentlich immer im Dirndl. Dass Baerbock den bayerischen Spitzenkandidaten am Wahlabend kurzzeitig "Ludwig Erhard" nannte, war insofern ein bezeichnender Versprecher. Der bürgerliche Habitus der neuen Grünen hat sicher dazu beigetragen, dass am Ende 180.000 ehemalige CSU-Wähler ihr Kreuz bei ihnen machten. Gewonnen haben die Grünen außerdem nicht nur bei ihrer klassischen Großstadtklientel. Zwar konnte sie dort mit 16 Prozentpunkten am stärksten zulegen, doch auch in Mittelstädten (plus 9 Prozentpunkte) und in Landgemeinden (plus 7 Prozentpunkte) gewannen sie dazu.

Die Grünen profitierten zudem von der – vor allem auch bundespolitisch bedingten – Schwäche der SPD, die sich nicht als Alternative zur CSU präsentieren konnte. Sie wurde mit 9,2 Prozent – dem schwächsten Ergebnis ihrer Geschichte – abgestraft und verlor 210.000 Wählerinnen und Wähler an die Grünen.