Manchmal hat Matthias Jobst das Gefühl, dass er an allem schuld ist außer dem Buchsbaumzünsler. Der Buchsbaumzünsler ist ein Schmetterling, dessen Larven gerade die Buchsbäume in bayerischen Gärten verwelken lassen. Jobst ist Landtagskandidat für die SPD in Regensburg.

Eben noch stand er mit drei Genossen vor einem Krankenhaus, um Unterschriften zu sammeln. Ein Volksbegehren, "damit es einen Pflegedingsbums gibt", sagte Jobst dabei einmal aus Versehen. Und meinte eigentlich "Pflegeschlüssel" – also einen festgelegten Wert dafür, wie viele Pfleger auf wie viele Kranke kommen.

Am Infostand kamen zwischenzeitlich drei Genossen auf einen Informierten. Ein Mann im grünen Shirt erzählte ihnen seine Krankengeschichte, von abgesagten OP-Terminen und überforderten Pflegerinnen und Pflegern. Die drei Sozialdemokraten sahen betreten auf die Unterschriftenlisten, nickten: Ja, schlimm alles, es tut uns leid. Als wäre die SPD verantwortlich für jede persönliche Misere jedes Menschen.

Kein Gesicht, das es zu verlieren gäbe

Wahlkampf für die SPD war in Bayern schon immer aussichtslos. Aus heutiger Sicht märchenhafte 20 Prozent haben die Genossen 2013 geholt. Doch davon kann die SPD diesmal nur träumen. Obwohl die CSU schwach ist wie nie, geht es a auch für die SPD in den Umfragen für die Landtagswahl Mitte Oktober bergab. Mit elf Prozent könnte sie auf Platz fünf durchgereicht werden. Lustvolle Opposition, das gelingt derzeit nur den zweitplatzierten Grünen. An der Basis der Bayern-SPD herrscht dagegen Zynismus vor. Man schämt sich so sehr für die Berliner Koalition, dass man sich selbst vor gar nichts mehr schämt. Man sagt: "Ich bin ja sowieso aus Masochismus eingetreten", oder: "Wir können fordern, was wir wollen, umsetzen werden wir es eh nicht", und: "Man braucht eine hohe Frustrationstoleranz" – und es ist egal, ob Journalisten diese Sätze hören. Kein Gesicht, das es zu verlieren gäbe.

Wer heute in Bayern für die SPD an Infoständen steht und an Haustüren klingelt, der bekommt nicht einmal mehr Hass zu spüren. "Früher haben uns die Leute angeschrien", sagt einer von Jobsts Regensburger Genossen. "Rote, miese Socken", haben die Bayern zu ihnen gesagt. Wie schön das war. Heute ist da nur noch Desinteresse – und ein bisschen Anteilnahme. Neulich versprach eine Bürgerin Jobst ihre Stimme. Ihr täte die SPD so leid, sagte sie.

Im Ortsverein sind sie froh, dass überhaupt noch jemand kommt

Jobst kann noch so viele Stunden Unterschriften sammeln, für den Landtag wird es kaum reichen. Das weiß er. Von den älteren Mitgliedern wollte sich niemand aufstellen lassen, zu anstrengend der Wahlkampf, zu offensichtlich umsonst.

Wenn man den 31-Jährigen fragt, warum er überhaupt kandidiert, sagt er: "Weil das, was wir eigentlich machen, wichtig ist." Auf einem Ärmel seines grünen Parkas ist ein Aufnäher: "Born to lose, live to win" steht darauf, "Geboren, um zu verlieren, leben, um zu gewinnen". Auf dem anderen Ärmel ist eine Stickerei: "No regrets" – "Nichts zu bereuen".

Wenn man Matthias Jobst fragt, warum die SPD in Bayern so einen schlechten Stand hat, sagt er: wegen der großen Koalition im Bund.

Die große Koalition war das letzte Thema, über das sie sich im Regensburger Ortsverein so richtig gestritten haben. Seitdem ist da keine Debatte mehr. Sie wollen sich nicht streiten. Sie sind froh, dass überhaupt noch jemand kommt. Der SPD, sagt Jobst, fehle es wegen der Koalition an "Begeisterungsthemen".

