"Sie sehen viel schlanker aus als im Fernsehen", sagt eine Frau zu Thorsten Schäfer-Gümbel. "Ach wirklich"? Der Spitzenkandidat der hessischen SPD steht in der neu renovierten Frankfurter Altstadt und freut sich: "Das haben heute schon mehrere zu mir gesagt."

Der 48-Jährige dreifache Familienvater aus Gießen tritt bei der feierlichen Eröffnung der Altstadt im Normalo-Dress auf: Er hat eine winddichte schwarze Funktionsjacke über die dunkelblauen Anzughose gezogen. Es ist herbstlich kühl draußen an diesem Samstag Ende September. Wenige Wochen vor der Landtagswahl plagt den Kandidaten die typische Wahlkämpfer-Erkältung, bedingt durch wenig Schlaf und viel Draußenrumstehen. "Da ist der von der SPD", raunen sich Passanten zu.

Der Fall Schäfer-Gümbel zeigt: Auch mit Durchhalten kann man eine gewisse Prominenz erlangen. Schäfer-Gümbel ist seit zehn Jahren Landesvorsitzender seiner Partei und somit das tapfere Gesicht der bisher so erfolglosen hessischen Sozialdemokratie. Von jener SPD, die in der Wiesbadener Staatskanzlei seit 19 Jahren keinen Regierungschef mehr gestellt hat.

Kommt die Stunde der SPD?

Zweimal war Schäfer-Gümbel schon Spitzenkandidat seiner SPD Hessen, zweimal hat er gegen die CDU verloren. Das soll sich ändern bei der Landtagswahl am 28. Oktober. Zwar liegt er in allen Umfragen verlässlich hinter der CDU und ihrem Ministerpräsidenten Volker Bouffier: 29 Prozent für die CDU, 23 Prozent für die SPD sagte eine letzte Erhebung. Die Zahlen bestätigen auch, dass beide Parteien deutlich schlechter abschneiden werden als noch bei der letzten Wahl 2013. Die Mehrheit der schwarz-grünen Landesregierung könnte dahin sein und das, obwohl die Grünen so stark sind wie noch nie.

Schäfer-Gümbel glaubt, das könnte die Stunde der SPD werden. Es gebe die beste Möglichkeit für eine Aufholjagd und am Ende ein Überraschungsmoment, sagen die Unermüdlichen in der Partei. Rund 50 Prozent der Hessinnen und Hessen sind Umfragen zufolge noch unentschieden, wen sie wählen wollen. Vielleicht könnte es auch knapp für einen Machtwechsel reichen: Dafür müsste die SPD allerdings mit den Grünen und den Linken paktieren. Andere Genossen hoffen auf eine Mehrheit für eine Ampelkoalition. Oder aber Volker Bouffier holt die FDP für eine Jamaika-Koalition in sein schwarz-grünes Bündnis. Rein rechnerisch die sicherste Option ist aber, dass die SPD Juniorpartner unter der CDU wird.

Angesichts der schlechten Stimmung in der in eine große Koalition gezwängten Bundes-SPD gilt es da, cool zu bleiben. Das haben die Genossinnen vor Ort auch den eigenen Wahlkämpfern gesagt, die nach der Affäre um Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen protestierten, bei dem Schauspiel in Berlin bräuchten sie in Hessen keine Plakate mehr für die eigene Partei aufzuhängen.

Die SPD will innovativ sein

Im Vergleich mit der SPD im Bayern-Wahlkampf hat es die Landespartei trotzdem noch gut. Mit Umfragewerten über 20 Prozent liegt die Hessen-SPD deutlich über dem Bundesschnitt. Vielleicht, weil sie eben schon so lange in der Opposition ist. Aber auch, weil CDU-Ministerpräsident Volker Bouffier im Wahlkampf wenig Ideen vorbringt, sondern nur daran erinnert, dass alles so bleiben soll, wie es ist.

In seinem Wahlkampf setzt Thorsten Schäfer-Gümbel wenig auf "soziale Gerechtigkeit", weil das in der SPD ja ein heikler Begriff geworden ist, sondern vielmehr auf gefahrlosere Themen: "Bildung, Wohnen, Mobilität" – zu hohe Mieten und zu wenig Lehrer und den vielen Stau im Pendlerland Hessen. Auf Kilometer heruntergerechnet reiche der Stau in Hessen "dreimal um den Planeten", behauptet der Sozialdemokrat. Um dem Vorwurf zu begegnen, die SPD wolle nur Geld ausgeben und habe kein Gefühl für Finanzen, hat er den Vorstandsvorsitzenden der Frankfurter Sparkasse, Robert Restani, in sein Schattenkabinett aufgenommen. Bildungsminister soll der bisherige Rektor einer Schule werden. "Unsere Kampagne stand schon, als die SPD-Bundestagswahlkampagne 2017 noch gar nicht beschlossen war", sagt Schäfer-Gümbel mit einigem Stolz.

Die SPD will innovativer wirken als die Hessen-CDU. Deshalb ist Schäfer-Gümbel in der Frankfurter Altstadt auch mit Bäppi La Belle unterwegs. "Bäppi", wie ihn die Frankfurter nennen, ist eine Lokalprominenz und ein künstlerisches Multitalent: Schauspieler, Travestiekünstler und auch Stadtführer. Praktischerweise ist Bäppi auch überzeugtes SPD-Mitglied: Im knallgrünen Kleid führt der 56-Jährige nun Schäfer-Gümbel durch die frisch renovierten Gassen, macht Witzchen über sein Übergewicht und hat für jedes Haus eine Anekdote auf Hessisch parat. Wenn Passanten stehen bleiben und ein Selfie von dem Schauspieler wollen, zieht er immer auch Schäfer-Gümbel auf das Foto: "Mit unserem nächsten Ministerpräsidenten."