CDU-Chefin und Bundeskanzlerin Angela Merkel verzichtet auf eine erneute Kandidatur als Parteichefin. Drei Spitzenpolitiker erklärten, sich für ihr Amt zu bewerben, das beim Parteitag im Dezember vergeben wird.

Wer ist Friedrich Merz?

Friedrich Merz © Bernd von Jutrczenka/dpa


Friedrich Merz, heute 62 Jahre alt, hatte seine politische Karriere eigentlich schon beendet. Von 1994 bis 2009 war er Bundestagsabgeordneter, von 1998 bis 2000 erst stellvertretender Fraktionschef der Union, schließlich bis 2002 deren Vorsitzender. Ein klassischer Aufstieg – bis ihm Angela Merkel in die Quere kam. Die beanspruchte als Parteivorsitzende auch den Fraktionsvorsitz für sich. Merz blieb wieder nur das Amt des Vize. Davon trat er 2004 zurück. Drei Jahre später kündigte er an, sich aus der Politik zurückzuziehen – wegen "parteiinterner Differenzen". Stattdessen machte er als Rechtsanwalt in der Wirtschaft Karriere, er gehört inzwischen mehreren Aufsichtsräten an.

Wofür steht er in der CDU? Wirtschaftsliberal und wertkonservativ – das sind die Attribute, mit denen Merz’ Positionen häufig beschrieben werden. Berühmt ist sein Vorschlag, das Steuerrecht so radikal zu vereinfachen, dass die Steuererklärung auf einen Bierdeckel passe. Merz gilt zudem als Urheber des Begriffs der "deutschen Leitkultur". Er sprach sich gegen die doppelte Staatsbürgerschaft aus, wie 2016 auch ein CDU-Bundesparteitag. Merz kritisierte traditionelle muslimische Bräuche und forderte, Zuwanderer müssten "unsere Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten akzeptieren".

Sein Verhältnis zu Merkel? Merkel und Merz waren politische Rivalen. Merz würde als Gegenpol zu Merkel kandidieren und nicht als ihr Vertrauter. Würde er gewählt, wäre das für ihn eine Genugtuung: ein später Sieg über Merkel. Schon jetzt hat er etwas Erstaunliches geschafft: Nach Merkels Rücktritt war sofort sein Name im Gespräch – und nicht zunächst der Kramp-Karrenbauers. Ein Hinweis darauf, dass Merz nur auf seine nächste Chance gewartet hat?

Sein Rückhalt in der Partei? In der Partei ist er immer noch hoch angesehen, vor allem im wirtschaftsnahen Flügel. Mit Merz würde die CDU personell an Vor-Merkel-Zeiten anknüpfen. Reizvoll für alle, die von der Kanzlerin enttäuscht sind. Auf der anderen Seite werden Merkel-Treue wohl kaum für ihren alten Rivalen stimmen. Ähnlich wie Spahn wäre eine Wahl für Merz ein finaler Bruch mit der Ära Merkel, eine Rückabwicklung der Kanzlerschaft.

Hat er sich schon zur Nachfolge geäußert? Obwohl sein Name sofort die Runde machte, als Merkels Ankündigung durchsickerte, ließ sich Merz einen Tag Zeit, bevor er sich selbst äußerte. "Wir brauchen in der Union Aufbruch und Erneuerung mit erfahrenen und mit jüngeren Führungspersönlichkeiten", begründete er dann seine Kandidatur.

Was Sie sonst über ihn wissen sollten? "Ich habe andere Koordinaten als nur politische Ämter", sagte Merz, als er seinen Rückzug aus der Politik ankündigte.

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Wer ist Jens Spahn?

Jens Spahn © Roland Weihrauch/dpa

Der 38-jährige Münsterländer ist einer der Jüngeren in der CDU. Mit 22 Jahren kam der gelernte Bankkaufmann in den Bundestag, unter Minister Wolfgang Schäuble war er Staatssekretär im Finanzministerium. Spahn ist bekennender Katholik, trotz der ablehnenden Haltung der katholischen Kirche zur Homosexualität. Als Jugendlicher habe er als Ministrant gelernt, mit öffentlicher Aufmerksamkeit umzugehen, sagte er der ZEIT. Mitunter erzeugt er sie gezielt selbst, etwa als er sagte, dass auch ohne Tafeln in Deutschland keiner hungern müsse. Oder: Wer Hartz IV beziehe, sei nicht zwangsläufig arm. Bei Wählern und Wählerinnen blieb nach solchen Provokationen hängen: Eine konservative Straffung der CDU würde von Spahn ausgehen, nicht aber von Merkel.

Wofür steht er in der CDU? Für eine Kursänderung. Das Präsidiumsmitglied Spahn hat sich als zentraler Vertreter des konservativen Gegenpols zu Merkel profiliert. "Ich orientiere mich an Ritual und Tradition", sagt er. Der Islam gehört für ihn – anders als für Merkel – nicht zu Deutschland. Im Frühjahr unterstützte Spahn ein Strategiepapier der CDU-Konservativen, das "Konservative Manifest", das ein Ende des Mitte-links-Kurses von Merkel forderte und unter anderem für die Wehrpflicht eintritt. Ob die tatsächlich zurückkäme, sollte Spahn die Partei führen, ist wenig wahrscheinlich. Doch er wirbt dafür, konservative Ziele auch ohne Scheu vor der AfD zu verfolgen.   