"Habt's ihr auch den Buchsbaumzünsler?"

Vor dem Krankenhaus fing es an zu regnen, die Unterschriftenlisten sog die Tropfen auf. Da sagte Matthias Jobst: "Pack ma's!" Jetzt steht er vor der Haustür eines Einfamilienhauses in Köfering. Das Dorf ist das, was man sich unter Landleben vorstellt, wenn man Landleben nur aus Filmen kennt: Einfamilienhäuser, in denen Hunde bellen. Die Grundschule und das Rathaus teilen sich ein Gebäude. Kinder rütteln an Kaugummiautomaten. In den Gärten stehen so viele Vasen, Solarleuchten, Statuen, dass kaum Platz für Pflanzen bleibt. Man kann sich nicht vorstellen, dass die Welt an irgendeinem Ort mehr in Ordnung sein könnte als in Köfering – aber bei der Bundestagswahl haben 15,6 Prozent der Einwohner hier AfD gewählt. Die SPD bekam 14 Prozent.

Ein Herr in einem weißen Shirt öffnet die Tür. "Grüß Gott", sagt Matthias Jobst, "ich kandidiere für den Bayerischen Landtag und wollte Ihnen einfach mal Hallo sagen." Hinter Jobst steht Traudl Myslakowski, 63, eine kleine Frau mit graublonden Haaren und Daunenjacke, die zur Verabschiedung immer "Pfia Gott" sagt. Als sie vor 17 Jahren nach Köfering zog, der Liebe wegen, war sie im Dorf das einzige SPD-Mitglied. Dann rollte der Schulz-Zug, ein paar Köferinger traten wegen des SPD-Kanzlerkandidaten neu ein. "Man glaubte: Jetzt geht es aufwärts", sagt Myslakowski. "Aber man wusste gar nicht, warum." Der Köferinger SPD-Ortsverein hat nun fünf Mitglieder – unter 5.000 Einwohnern.

Jobst wird heute an etwa 30 Haustüren klingeln, immer wieder seinen Satz aufsagen. Wenn die Leute hinter den Türen gar nicht reden wollen, wird Traudl Myslakowski einspringen, auf den nächstgelegenen Buchsbaum zeigen und fragen: "Habt's ihr auch den Buchsbaumzünsler?" Dann werden die Leute nicken. Ja, schrecklich, werden sie sagen – auf dem Land ist man nett zueinander, selbst wenn man politisch nicht miteinander kann.

Matthias Jobst hat dem Herrn an der Haustür einen Flyer in die Hand gedrückt, auf der Vorderseite sieht man Jobst und den Bezirkstagskandidaten, auf der Rückseite Natascha Kohnen, die Spitzenkandidatin der Bayern-SPD. "Die SPD ist auf dem falschen Ast", sagt der Herr. "Aber", er tippt mit dem Zeigefinger auf das Foto von Kohnen, "ich finde sie gut. Aber …", sagt der Herr schon wieder, "ihr hättet in der Opposition sein sollen. Jetzt ist wieder vier Jahre Stillstand." Traudl Myslakowski sagt: "Ja." Matthias Jobst sagt: "Wir geben unser Bestes."

So gut laufen die Haustürgespräche nicht immer.

Bayern hat nichts gegen die SPD. Aber sie deshalb gleich wählen?

Die große Koalition nimmt der bayerischen SPD die Themen weg, und sie nimmt ihr die Aufmerksamkeit. Am Dienstag der vorletzten Woche haben die Regensburger Jusos Rote-Bete-Knödel verschenkt. Sie waren stolz auf die Idee: die perfekte Kombination aus bayerischer Tradition und der Farbe Rot. Dann poppte auf allen Smartphones die Nachricht auf, dass Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen befördert wurde – mit Zustimmung der SPD-Chefin. Wofür machen wir hier eigentlich Wahlkampf, haben sie sich da gefragt.

