Die Krise war für den Präsidenten eigentlich schon vorbei: "Ich glaube, wir stehen kurz vor der Lösung eines großen Problems", sagte Donald Trump am Freitag zu Journalisten. Da hatte die saudische Regierung gerade den Tod des regimekritischen Journalisten Jamal Khashoggi eingeräumt. Dass das Königshaus den Tod als Unfall darstellte und eine Anordnung von oben abstritt – trotz widersprüchlicher Ergebnisse der amerikanischen Geheimdienste und türkischer Ermittler – schien den US-Präsidenten nicht zu irritieren.

Drei Wochen vor den wichtigen Kongresswahlen befindet sich Trump dennoch in der bislang vielleicht größten außenpolitischen Krise seiner Präsidentschaft. Während internationale Partner Saudi-Arabien angreifen, Unternehmen Geschäfte auf Eis gelegt und CEOs die Teilnahme an einer für Oktober geplanten Konferenz abgesagt haben, hält sich der US-Präsident aber weiter mit offener Kritik an Kronprinz Mohammed bin Salman zurück.

Die USA unterhalten seit Jahren enge wirtschaftliche Beziehungen mit Saudi-Arabien. Das Königshaus hat Milliarden von Dollar in zahlreiche Wirtschaftszweige investiert. Unter Trump ist das Land zu einem noch wichtigeren politischen Verbündeten geworden. Trumps Schwiegersohn Jared Kushner gilt als Vertrauter des saudischen Kronprinzen und ist persönlich mit der Pflege der Beziehungen betraut. Der Präsident hofft deshalb darauf, dass er die Krise aussitzen kann, ohne politischen Schaden zu nehmen und die Wähler im November zu verschrecken.

Doch der US-Kongress erhöht den Druck, Stellung zu beziehen. Am Samstag erklärten insgesamt 55 Abgeordnete beider Parteien, sie bereiteten ein gemeinsames Schreiben an den US-Geheimdienstchef vor, in dem sie Einblick in Berichte über interne Kommunikationen der Saudis verlangten. Sie wollten außerdem den Direktor der Geheimdienstbehörden um Stellungnahme zu der Frage bitten, ob die USA Khashoggi im Vorfeld seines Besuchs in der Botschaft gewarnt hätten. 

"Die Erklärung der Saudis stinkt zum Himmel"

"Die Erklärung der Saudis stinkt zum Himmel", sagte der Demokrat Mark Pocan aus dem US-Staat Wisconsin, einer der Initiatoren des Schreibens. "Wir haben die Befürchtung, dass wir immer noch nicht die Wahrheit erfahren." Peter T. King, republikanischer Abgeordneter aus New York und Mitglied im Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses, der den Brief unterstützt, sagte der New York Times: "Nichts an dieser Geschichte ergibt Sinn, außer der Tatsache, dass sie ihn umgebracht haben."

Selbst ein für Trump so wichtiger Verbündeter wie Lindsey Graham, republikanischer Senator aus South Carolina, wurde am Wochenende deutlich. Er sei von den Erklärungsversuchen der Saudis nicht überzeugt, schrieb Graham. "Zu sagen, dass ich skeptisch bin, ist eine Untertreibung." Graham galt im Senat als klarer Unterstützer guter Beziehungen zu Saudi-Arabien. Anfang vergangener Woche jedoch hatte der Republikaner mitgeteilt, er wolle die dortige Regierung angesichts des Falls Khashoggi mit Sanktionen "überziehen".

Bislang hat der Kongress keine eigenen Schritte angekündigt. Die Abgeordneten könnten aber Geschäfte mit Saudi-Arabien, wie geplante Waffenverkäufe, auch im Alleingang blockieren und sich damit gegen den Präsidenten stellen. Vielleicht noch wichtiger: Die Forderungen aus dem Kongress sorgen nur wenige Wochen vor den Wahlen einmal mehr für offene Spannungen zwischen Trump und seiner Partei. Das dürfte gemeinsame Wahlkampfauftritte erschweren und könnte Kandidaten zwingen, dem Präsidenten öffentlich zu widersprechen, dessen Wahlempfehlung vielerorts noch immer den Ausschlag geben kann.

Doch Trump weiß um den wachsenden Druck und bleibt bei seinen Äußerungen nicht ohne Grund vage, um sich eine Kehrtwende offen zu halten. "Ganz offensichtlich gab es Täuschung, und ganz offensichtlich gab es Lügen", hatte der Präsident am Samstag in einem seltenen Telefoninterview mit der Washington Post gesagt. Die Erklärungen der saudischen Regierung gingen "in alle Richtungen". Im selben Interview verteidigte Trump Saudi-Arabien als "unglaublichen Alliierten" und sagte erneut, es sei durchaus möglich, dass der Kronprinz von der Operation nichts gewusst habe. "Niemand hat mir gesagt, dass er verantwortlich ist, niemand hat mir gesagt, dass er nicht verantwortlich ist. Ich fände es toll, wenn er nicht verantwortlich ist." Dass nun das saudische Königshaus der Familie Khashoggi ihr Beileid ausgesprochen hat, könnte Trump dafür als weiteren Beleg werten.