Auf einem Hügel westlich von Beerfelden im Odenwald steht seit 1597 der größte Galgen der Bundesrepublik. Drei Leute gleichzeitig konnten hier hingerichtet werden, und man sah sie bis weit übers Land. Die hessische Verfassung ist die einzige, die bis zum heutigen Tag eine Todesstrafe kennt. Keine Landesregierung hat sich je an die Abschaffung des Paragrafen gewagt.

Am kommenden Sonntag wählen die Hessen nicht nur eine neue Regierung, von der das Überleben der großen Koalition in Berlin und die Zukunft der Kanzlerin abhängt. Erstmals können die Hessen auch in einer Volksabstimmung entscheiden, ob sie die – natürlich nie vollstreckte – Todesstrafe aus der Verfassung streichen wollen.

Galgen und Todesstrafe passen gut zur Unversöhnlichkeit, mit der man in Hessen über lange Zeit hinweg miteinander stritt. In keinem anderen Bundesland haben sich die politischen Lager der alten Bundesrepublik so hitzig bekriegt wie hier. Hessen hatte die längste Zonengrenze mit der DDR, die größte amerikanische Truppenpräsenz. Alle Konflikte, die Westdeutschland prägten, wurden hier ein bisschen schärfer und härter ausgetragen als anderswo.

Radikalität auf beiden Seiten

Das gilt vor allem für den Umgang mit der Schoah: Der erste große Auschwitz-Prozess fand, gegen den erbitterten Widerstand aus Justiz und Gesellschaft, 1963 in Frankfurt statt. Frankfurt war das Zentrum der Remigration jüdischer Intellektueller wie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die vor den Nazis in die USA geflohen waren. In Frankfurt begann der Terror der Roten Armee Fraktion, 1968 mit einem Kaufhausbrand in Frankfurt. Hier lieferten sich Joschka Fischers "Putztruppen" später Straßenschlachten mit der Polizei.

Auch das rechte Lager hatte im traditionell roten Hessen eine besondere Radikalität. Man muss nur "Fulda" sagen, und schon steht CDU-Veteranen das Trio aus dem mehrfach verwundeten ehemaligen Wehrmachtssoldaten Alfred Dregger (Parteichef), dem Heimatvertriebenen und DDR-Flüchtling Manfred Kanther (Generalsekretär) und dem Sprössling aus uraltem Adelsgeschlecht, Casimir Johannes Prinz zu Sayn-Wittgenstein (Schatzmeister), vor Augen. Sie standen – offiziell – für Law and Order. Doch gemeinsam legten Kanther und der Prinz geheime Kassen gegen den Sozialismus an. Um sie zu füllen, schafften sie 20 Millionen Mark aus angeblichen jüdischen Vermächtnissen in Koffern ins Ausland: Das war die Schwarzgeldaffäre der CDU.

Aus Fulda stammt der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann, der wegen einer antisemitischen Rede 2003 von der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel aus der Partei ausgeschlossen wurde. Martin Hohmann sitzt heute wieder im Bundestag – für die AfD, die in Hessen gegründet wurde.

Wallmanns Wende

Fragt man in der hessischen CDU herum, wie die Partei aus der Bunkermentalität jener Jahre herausgefunden hat, fällt immer wieder der Name Walter Wallmann. Es war seine Laudatio auf den Philosophen Jürgen Habermas, die 1980 erstmalig das Eis brach. In ihr wandte sich Wallmann gegen die Behauptung des Fuldaer CDU-Flügels, die Thesen der Frankfurter Schule hätten in den RAF-Terror geführt. Autor der Laudatio war ein gewisser Alexander Gauland, damals Wallmanns Staatssekretär. Könnte es sein, dass ausgerechnet Alexander Gauland in Hessen die Liberalisierung in Gang gesetzt hat, die er heute als AfD-Vorsitzender mit Stumpf und Stiel ausrotten will?

Zwar kam später noch einmal ein Rückfall in die alten Zeiten, als Roland Koch für die CDU in den Wahlkampf zog. Koch, hessischer Ministerpräsident von 1999 bis 2010, führte 1999 erfolgreich eine Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft der damaligen rot-grünen Bundesregierung. 2008 bezeichnete er seine Gegner als "Kommunisten". Doch die von Wallmann eingeleitete Öffnung machte das nicht mehr rückgängig. 

Wenn man umgekehrt Joschka Fischer nach dem Schlüsselerlebnis fragt, das zum Bruch mit der Radikalisierung führte, nennt er immer wieder die Flugzeugentführung der Air-France-Maschine 1976, bei der linke Terrorkommandos jüdische von nicht jüdischen Passagieren trennten. "Dieser Weg musste beendet werden", da war Fischer sicher. Dass er es öffentlich gesagt hat, das gefiel damals nicht jedem – eine Situation, die dem späteren Außenminister zum Déjà-vu werden sollte.

Gerade weil so viele Irrwege so begeistert beschritten wurden, ist Hessen immer wieder auch als politisches Labor gut gewesen, in dem es stinkt und blitzt und knallt. Der SPD-Landesvater Holger Börner wollte die Grünen noch "mit der Dachlatte erledigen", bevor er dann 1985 die erste gemeinsame Regierung mit ihnen bildete.