Thomas Gschwend, Marcel Neunhoeffer und Thomas König arbeiten am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES). Die Politikwissenschaftler haben sich die jüngsten Umfragen zur Landtagswahl in Bayern zur Grundlage genommen, um die Effekte des Wahlrechts aufzuzeigen.

Die Alleinregierung der CSU in Bayern wird am Sonntag beendet, eine Koalition aus CSU und Grünen scheint unausweichlich. Das suggerieren die jüngsten Umfragen führender Meinungsforschungsinstitute vor der Landtagswahl. Doch die Ergebnisse vernachlässigen einen wichtigen Aspekt: den Unterschied zwischen Stimmenmehrheit und der anschließenden Sitzverteilung im Münchner Landtag, der sich aus dem bayerischen Wahlrecht ergibt. Wird dieser mitberücksichtigt, werden andere CSU-geführte Konstellationen abseits von einem schwarz-grünen Bündnis deutlich wahrscheinlicher. Weiter ist zu erwarten, dass sich der Landtag in der nächsten Legislaturperiode deutlich vergrößern wird.

Diese Erkenntnisse ergeben sich aus einer Methode, die dem bei Bundestagswahlen erfolgreichen Wahlkreisprognosemodell von zweitstimme.org ähnelt und mögliche Wahlergebnisse simuliert. Zwei Aspekte verdienen dabei besondere Aufmerksamkeit: zum einen die Effekte der Fünfprozenthürde, zum anderen die besondere Verrechnung bayerischer Überhang- und Ausgleichsmandate.

Eine Koalition unter Führung der CSU könnte schon mit deutlich weniger als 50 Prozent der Stimmen eine Sitzmehrheit im Landtag erreichen, wenn mehrere Parteien an der seit 1974 gültigen Fünfprozenthürde scheitern würden. Nach derzeitigem Stand der Umfragen könnten FDP und Linke den Einzug in den Landtag verpassen, beide Parteien sind auch im Moment nicht im bayerischen Landtag vertreten.

Das bayerische Wahlrecht hat zweitens eine Besonderheit parat, die die CSU begünstigt. Laut Umfragen wird die Partei von Ministerpräsident Markus Söder eine relative Stimmenmehrheit erzielen und deshalb voraussichtlich mehr Direktmandate in den 91 Stimmkreisen gewinnen, als ihr Sitze im Landtag gemäß ihrem voraussichtlichen Anteil an den Gesamtstimmen (Summe aus Erst- und Zweitstimmen) zustehen. Für diese sogenannten Überhangmandate, erhalten die übrigen Parteien zwar entsprechende Ausgleichsmandate. Jedoch findet dieser Ausgleich in Bayern nicht – wie in vielen anderen Bundesländern üblich – auf Landesebene, sondern auf Ebene von sieben regionalen Wahlkreisen statt, die mit den Regierungsbezirken, Oberbayern, Niederbayern, Oberpfalz, Oberfranken, Mittelfranken, Unterfranken und Schwaben identisch sind.

Unter Berücksichtigung möglicher Stimmenverteilungen geht aus unseren Analysen hervor, dass durch diesen Ausgleich auf regionaler Wahlkreisebene andere Parteien benachteiligt werden. Sie erhalten durchschnittlich vier Ausgleichsmandate weniger, als es bei einem Ausgleich auf Landesebene der Fall wäre.

All dies begünstigt, dass der Sitzanteil der CSU im Landtag größer wird. Auch insgesamt wird der neue Landtag nach derzeitigem Stand der Umfragen im Durchschnitt um 27, auf 207 Sitze anwachsen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Wahl am kommenden Sonntag zum größten Landtag in der Geschichte des Freistaates führen wird (der bislang größte hatte 204 Sitze), liegt bei knapp 55 Prozent.