Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann hat die SPD angesichts ihrer Krise aufgerufen, ihr linkes Profil zu schärfen und einen Mindestlohn von zwölf Euro pro Stunde gefordert. Er halte das für angemessen, sagte der ehemalige SPD-Fraktionschef im Bundestag der Deutschen Presse-Agentur. Es gebe einen Niedriglohnsektor, "in dem die Menschen extrem hart arbeiten, aber mit dem Netto nicht zufrieden sein können". Derzeit liegt der Mindestlohn bei 8,84 Euro.

Zudem forderte Oppermann gleiche Löhne in Ost und West. "Wieso gibt es nach fast 30 Jahren deutscher Einheit immer noch ein Lohngefälle zwischen Ost- und Westdeutschland?" Natürlich seien dafür die Tarifparteien zuständig. "Aber viele Menschen fühlen sich in ihrer Lebensleistung abgewertet. Wir müssen die Lohnlücke schließen", so Oppermann.

Die Partei dringe derzeit mit eigenen Themen  nicht durch, sagte Oppermann. Das sei einer der Gründe für den SPD-Absturz auf 14 Prozent in Umfragen. "Wenn ein Jahr lang die Flüchtlings- und Migrationspolitik das absolut beherrschende Thema ist, darf man sich nicht wundern, wenn die Volksparteien katastrophal abschneiden." Von einer Polarisierung in der Politik profitierten auf der einen Seite die AfD und auf der anderen Seite die Grünen.

Oppermann lehnte Vorschläge ab, die SPD solle künftig nicht mehr versuchen, eine Politik für alle Interessengruppen anzubieten. "Die Volksparteien bedienen im Gegensatz zu populistischen Parteien das ganze Spektrum der Politik und bieten Antworten auf alle Fragen, die für die Bürgerinnen und Bürger wichtig sind: Rente, Lohnentwicklung, Bildung, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, schnelles Internet, moderne Verkehrswege, aber auch, wie wir uns vor den negativen Auswirkungen von Globalisierung und Digitalisierung schützen."

Die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles hatte sich bereits im September dafür ausgesprochen, den Mindestlohn zu erhöhen. Nach Empfehlung der Mindestlohnkommission soll der Satz im kommenden Jahr auf 9,19 Euro und ab 2020 auf 9,35 Euro pro Stunde steigen. Andrea Nahles hält das für zu gering und zeigte sich ebenfalls offen dafür, den Mindestlohn auf bis zu zwölf Euro anzuheben.