Die Parteijugend ist damit nicht allein. Die AfD hat ihren Stand längst aufgebaut, als ein Windstoß den halb ausgeklappten Pavillon des SPD-Ortsvereins in Erding fast umbläst. Ulrich Reinhardt, Schatzmeister, steht mit seinen Genossen auf dem Schrannenplatz, zwischen dem Brauhaus von Erdinger Weißbräu und dem historischen Rathaus. Sie haben Kugelschreiber mitgebracht, Quietscheentchen und Frustrationstoleranz.

Wenn man die Sozialdemokratie mit Luftballons retten könnte, hätte Reinhardt an diesem Tag gleich mehrere Direktmandate für die SPD gesichert. Reinhardt, zwei Meter groß, trägt einen hellen Mantel und immer zwei rote Luftballons in der Hand. Als eine Familie am Stand vorbeizieht, der Kinderwagen bereits geschmückt mit Ballons von den Grünen und der FDP, läuft er den Eltern hinterher. "Da fehlt noch was", sagt er und knotet einen weiteren Ballon an den Kinderwagen. Die Familie sieht nun aus wie eine lebendige Werbetafel für den Parlamentarismus. "Luftballons gehen immer gut", sagt Reinhardt.

Er ist seit 42 Jahren SPD-Mitglied – länger, als er verheiratet ist. Die Ehe, sagt er, war leichter. "Es kommen auch wieder bessere Zeiten", das wiederholt er, mit zwei Ballonschnüren zwischen den Fingerspitzen, wie ein Mantra, das ihn den Wahlkampf ertragen lässt.

Annemarie Schorr, 62, schiebt ein Fahrrad mit dem Schriftzug "Bavaria" über den Schrannenplatz, vorbei an Ulrich Reinhardt. Am Stand der SPD lässt sie sich ein rotes Quietscheentchen schenken, für ihren Enkel. In ihrem Fahrradkorb liegen ein CSU-Ball, ein Windrad von den Grünen. "Ändert alles nichts", sagt sie. Sie wählt FDP. Aber die Kohnen, die komme wirklich nett rüber.

"Eine neue Bewegung mit Kevin Kühnert und Campino als Vorsitzenden"

Bayern hat nichts gegen Kohnen, die SPD oder ihre Themen. Ja, sagen die meisten, Pflege ist wichtig, und ja, Wohnen auch. Aber deshalb gleich SPD wählen? Das muss ja nicht sein.

Um vielleicht doch noch ein paar Wähler zu überzeugen, reist Natascha Kohnen durch Bayern, mit einer Veranstaltungsreihe, die KohnenPlus heißt. Dabei interviewt die Spitzenkandidatin lokale Stars – deshalb das Plus. An diesem Septemberabend in einem Kino in Passau ist es Till Hoffmann, der aus Passau stammt und das #wirsindmehr-Konzert in Chemnitz mit organisiert hat.

Kohnen stellt ihm Fragen, seine Antworten benutzt sie als Stichworte, um aus ihrem Wahlprogramm zu erzählen. Hoffmann sagt "Hausbesetzer" – Kohnen sagt "Mietenstopp". Hoffmann sagt "alte Leute" – Kohnen sagt "Pflegereform". Manche Sätze hat sie sich zurechtgelegt: "Wohnen ist keine Entscheidung, man kann ja nicht sagen: Ich wohne jetzt mal drei, vier Monate nicht", oder: "Statt 'Steuern zahlen' sollten wir vielleicht lieber sagen: 'Steuern beitragen'". Sätze, die im Gespräch natürlich wirken, genau wie der Pullover, der immer über ihren Schultern hängt, die Ärmel vor der Brust zusammengeknotet: einsatzbereit, aber gerade nicht notwendig.

Bei den Landtagswahlen 1986 wählten in Passau noch fast 55 Prozent CSU. Heute sind von den 51.000 Einwohnern etwa 12.000 Studenten. Auf den Wänden der Häuser, die aussehen wie aus einer Märchenstadt-Filmkulisse, prangen FCKAFD-Graffiti. An einer Treppe, von der aus man auf die Donau blickt, steht "06.10. Nazis wegklatschen".

