Horst Seehofer kann es offenbar nicht erwarten, seine Sicht der Dinge mitzuteilen: Sieben Minuten zu früh beginnt er mit der Fehleranalyse zur verlorenen Landtagswahl. Der CSU-Chef erscheint überpünktlich in der Bundespressekonferenz, um vor Journalistinnen und Journalisten die Konsequenzen aus den desaströsen 37,2 Prozent vom Sonntagabend zu erläutern.

"Wer zweistellig verliert, kann nicht einfach so weitermachen", stellt Seehofer am Anfang fest. Was also tun? Seehofers Ablaufplan sieht so aus: erst mal sondieren, mit allen Parteien, außer mit der AfD. Dann, nach einer Telefonkonferenz mit dem Parteivorstand, sollen noch diese Woche Koalitionsverhandlungen starten. Wunschkandidat: die Freien Wähler. Bis Mitte November muss Bayerns neue Regierung stehen, so sieht es die Verfassung vor.

Bis dahin verbittet er sich Personaldebatten und Richtungsstreitigkeiten, er fordert Ruhe in der Partei. Erst danach will Seehofer über drei Themenfelder diskutieren. Erstens über das Programm: "Unsere Großstadtkompetenz herstellen und das Profil beim Thema Umwelt und Klima schärfen." Besonders in den urbanen Gebieten hatte die CSU an die Grünen verloren. Zweitens die strategische Ausrichtung der Partei. Und drittens: das Personal.

Sollte ein Parteitag kommen, würde es schwer für Seehofer

Zwar wollen viele in der Partei ihren Vorsitzenden loswerden und machen ihn mehr oder weniger offen für die Niederlage verantwortlich. Dennoch ist es gut möglich, dass ihm die Basis nun ein letztes Mal folgt. Auch der Parteivorstand, besonders Ministerpräsident Markus Söder, will so verfahren. Denn Seehofer, derart unter Druck, kommt seinen Kritikern ein gutes Stück entgegen: Er zeigt ihnen schon jetzt mehr oder weniger deutlich eine Möglichkeit auf, ihn abzuwählen – aber geordnet, nicht im Hauruckverfahren mit Personalchaos.

Seehofer sagt, er vermute, "dass wohl das beste Instrument, weil die Basis da am besten versammelt ist, ein Parteitag der CSU wäre". Darüber wird er mit den zehn Bezirksvorsitzenden der Partei beraten. Auch ein Zeitfenster gibt er vor: "Es macht keinen Sinn, einen Parteitag nach dem 15. Dezember zu halten, es sei denn, Sie wollen da alleine sitzen."

Ein Sonderparteitag wäre natürlich zunächst ein Forum, um über den Koalitionsvertrag zu beraten und vieles mehr. Ein neuer Parteichef muss laut Satzung erst nächsten Herbst gewählt werden. Es ist dennoch schwer vorstellbar, dass Seehofer so einen Parteitag noch in diesem Jahr unbeschadet überstehen würde.

Dreimal habe er seinen Rücktritt angeboten

Der Kreisverband Kronach verlangt schon jetzt nach einem Sonderparteitag – mit dem Ziel, Seehofer dort abzulösen. Auch der mächtige Bezirksverband Oberbayern ist für einen Parteitag, ohne allerdings gleich Seehofers Aus zu fordern. Selbst in der CSU-Landesgruppe im Bundestag sind nicht mehr alle gut auf ihren Parteichef zu sprechen. Deren Vorsitzender Alexander Dobrindt, seit seinen Tagen als Generalsekretär Seehofers loyaler Parteifreund, vermied es vor der Landtagswahl auffallend, sich allzu offensiv vor den Parteichef zu stellen. Woher sollte Seehofer also noch mal die Kraft nehmen, um auf offener Bühne um sein Amt an der Parteispitze zu kämpfen?

Seehofer weiß all das, deshalb stellt er in der Bundespressekonferenz klar: "Es wird ja immer so dargestellt, als würde ich an dem Amt klammern." Insgesamt dreimal in einem Jahr habe er seinen Rücktritt angeboten, betont er: einmal direkt nach der Bundestagswahl, einmal vor dem Parteitag letzten Dezember und einmal auf dem Höhepunkt des Asylstreits mit der CDU im Sommer. Ob sein Amt als Innenminister an den Parteivorsitz gebunden sei – die Nachfrage lässt Seehofer unbeantwortet.

"Durchaus Kritikwürdiges dabei gewesen"

So weit Seehofers personelle Aufarbeitung der Wahl. Inhaltlich macht Seehofer zwei Punkte in seinem Verantwortungskreis aus, die zum Wahldebakel geführt haben könnten. Etwa den Streit um Zurückweisungen von Flüchtlingen an der Grenze: Der Sache nach sei seine Position "nach wie vor richtig". Die Verantwortung für die Eskalation verteilt der Parteichef allerdings großzügig über seine Partei. Er habe im Einklang mit dem Präsidium, der Landesgruppe und der Landtagsfraktion gehandelt. Bleibt also noch der Stil, über den, findet Seehofer, müsse man als Politiker immer bereit sein, zu reden. Da sei "durchaus Kritikwürdiges dabei gewesen".

Bliebe noch die Affäre um den Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen. Die sei "völlig unnötig" gewesen, befindet Seehofer im Rückblick. Aber er sei es nicht gewesen, der den Streit befeuert habe, sondern die SPD.

Eine Aufarbeitung des Wahldebakels mit Seehofer an der Spitze dürfte wohl wenig tiefschürfend werden, so viel lässt der Innenminister schon mal vermuten. Die Frage ist nun, ob ihm seine Basis tatsächlich vergönnt, in den kommenden Monaten seinen Abgang selbst zu moderieren. Die vier Wochen Pause zur Regierungsfindung können kaum das ausschlaggebende Argument sein, das müsste Seehofer wissen: Schon nach der Landtagswahl von 2008 musste die CSU einen Koalitionspartner suchen und sägte ihr Spitzenduo Erwin Huber und Günther Beckstein in den vier Wochen der Regierungsbildung schnell ab. Der Profiteur damals hieß Horst Seehofer.