Spahns politisches Verhältnis zu Merkel ist entsprechend distanziert. In den Parteivorstand schaffte er es gegen ihren Willen. Dort, und auch als Gesundheitsminister, verdrängte er den Merkel-Vertrauten Hermann Gröhe. Im Zuge der Koalitionsverhandlungen 2017 soll Merkel sich in kleinem Kreis über seinen angeblichen Profilierungsdrang beschwert haben. Sie berief ihn ins Kabinett, um einen Kritiker zu disziplinieren. Doch ohne Wirkung: Als Gesundheitsminister gab Spahn Interviews zu diversen konservativen Themen, aber kaum zur Gesundheitspolitik.

Sein Rückhalt in der Partei ist nicht nur in Zirkeln wie der Senioren-Union groß. Jene Teile der Partei, die während Merkels Amtszeit ihre Hoffnung auf ein konservativeres Profil der CDU aufgegeben hatten, dürften jetzt neue Hoffnung schöpfen und entsprechend für Spahn mobilisieren.

Hat er sich schon zur Nachfolge geäußert? Nach seinem Talent als Führungsfigur nach Merkel befragt sagte er im Mai 2017: "Das ist eine doofe Frage." Nachdem Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer nun ankündigte, sich zur Wahl zu stellen, erklärte auch Spahn seine Bereitschaft.

Was Sie sonst noch über ihn wissen sollten? Als Discotänzer hält sich Spahn für ein Talent: Er gibt sich neun von zehn Punkten. Und auf Radtouren trägt er einen Fahrradhelm.


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Wer ist Annegret Kramp-Karrenbauer?

Annegret Kramp-Karrenbauer © Ralph Orlowski/Reuters


Annegret Kramp-Karrenbauer ist Merkels Wunschkandidatin. Die 56-Jährige machte im Saarland Karriere. Die Politikwissenschaftlerin war dort 12 Jahre lang Ministerin, zunächst für Inneres, dann für Bildung, später für Arbeit und Familie. CDU-Politiker erinnern sich an sie als Allroundtalent, das sich durch seine ruhige, aber bestimmte Art in der männerdominierten Partei bundesweit schnell Respekt erarbeitete. 2011 rückte Kramp-Karrenbauer zur Ministerpräsidentin auf, regierte zunächst in einer Jamaika-Koalition, dann gemeinsam mit der SPD. 2017 wurde der "Schulz-Zug" im Saarland gestoppt, als die CDU mit aus heutiger Sicht sensationellen 40,7 Prozent wiedergewählt wurde. Im Februar 2018 wechselte sie als Generalsekretärin nach Berlin, um sich als mögliche Nachfolgerin der Kanzlerin in Stellung zu bringen.

Wofür steht sie in der CDU?  Kramp-Karrenbauer soll Merkels liberales Erbe bewahren. Sie lebt selbst ein modernes Familienbild: Ihr Mann zog die drei Kinder groß, während sie Karriere machte. In der CDU ist sie aber auch beliebt, weil sie nicht so einfach einem Lager zuzuordnen ist. Sozialpolitisch gilt Kramp-Karrenbauer als eher links, gesellschaftspolitisch als eher konservativ: Sie fordert für junge Menschen ein verpflichtendes Jahr im Dienst der Gesellschaft, sie äußerte sich skeptisch zur Ehe für alle und stellte zuletzt die doppelte Staatsbürgerschaft für in Deutschland lebende Türkinnen und Türken infrage. In der Flüchtlingspolitik stützt sie Merkels Linie bisher.

Ihr Verhältnis zu Merkel? Die beiden verstehen sich sehr gut und stimmen sich eng ab. Merkel sagte einmal über Kramp-Karrenbauer, es habe sie "berührt", dass die Saarländerin einen Ministerinnenjob abgelehnt habe, um in einer schwierigen Zeit für die CDU Generalsekretärin zu werden – ein Job, der rangniedriger angesiedelt ist. Merkel hat sie nach Berlin geholt, um sie zu fördern.

Ihr Rückhalt in der Partei? Kramp-Karrenbauer hat die vergangenen Monate genutzt, um sich in den CDU-Kreisverbänden im ganzen Land vorzustellen. Ob mächtige Landesverbände wie Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg vollends hinter ihr stehen, ist aber nicht klar.

Hat sie sich schon zur Nachfolge geäußert? Sie hat in der Vorstandssitzung der CDU angekündigt, sich zur Wahl zu stellen.

Was Sie sonst über sie wissen sollten? Kramp-Karrenbauer ist eine Karnevalistin und kennt dabei keine Hemmungen: Im Saarland trat sie jedes Jahr als "Putzfrau Gretel" in Lumpenklamotten auf und schimpfte im Dialekt über die aktuelle Politik.

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