Die Liste der Bundesländer, in denen die SPD eine schwere Niederlage verkraften muss, ist um eine Position länger: Bei der Landtagswahl in Hessen verloren die Sozialdemokraten laut Hochrechnungen zehn Prozentpunkte und fielen unter 20 Prozent. Das schlechteste Ergebnis seit 1946 musste Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel einräumen. Von einem "bitteren und schweren Abend" für seine hessische SPD sprach der 49-Jährige.

Dabei hätte es anders kommen können: Die SPD ist auf dem hessischen Land und in den Kommunen stark. Das ist einer der Unterschiede zu Bayern, wo sich die Sozialdemokratie zur Wahl vor zwei Wochen auf ähnlichem Niedrigstniveau wiederfand wie zuletzt in Baden-Württemberg und dem südlichen Osten Deutschlands. Nun ist in Hessen der dritte Versuch Schäfer-Gümbels gescheitert, Regierungsverantwortung zu übernehmen. Entsprechend übellaunig war die Stimmung auf der Wahlparty in einer Kneipe gegenüber dem Landtagsgebäude: "Mist ist das alles", schimpft ein Genosse.

Im politischen Experimentierfeld Hessen hatte die SPD zuletzt unter Hans Eichel Erfolg. Er regierte die Neunzigerjahre durch und bildete eine Koalition mit den in Hessen regierungstauglich gereiften Grünen – lange bevor das auf Bundesebene erstmals möglich wurde. Dann folgten mit Roland Koch und Volker Bouffier fast zwei Jahrzehnte CDU-Führung, zuletzt in einer Koalition mit den Grünen. Für die SPD lief es zuletzt gar nicht mehr in dem Bundesland: Mit einem politischen Knall endete der Versuch der Sozialdemokratin Andrea Ypsilanti von 2008, sich mit einer rot-grünen Minderheitsregierung von der Linken tolerieren zu lassen – obwohl sie das im Wahlkampf ausgeschlossen hatte. Jetzt erreicht die Partei keine 20 Prozent mehr.

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Auf der Suche nach Gründen für die neuerlichen Verluste zeigt die Hessen-SPD nach Berlin. Landesgeneralsekretärin Nancy Faeser sieht das Ergebnis als "ein Misstrauensvotum" der Wähler angesichts der Politik der großen Koalition beim Thema Diesel und in der Krise um Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen. Die Nummer zwei der hessischen Kandidatenliste sieht die SPD in einer "tiefen Vertrauens- und Glaubwürdigkeitskrise". Man sei mit den landesbezogenen Themen nicht zum Wähler durchgedrungen. "Da war ein Orkan aus Berlin, der auf uns niedergegangen ist", sagt der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Günter Rudolph. Und auch eine ARD-Umfrage zeigt: Die Hälfte der Hessen wollte bei der Landtagswahl der Bundesregierung einen Denkzettel verpassen.

Widersprüche tun sich auf in der Frage, wofür die SPD so abgestraft wurde. Spitzenkandidat Schäfer-Gümbel verweist in mehreren Statements des Wahlabends auf die Kompetenz seiner Partei: Umfragen hätten die Wähler der SPD in der Wohnungs- oder Bildungspolitik gute Werte zugebilligt. Warum sich das nicht in Stimmen niederschlug, kann er sich nicht erklären. "Ich habe es noch nie erlebt, dass die Opposition die Themen setzt und trotzdem das Rennen verliert."

Das allerdings steht in krassem Widerspruch zu dem Umstand, dass in Umfragen im Wahlkampf 64 Prozent der Befragten nicht zu sagen wussten, "wofür die Partei eigentlich steht". Die große Mehrheit – nämlich 58 Prozent – wählte die SPD einfach nur, weil sie die SPD ist – nicht wegen sozialdemokratischer Kernthemen wie Miete oder Bildung und Schule. 

"Nichts falsch gemacht"

Negativ wirkte sich auch aus, dass die Hessen mit ihrer bisherigen schwarz-grünen Koalition und deren Spitzenvertretern offenkundig zufrieden sind. Von Enttäuschung über die Regierenden oder von unerfüllten Erwartungen war in Umfragen nichts zu spüren. Auf der Wunschliste der möglichen Ministerpräsidenten rangierte Schäfer-Gümbel auf Platz drei, mit 43 Prozent wollte ihn nur weniger als die Hälfte der Hessen als Regierungschef – im Gegensatz zu dem grünen Vizeministerpräsidenten Tarek Al-Wazir oder Volker Bouffier von der CDU. Durch das Bündnis aus der in Hessen historisch konservativen CDU und der verbürgerlichten Umweltpartei sahen sich demnach die meisten Hessen gut vertreten.

Wie zum Trost bescheinigt die SPD-Bundesspitze von Berlin aus Schäfer-Gümbel gute Arbeit. Er sei "ein hoch glaubwürdiger Spitzenkandidat" gewesen, der "nichts falsch gemacht" habe, sagt Parteichefin Andrea Nahles. Dann übernimmt sie selbst einen Großteil der Verantwortung: Zu den Verlusten "hat die Bundespolitik erheblich mit beigetragen", sagt sie im Berliner Willy-Brandt-Haus. Eine Analyse, die der Regierungspartner CDU teilt: Die große Koalition leiste gute Arbeit, sagt Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer. Aber sie überdecke ihre Ergebnisse oft durch Streit – über die Obergrenze für Flüchtlinge, den Familiennachzug, den Grenzschutz, den Verfassungsschutzpräsidenten.