Kühnert und Campino als Vorsitzende

Nach der Veranstaltung, Natascha Kohnen sitzt längst wieder im Auto nach München, ist die Bar des Kinos noch voll. Der Konzertveranstalter Till Hofmann steht am Tresen. Hat Kohnen ihn überzeugt, die SPD zu wählen? Er nickt: Ja, klar, warum eigentlich nicht. Und ist die SPD die Partei, die die #wirsindmehr-Bewegung abbilden kann? "Nein", sagt er. "Dafür bräuchte man eine neue Bewegung. Mit Kevin Kühnert und Campino als Vorsitzenden."

An einem der Tische sagt später am Abend einer der Passauer Genossen, dass es ihm manchmal peinlich sei, Leuten von seiner SPD-Mitgliedschaft zu erzählen. "Warum?", fragt ein anderer. "Du hast doch so eine stark selbstzerstörerische Ader."

Zum Glück gibt es in Bayern die Redewendung "Ja mei". Ohne Ja mei wäre dieser Wahlkampf nicht möglich. Ja mei, das ist Vergebung, das ist Kompromiss, das ist hinnehmen, was man nicht ändern kann. Ja mei, wir sind ja nicht schuld dran, was in Berlin passiert. Ja mei, jetzt müssen wir eben zugeben, dass wir Fehler gemacht haben. Wer Fehler eingesteht, dem wird verziehen, das hat Juso-Chef Kevin Kühnert gesagt, und darauf berufen sich die Genossen an den Wahlkampfständen, wenn sie Gesetze rückgängig machen wollen, die ihre eigene Partei im Bund mit verantwortet hat.

Die SPD bräuchte eine Wohlfühlkampagne

Elisabeth Jordan hat Radiergummis auf den Tischen verteilt, kleine rote Würfel mit der Aufschrift "SPD". Daneben liegen Kugelschreiber. Nein, sagt Jordan, das ist nicht als Symbol dafür gemeint, dass sich manche Fehler nicht ausradieren lassen. Die Radiergummis hatte sie noch übrig, vom Schulanfangsinfostand.

Jordan ist an diesem Sonntagmorgen Gastgeberin für Natascha Kohnen. Dass die Natascha kommt, findet Jordan "motivierend". Das wichtigste lokale Thema ist in Rosenheim eigentlich der Brennerbasistunnel, die SPD ist dagegen, aber wer interessiert sich noch dafür, wenn der ganze Bundestag andauernd streitet? Dass Kohnen heute da ist, sagt Jordan, und dass die Leute im Café stehen müssen, weil es so voll ist, gebe ihr neue Kraft.

Jordan, Kandidatin für den Bezirkstag Oberbayern, hat sich auf der Straße einiges anhören müssen. "Puppentheater" haben die Leute gesagt, "Kindergarten" – und immer ging es dabei um die Streitereien in der Groko. In den Achtzigern ist Jordan schon einmal aus der SPD ausgetreten, wegen des Dublin-Abkommens. "Ich war eine kompromisslose junge Frau", sagt sie. Aber sie hat gelernt, Kompromisse zu machen. "Das kommt mit dem Alter." Ja mei.

Nach seiner Tour im Haustürwahlkampf sitzt Matthias Jobst im Bus zwischen Köfering und Passau. Er schaut aus dem Fenster, neben einer Ampel steht ein Wahlplakat mit dem Gesicht von Natascha Kohnen. "ANSTAND" steht in großen Buchstaben darauf. Es gibt diese Plakate auch mit dem Wort "HALTUNG". Daneben hängt ein Plakat der Grünen: "Mut geben statt Angst machen" ist der Schriftzug über den grinsenden Gesichtern von Katharina Schulze und Ludwig Hartmann. "Die Grünen machen da so eine Wohlfühlkampagne", sagt Jobst, und man hört ein bisschen Neid in seiner Stimme. Wie schön wäre das, sich auch mal wohlzufühlen – neben all dem Anstand und all der Haltung, die man ja sowieso braucht, um an Türen zu klingeln und um immer wieder zu sagen: Es tut mir leid. Wir geben unser Bestes.