Der Parteienforscher Heinrich Oberreuter war von 1993 bis 2011 Direktor der Aka­demie für Politische Bildung im bayerischen Tutzing. Bis zu seiner Emeritierung 2010 war er zugleich Ordi­na­rius für Politik­wis­senschaft an der Universität Pas­sau.

ZEIT ONLINE: Herr Oberreuter, der CSU-Ehrenvorsitzende und frühere Ministerpräsident Edmund Stoiber macht die nach Bayern Zugezogenen für den Niedergang der CSU verantwortlich. Er sagt: "Aus allen Teilen Deutschlands sind in den letzten zehn Jahren mehr als eine Million Menschen zu uns gekommen. Und nicht jeder von ihnen kann wissen, welchen großen Anteil die CSU am Erfolg Bayerns hat." Er suggeriert, dass Neu-Bayern nicht die CSU wählen. Wie plausibel ist das?

Heinrich Oberreuter: Wenig plausibel. Die Zugezogenen kamen stets hoch motiviert mit der Aussicht auf gute Arbeitsplätze nach Bayern. Sie machten sich das bayerische Wohlfühlgefühl zu eigen und wussten auch ziemlich genau, dass das auch auf das Wirken der CSU-Landesregierung zurückzuführen ist.

ZEIT ONLINE: Was sind dann die Gründe für den absehbaren Stimmverlust der CSU?

Oberreuter: Der Wertewandel macht auch vor Bayern nicht Halt. Die Gesellschaft ist egozentrischer, pluralistischer und säkularisierter geworden. Es gibt sehr unterschiedliche Lebensstile, die sich auch in unterschiedlichen Wahlentscheidungen zeigen. Erklärungsmuster wie Arbeiter versus Angestellte, Katholiken versus Protestanten oder männlich versus weiblich, mit denen die Wahlforschung häufig noch arbeitet, sind nicht mehr so aussagekräftig.

ZEIT ONLINE: Also an Stoibers Million liegt es nicht?

Oberreuter: An der einen Million Zugezogenen allein liegt es nicht. Diese Menschen sind Teil eines gesamtgesellschaftlichen Wandels, der Übermachtpositionen von Großparteien grundsätzlich infrage stellt. Diese Erosion der Volksparteien beobachte ich seit mehr als zehn Jahren. Dass die SPD auf Bundesebene um die 20 Prozent kämpfen muss und die Union an die 30-Prozent-Grenze stößt, überrascht mich daher nicht.

ZEIT ONLINE: Doch in Bayern lag die CSU im Frühsommer in Umfragen noch bei über 40 Prozent ...

Oberreuter: Das stimmt. Die CSU ist wegen ihrer regionalen Verankerung ein Sonderfall. Doch dann kamen die internen Streitigkeiten und Zuspitzungen in der Flüchtlingspolitik mit der Kanzlerin und der CDU in Berlin sowie taktische Wendemanöver und Schuldzuweisungen für den Abwärtstrend in München hinzu. Ohne dies hätte die Partei bei dieser Landtagswahl vielleicht noch einmal um die 40 Prozent plus ein kleines x erreichen können. Doch auf längere Sicht hätte die CSU ihre einzigartige Position in der Wählerschaft ohnehin nicht halten können.