Am heftigsten beklatscht die CSU-Basis zur Begrüßung einen Mann, der gar nicht zur Wahl steht: Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz ist extra aus Wien nach München gekommen. Er hat sich zwischen CSU-Chef Horst Seehofer und den Bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder gesetzt und auf die Fragen von Reporterinnen und Reportern aus aller Welt geantwortet. Dann ist er mit den beiden in den voll besetzten Löwenbräukeller getrabt, hinter einer Blaskapelle in Filzhüten mit Federschmuck. Jetzt sitzt er zwischen Maßkrügen, weiß-blau karierten Tischdecken und Fähnchen in der ersten Reihe und lässt sich von CSU-Generalsekretär Markus Blume und Hunderten Christsozialen bejubeln.

Vor Monaten, am Anfang des Landtagswahlkampfes, als der neu gewählte Ministerpräsident Söder noch auf der Suche nach dem richtigen Ton und der richtigen Ansprache war – und dabei selten eine Provokation Richtung Berlin, Schwesterpartei und Koalitionspartner ausließ, da also hatte Markus Söder gesagt: Zu meinem Wahlkampf kommt ein Bundeskanzler, keine Bundeskanzlerin. 

Söders Wendungen

Jetzt ist Sebastian Kurz da. Weil der von sich selbst behauptet, die Balkanroute gegen den Willen der deutschen Bundeskanzlerin geschlossen zu haben, ist er der Kanzler vieler CSU-Herzen. Söder hat mit der demonstrativen Einladung Wort und Linie gehalten, könnte man meinen. Treffender wäre allerdings, zu sagen: Söder hat sich so oft um die eigene Achse gedreht, dass er am Ende wieder da stand, wo er angefangen hatte. 

Denn zwischen dem Ausgangspunkt und dem Wahlkampffinale im Münchner Löwenbräukeller lag der Asylstreit zwischen CDU und CSU, den Söder lange mit befeuert hatte. Um dann in letzter Sekunde einzulenken, sich maximal von allem Koalitionskrach in Berlin zu distanzieren und fortan nach Milde zu streben. In der Zeit kam dann sogar Angela Merkel nach Bayern. Söder symbolisierte Schulterschluss. Drei Mal sogar war die CDU-Chefin im Freistaat unterwegs, wie er selbst betont. Zum Abschluss am Freitagabend dann doch wieder ein Bundeskanzler. Es kann einem manchmal schon schwindelig werden.

Kurz gelingt dann spielend, was Merkel auch in vier weiteren Amtszeiten nicht mehr schaffen würde: Nach wenigen Minuten hat der Österreicher Kurz den Biersaal auf seiner Seite. Auch weil er als Außenstehender Dinge sagen kann, die sich die CSU-Oberen verkneifen müssten. Weil natürlich jedes konservative Aufwallen auf Kanzlerinnenkompatibilität hin abgeklopft werden würde – und schnell zum nächsten CSU-CDU-Zwist führen könnte.

Und so hebt Kurz als Vorprogramm erst mal die Stimmung mit Aussagen wie: "Vieles, wofür wir 2015 verteufelt wurden, ist heute Common Sense in der EU." Er wolle ein geeintes Europa und keines, in dem sich der Norden über den Süden und der Westen über den Osten erhebe. "Wenn Bayern ein eigener Staat wäre", den Satz muss er für einen Moment unterbrechen, weil es spontan Zwischenapplaus gibt, "dann wäre Bayern Österreichs zweitwichtigster Handelspartner."

Nach knapp 20 Minuten hat der Saal Betriebstemperatur, Kurz klettert von der Bühne, Söder übernimmt. Er bedankt sich, Kurz zeige, dass man als "moderner Konservativer" noch Wahlen gewinnen könne. Da schwingt ein bisschen mit, dass sich Söder selbst für einen von diesem Schlag hält – wobei, Söder neben dem stets gut gescheitelten Kurz im engen blauen Anzug, oberster Hemdknopf offen, schon etwas Väterliches hat.

Dass Söder Kurz so weit für vorbildlich hält, dass er ihm einen der wichtigsten Redeplätze im Wahlkampf überlässt, ist dann auch wieder eine dieser Wendungen und Widersprüche. Auf den letzten Metern im Wahlkampf hat Söder nämlich vor wenigen Wochen seine Strategie angepasst: Statt der AfD nachzuplappern, bekämpft er sie jetzt mit scharfen Worten. "Solche Leute haben im Bayerischen Landtag nichts zu suchen", sagt er auch im Löwenbräukeller und bekommt dafür großen Applaus.

Dass sein umjubelter Stargast daheim in Wien gemeinsam mit Rechtspopulisten vom selben Schlag eine Koalition geschmiedet hat, ficht ihn nicht an. Auch Kurz gibt sich vor der Veranstaltung gegenüber der Presse Mühe, möglichst viel Distanz zwischen sich, die FPÖ und die AfD zu bringen. Parteiensysteme seien verschieden, Parteien nicht eins zu eins vergleichbar, und überhaupt habe es keine andere Koalitionsoption gegeben, sagt Kurz.